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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Russland und das Gas03.03.2008

Russland und das Gas

Zwei Sachbücher über die Wechselwirkungen zwischen Rohstoffverkauf und Politik

<strong> In Russland ist nach den Wahlen alles so, wie erwartet: Als neuer Präsident tritt Dmitri Medwedew an die Stelle von Wladimir Putin. So wenig man bei diesem arrangierten Wechsel von einer demokratischen Wahl sprechen kann, so wenig lässt sich einstweilen absehen, wie sich die Machtbalance zwischen dem neuen Chef im Kreml und einem möglichen Ministerpräsidenten Putin entwickeln wird. Soviel aber ist gewiss: An seiner Großmachtpolitik wird Russland festhalten. Und sich dabei wie bisher auf seine Öl- und Gasreserven stützen, insbesondere auf Gazprom, den größten Gasproduzenten der Erde - halb Wirtschaftsunternehmen, halb verlängerter Arm der politischen Führung. Zwei Neuerscheinungen nehmen die Wechselwirkungen zwischen dem Konzern und der Politik in Russland unter die Lupe. Sabine Adler stellt beide Bücher vor. </strong>

Gazprom-Zentrale in Moskau (AP)
Gazprom-Zentrale in Moskau (AP)

Ein bedrohlich dreinschauender Wladimir Putin, die Arme lässig auf eine Gaspipeline gestützt, die Hände symbolisch am roten Steuerrad, nimmt den potentiellen Leser ins Visier. Das Buch, das auf dem Rückumschlag mit dem reißerischen Satz "Gazprom ist eine Waffe" für sich wirbt, heischt mit Angstmache um Aufmerksamkeit.

" Der Bau der ersten Gaspipeline Saratow-Moskau in den 40er und 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts lag in der Hand von Wojenstroi, einem Baubetrieb der Armee, der von Lawrentin Beerija geleitet wurde, der wiederum für die Herstellung der Atombombe verantwortlich war. Damit war von Anfang an klar, dass das Gas als eine Waffe betrachtet wurde. "

Wer nun eine Art Kriegsberichterstattung von den verschiedenen Schauplätzen erwartet, sieht sich getäuscht, denn Gazprom könnte zwar als Waffe eingesetzt werden, wird tatsächlich aber eher als wirkungsvolles Druckmittel instrumentalisiert. Bevor das ausgeführt wird, sollte sich der Leser zunächst auf einen Rückblick auf nunmehr gut 20 Jahre russischer Geschichte einrichten, der zwar Gazprom in den Mittelpunkt stellt, den enormen Wandel des Sowjetreiches aber gleich mit erfasst. Ein Stück Industrie-, Privatisierungs-, Raubtierkapitalismushistorie wird lebendig.

Panjuschkin und sein gerade mal 27jähriger Kollege Sygar berichteten beide für die angesehenen Tages- beziehungsweise Wirtschaftszeitungen "Kommersant" und "Wedomosti" sowie für das Internet-Portal "gaseta.ru".

In ihrem Buch lassen sie die zurückliegenden acht Jahre Putin-Präsidentschaft Revue passieren, schauen in jene Zeit davor, als sich die sogenannten Oligarchen, clevere, gebildete junge Männer, die bis dahin durchaus nicht zur Elite des Landes zählten, die Filetstücke der Sowjetwirtschaft unter den Nagel rissen. Mit Ausnahme von Gazprom, einem Unternehmen mit 400. 000 Beschäftigten, dem größten Arbeitgeber in Russland, heute mit einem Börsenwert von mehr als 230 Milliarden Dollar. Die beiden Journalisten beschreiben die Chaos-Jahre, als die Preise freigegeben wurden, die Masse der Bevölkerung schlagartig verarmte und hungerte und Gazprom damals, Anfang der 90 Jahre, überredet wurde, endlich Steuern zu zahlen an den russischen Staat, damit die Regierung zumindest ihre allernötigsten Ausgaben bestreiten konnte. Das Land überlebte dank Gazprom.

Noch im ersten Jahr seiner Präsidentschaft feuerte Putin den amtierenden Gazpromchef Rem Wjachirew, setzte seinen Vertrauten Alexej Miller ein, außerdem erschien erstmals auf der Bildfläche der junge Dmitri Medwedew.

