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SalafismusDie Suche nach Anerkennung

Was bewegt junge Menschen dazu, ihre Freiheiten aufzugeben, sich einer rückwärtsgewandten Religion zuzuwenden und in letzter Konsequenz auch einen Anschlag im Namen des IS zu verüben? Thomas Mücke geht dieser Frage in seinem Buch nach.

Von Ina Rottscheidt

Im Fenster der Anlaufstelle des Präventionsprogramms "Wegweiser" mit dem Schriftzug "Deradikalisierung" spiegelt sich in Wuppertal (Nordrhein-Westfalen) eine Häuserzeile. (dpa / Oliver Berg)
"Adam hatte wenige soziale Kontakte, wenige Freunde, bevor er konvertiert ist." (dpa / Oliver Berg)
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Adam war 18 Jahre alt, als er beschloss, nach Syrien zu gehen. Nichts hatte in den Jahren zuvor auf eine Radikalisierung hingedeutet: Adam war wohlbehütet in einer bayerischen Kleinstadt aufgewachsen, seine Familie christlich geprägt, die Eltern in der Gemeinde aktiv. Adam machte eine Ausbildung zum Elektriker. Bis Freunde und Familie Veränderungen an ihm beobachteten.

"Adam vertrat haarsträubende Ansichten über die Anschläge auf das World Trade Center und zeigte unverhohlen seinen Hass gegen Juden und Amerikaner. Er las stundenlang im Koran, betete viel und hörte sich die Predigten von radikalen Islamisten an. Adam begann, in der Zeit seiner Radikalisierung Arabisch zu lernen. Er hörte auf, in seinem Bett zu schlafen; um sich abzuhärten, schlief er auf einem Teppich in seinem Zimmer. Zweimal in der Woche fastete er. Zu seinem Vater sagte er einmal: 'Ich gehe aus einer bösen in eine heile Welt.'"

Diese Welt war für ihn Syrien. Im Sommer 2013 verließ er Deutschland, er nannte sich nun "Abdullah Adam al-Almani": "Adam, der Deutsche". Am 18. Januar 2014 stirbt Adam in Syrien. Seine Eltern in Deutschland erfahren von seinem Tod über Facebook, wo Dschihadisten ein Foto des Toten posten.

Thomas Mücke hat hunderte von radikalisierten Jugendlichen kennengelernt. So, wie Adams Eltern wenden sich verzweifelte Verwandte und besorgte Freunde an ihn und seine Kollegen, weil der Sohn, die Tochter oder der Freund in den Salafismus abzugleiten droht; nicht mehr zugänglich ist, konkrete Pläne für eine Ausreise nach Syrien macht.

Thomas Mücke ist Geschäftsführer des Violence Prevention Network, einer Nichtregierungsorganisation, die seit 2004 im Bereich Extremismusprävention und Deradikalisierung von extremistisch motivierten Gewalttätern tätig ist.

In dem Buch "Zum Hass verführt", das Mücke zusammen mit der Journalistin Dörthe Nath geschrieben hat, beschreibt der Sozialarbeiter seine Erfahrung mit eben diesen Jugendlichen. Neben der Geschichte von Adam erzählt er etwa die von Hamid, der im Gefängnis in Kontakt mit radikalen Ideologien kam. Von Celine und Silvia, die sich nach einer Ehe mit einem Gotteskrieger sehnten. Oder von Mehmet, der den Ausstieg schaffte.

Nicht unbedingt die gesellschaftlich Abgehängten

Es sind nicht unbedingt die gesellschaftlich Abgehängten. Vielmehr eint diese jungen Menschen eine Orientierungslosigkeit und die persönliche Suche nach Anerkennung und nach einem Sinn:

"Plötzlich sind Menschen wie Mehmet ihrem Gefühl nach nicht mehr Außenseiter, Marginalisierte der Mehrheitsgesellschaft, sondern sie sind auf einen Schlag wer und können sich voller Stolz als Muslime bezeichnen."

Bei Adam war es möglicherweise die Scheidung seiner Eltern, die ihn aus der Bahn warf. Das vermutet Mücke in seinem Buch. Fragen konnte er ihn nicht mehr. Vielleicht war es aber auch eine Rebellion gegen die religiösen Grundwerte seiner Eltern. Oder der Wunsch nach Bedeutsamkeit und Macht:

"Adam hatte wenige soziale Kontakte, wenige Freunde, bevor er konvertiert ist. Und dann brach auch noch das familiäre System zusammen. Seine Szene, seine neuen Freunde gaben ihm Halt und Geborgenheit. Plötzlich war er jemand. Er hat andere mitreißen können, man hat auf ihn gehört."

Mücke ist häufiger Gast bei Diskussionsrunden, Fachtagungen und Talkrunden, weil er ein Praktiker ist und im Gegensatz zu vielen Politikern und Multiplikatoren kennt er den Alltag und die Probleme der radikalisierten Jugendlichen aus eigener Erfahrung. Und auch die Strategien der Menschenfänger:

"Extremisten arbeiten immer an der Bruchlinie, nicht nur an der einzelnen Person, sondern an der Bruchlinie einer Gesellschaft. Sowohl die Rechtsextremisten, als auch die extremistischen Salafisten brauchen die Eskalationen dieser Gesellschaft, sie brauchen die Spaltung, die brauchen die Polarisierung, um neue Anhängerschaft zu gewinnen."

Bereits in den 80er-Jahren kümmerte sich der Sozialarbeiter um Rechtsradikale im Berliner Norden. Die Mechanismen der Radikalisierung und die Faszination, die diese Gruppen auf junge Menschen ausüben können, weisen durchaus Parallelen auf: Auch das schreibt er in seinem Buch:

"Auch im rechten Milieu hat die Gemeinschaft eine große Bedeutung, nur wird diese Kameradschaft nicht religiös aufgeladen, sondern rein politisch. Auch für sie gilt; nach innen unbedingte Unterstützung und Solidarität, nach außen Feindschaft."

Und letztlich, so Mücke, brauchen sich Rechtsextreme und Salafisten gegenseitig, um weiter Anhänger zu finden:

"Für Islamisten hat es positive Auswirkungen, wenn die Islamfeindlichkeit in der Gesellschaft wächst. Sie können damit neue Anhänger gewinnen und sagen: 'Seht her, Muslime sind in dieser Gesellschaft nicht gewollt.' Und die Rechten sagen: 'Wir müssen uns wehren, wir wollen den Islam nicht, er bedroht uns, bringt uns Terrorismus und Lebensweisen, die nicht zu uns passen'."

Wie aber sollen Politik und Gesellschaft diesem Phänomen begegnen? Diese Frage stellen sich vor dem Hintergrund immer neuer Anschläge alle westlichen Gesellschaften. Mücke ist überzeugt: Repression, Überwachung und Wegsperren helfen langfristig nicht. Er fordert mehr Unterstützung von Präventions- und Interventionsarbeit. Denn obwohl das Problem zunimmt, kämpfen Einrichtungen um finanzielle Mittel, Projekte laufen aus, es mangele an muslimischen Seelsorgern in Gefängnissen, schreibt er, und an einem fundierten Islamunterricht in deutscher Sprache.

Forderung nach Zeugnisverweigerungsrecht

Und noch etwas fordert er von der Politik: ein Zeugnisverweigerungsrecht für sich und seine Mitstreiter, so wie es auch Anwälte, Ärzte oder Priester haben, deren Arbeit von nichts so sehr abhängt wie dem Vertrauen:

"Wir unterliegen wie jeder andere Bundesbürger der Zeugnispflicht. Das heißt, wenn wir vorgeladen werden vor Gericht, sind wir verpflichtet, vollständig und wahrheitsgemäß eine Aussage zu machen. Und daher müssen wir auch aufpassen, welche Informationen wir bekommen, wenn wir vor Gericht vorgeladen werden, wäre das das Aus für unsere Arbeit."

Die Thematik ist hochaktuell, Thomas Mücke gibt Einblicke in Lebenswelten, die der Mehrheitsgesellschaft unbekannt sein dürften. Deshalb ist es ein lohnenswertes Buch, das Politiker zur Hand nehmen sollten, wenn sie künftig – wie schon so oft – über das Phänomen diskutieren.

Mückes Appell: die Jugendlichen nicht aufzugeben. Bei Adam hatte er keinen Erfolg, aber viele andere Jugendliche fanden durch die Arbeit von Mücke und seinen Kollegen den Weg zurück:

"Wir können nicht immer sagen, wir wollen mit denen nix zu tun haben. Wenn wir das tun, werden nur noch die Extremisten mit ihnen reden. Und deswegen braucht es Erwachsene, die bereit sind, Interesse für diese Jugendlichen auch zu zeigen."

Thomas Mücke: "Zum Hass verführt. Wie der Salafismus unsere Kinder bedroht und was wir dagegen machen können"
Eichborn-Verlag, 253 Seiten, Preis: 19,99 Euro

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