Der Wechsel bei Gazprom war die Quittung für Wjachirews mangelnde Kooperationsbereitschaft, den konzerneigenen TV-Sender NTW zurückzupfeifen, von seiner Kritik an Putin und den Tschetschenienkrieg abzubringen.
Der Fernsehsender wurde nun von Putin auf Linie gebracht, in dem sich tiefer Groll auf aufmüpfigen Journalisten angestaut hatte.

Unfreiwillig großzügig und den eigenen Geschäftsinteressen widersprechend zeigt sich der russische Gasriese Weißrusslands Diktator Alexander Lukaschenko gegenüber, dessen Regime sich hauptsächlich Dank Gazprom am Leben hält.

" Ökonomisch ist es überhaupt nicht rentabel, dass Gazprom sein Gas so billig nach Weißrussland verkauft. Und für die Firma wäre es vorteilhaft, wenn sie Auslandinvestitionen in Anspruch nehmen könnte, um neue Lagerstätten zu erschließen. Doch das kann die Firma nicht tun, weil es den Interessen Wladimir Putins widerspricht. "

Umso mehr freute man sich in der Moskauer Gasprom-Zentrale über den Wahlsieg der Reformer Viktor Juschtschenkow und Julia Timoschenko. Nicht, weil man Sympathien für die Sieger der orangenen Revolution in der Ukraine hegte, sondern weil man ihnen, anders als dem russlandfreundlichen Kontrahenten Janukowitsch, einen sehr viel höheren Gaspreis abverlangen konnte.

Dass Moskau ab und an und gerade jetzt erst wieder den Gashahn in Richtung Ukraine zudreht, weil entweder Rechnungen nicht bezahlt werden, die Ukrainer heimlich Gas abzapfen oder man sich mit Kiew auf den Preis nicht einigen kann, wird im Westen, so die Autoren, regelmäßig falsch verstanden. Nicht die Ukraine werde für das Verhalten kritisiert, weil es sich als Transitland diskreditiert, sondern Russland, der seriöse Lieferant.

Ähnlich unverstanden fühlten sich wohl der russische Präsident und die Gazprom-Chefs bei der Wahl von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder zu einem der vier Gazprom-Vertreter im Aktionärsausschuss der Ostseegaspipeline Nord Stream, sagt Michail Sygar.

" Gazprom war vollkommen davon überzeugt, dass man einen tollen Coup gelandet hat, als man Gerhard Schröder für die Mitarbeit gewinnen konnte. Das würde Gazproms Renommee und Image erhöhen. Als das nicht eintrat war man bei Gazprom ratlos und ohne jedes Verständnis, denn schließlich machte doch Schröder in Deutschland und Europa Werbung für Gazprom und für ihn hatten doch so viele Wähler gestimmt. "

"Russland gibt Gas", das neue Buch des Russlandexperten Alexander Rahr, räumt dem Gasmonopolisten ebenfalls viel Platz ein, lenkt den Blick dabei auch auf den Kampf Moskaus um die Vorherrschaft als Erdgaslieferant des Westens, rechnet vor, warum Russland die Gunst der Stunde nutzen muss. 15 bis 20 Jahre könnte die Umstellung auf regenerative Energien im Westen noch dauern, braucht der Aufbau neuer Atomkraftwerke, bis dahin muss Moskau sein Geschäft mit den Hydrokarbonaten gemacht haben.

Beide Bücher ergänzen sich gut.

Rahr legt den Schwerpunkt auf die Analyse des heutigen Russlands, die beeindruckend fakten- und facettenreich und dennoch streckenweise gewöhnungsbedürftig ist. Das liegt nicht nur an der Perspektive des Autors, der als kreml- und putinfreundlich gilt, eine Einordnung, mit der Kollegen Rahr mangelnde Objektivität vorwerfen, obwohl er Putin durchaus Putin.

Es stört vielmehr die eitle Freude, die dem Autor anzumerken ist, wenn er von Treffen und Kontakten berichtet, wozu er nur dank seines Vordringens in den inner circle in der Lage ist. Dass er damit den Neid auf sich zieht, geschenkt. Ein Beispiel:

" Die westlichen Russlandexperten, die jedes Jahr hierher zum Mittag- oder Abendessen mit Wladimir Putin eingeladen werden, sind aufgeregt. Wer darf die kritischste Frage an den Präsidenten stellen? Wer darf in seiner Nähe sitzen? Die Spannung steigt. "

Der Stolz hindert den kenntnisreichen Autor, Distanz zu halten, darunter leidet seine Glaubwürdigkeit. Wenn er die harten Wahrheiten benennt, die bislang Putins - und nach der Amtsübergabe im Mai - Medwedews Riesenreich ausmachen, dann fühlt man sich an Auftritte von Gerhardt Schröder zu Zeiten von Rot-Grün erinnert. Das leidige Thema Tschetschenien wurde angesprochen und abgehakt.

Bei Alexander Rahrs neuem Buch verhält es sich ähnlich: In einem genervt klingenden Ton schlüsselt er auf knapp 20 Seiten die immer wieder gegen die russische Führung erhobene Vorwürfe und Missstände auf: Ja, die russische Demokratie sei eine Fassade, ja in Russland sei die Pressefreiheit eingeschränkt, ja, es breite sich Xenophobie aus, ja, es gäbe mehr Gefangene als unter Stalin.

Die Aufzählung ist umfangreich, kein wesentlicher Punkt fehlt.

Rahr kommt das Verdienst zu, über die Anklage hinaus zu gehen, die Fortschritte, die das Land zweifellos bei der Verbesserung der Versorgung der Bevölkerung, der stark zurückgedrängten Schattenwirtschaft, in der Modernisierung der Wirtschaft gemacht hat, zu benennen und somit ein zeitgemäßes Bild von Russland zu zeichnen.

Diese Schilderung nimmt breiten Raum ein, was gerechtfertigt ist, sind doch die Kritikpunkte hinlänglich bekannt, besteht dagegen aber noch Bedarf an Berichten über den Aufschwung in der allerjüngsten Vergangenheit, den das Land dank der hohen Energie- und Rohstoffpreise gerade nimmt.

Rahr, ein Experte mit einem ungewöhnlich weiten Fokus, setzt das Bild aus so vielen Mosaiken zusammen, wie man es selten in einem einzelnen Werk findet.

Der SPD-Osteuropaexperte Egon Bahr, den sich Rahr bei der Buchvorstellung in Berlin an seine Seite holte, sieht die Gefahr der Verfallszeit, die durch den russischen Präsidenten noch einmal zusätzlich verkürzt wurde.

" Auch ein so intimer Kenner der Szene wie der Autor hat natürlich darunter gelitten, wie lange Putin es verstanden hat, die Entscheidung über seinen Nachfolger offen zu halten. Diesem Umstand verdanken wir eine Liste von Spitzenpolitikern mit ihrem Persönlichkeitsprofil. Sie wird Journalisten, Politikern und Wirtschaftlern die Möglichkeit geben, die Struktur der Spitze nach der Präsidentenwahl zu beurteilen. "

Dass der neue russische Präsident Dmitri Medwedew heißt, hat nicht die Wahl gestern entschieden, sondern Putin Mitte Dezember, als er den sehr viel jüngeren Petersburger Freund zu seinem Wunschnachfolger benannte.

" Putin möchte mit Medwedew als einen weichen Modernisierer im Gegensatz zu seiner härteren Linie platzieren. Aber er bleibt natürlich als der Garant für Stabilität und für den etwas härteren Kurs in der Regierungspolitik. Putin soll Außenhandelsminister werden, Teile der Energieaußenpolitik sollen unter seiner Obhut bleiben, wahrscheinlich die Geheimdienste auch. Deshalb wird es sehr spannend zu sehen, wie die Machtaufteilung nach dem 3. Mai funktionieren wird. "

Der Autor macht keinen Hehl daraus, dass er Russland bei aller Sympathie als sehr widersprüchlich empfindet. Umso unnötiger ist der aufrechnende Ton der gegenseitigen Vorhaltungen, die sich Moskau und der Westen ohnehin immer noch wechselseitig machen und in den Alexander Rahr unnötigerweise auch noch verfällt. Ohne diese Polemik hätten die Argumente größere Chancen, zum Leser vorzudringen.

Dennoch lohnt es allemal, auch und wegen seiner Aktualität.

"Russland gibt Gas. Die Rückkehr einer Weltmacht". So der Titel des Buches von Alexander Rahr, erschienen im Hanser Verlag, 288 Seiten kosten EUR 19,90. Außerdem in der Rezension von Sabine Adler: Waleri Panjuschkin und Michail Sygar: Gazprom. Das Geschäft mit der Macht, erschienen bei Droemer/Knaur, 304 Seiten für EUR 16,95.

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