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StartseiteBüchermarktSamsara01.01.1980

Samsara

Es ist ein komischer Zufall. "Samsara" heißt ein teures französisches Parfum und "Samsara" heißt Doris Dörries neuer Band mit Kurzgeschichten. Zu Deutsch: Leben ist Leiden. Ein Begriff aus dem Sanskrit.

Brigitte Neumann

Die Geschichten sind spannend. Von Anfang an packt einen die Neugierde, denn: Harry, Anna, Helene, Paul, Karin und wie sie alle heißen kommen als Bekannte daher. Beneidenswerte Kreaturen - einerseits. Sie haben Alessi-Kessel auf dem Herd und nehmen sich die Freiheit, mit ihnen gelegentlich auch zu werfen. Sie tragen Klamotten von "Comme des Garcons" und "Izzy Miyake" - und zwar jeden Tag.

Aber schöne Kleider sind nur eine tröstliche Hülle, und Glück kann man nicht kaufen. Nein, gerade, wenn sich die Leute aus Doris Dörries Buch alles leisten können, macht sich das Glück dünne. Harry, Helene, Karin. Sie sind erfolgreich, unabhängig, chic und gleichzeitig voller Zweifel.

"Deswegen hab ich das Buch geschrieben", sagt Doris Dörrie, "weil mich das beschäftigt. Daß wir so viel haben und uns offensichtlich doch so leer fühlen. Das beschäftigt mich sehr. Und das beschäftigt mich vor allem deshalb, weil ich so viel in Ländern unterwegs bin, wo es gar nix gibt und wo die Leute aber glücklicher wirken als hier."

Zum Beispiel in China. Da fahren Harry und Helene, ein Paar vom Typ "Double Income No Kids" für viel Geld hin. In der Gruppe, weil ihnen vor dem miteinander Alleinsein graut. Seit Jahren schon öden sie sich an.

Aber kaum ist die kleine Katastrophe da: sie haben sich nachts in Peking verlaufen, alleine, ohne Stadtplan und Geld - da haben sich die großen Fragen erledigt und das Leben funkelt wieder. In einer dunklen feuchten Ecke machen sie sich einen Heiratsantrag.

Gibts einen Zusammenhang zwischen dickem Portemonnaie und seelischem Elend? "Ich weiß nicht recht", so Doris Dörrie. "Wenn das wirklich so wäre, dann würden ja unsere Eltern recht bekommen, die gesagt haben : Euch gehts zu gut! Das wäre ja nicht so angenehm. So gern gibt man den Eltern ja nicht recht. Aber ich habe immer mehr den Verdacht, daß da ein Zusammenhang bestehen könnte."

Helene sagt: "Ich will ein Kind, ein Haus am Meer, eine große Karriere, eine Wohnung in New York, vier Kinder, vier Hunde, vier Katzen und einen Bauernhof, Weltreisen mit Dir und allein sein und lesen." "Siehst Du", sagt Harry, "das will ich alles auch."

Es sind im Leben doch immer die gleichen Geschichten, die geschrieben werden: "Der Fischer und seine Frau", "Ediths Tagebuch" oder "Die Glasglocke". Und es geht in ihnen immer wieder um die gleiche Frage: Wieviel Freiheit hält der Mensch aus?

In Doris Dörries Kurzgeschichten hält der Mensch zum Beispiel nicht gut aus, daß Mann und Frau heute wählen können, wie sie's miteinander halten. Doris Dörrie dazu: "Da muß man erst mal drüber wegkommen, daß es das erste mal in der Menschheitsgeschichte so ist, daß wir Frauen mit Männern zusammenleben, ohne daß es ökonomische Gründe haben müßte. Das ist das erste mal so. Und das stürzt uns alle, glaube ich, in ziemliche Verwirrung. Das bedeutet, daß es keinen Grund mehr gibt, zusammen zu sein, außer, wenn man sich wirklich liebt. Das heißt, es ist nur noch auf dieses sehr fragile, sehr schwierige, sehr komplizierte Gefühl begründet, daß wir zusammen sind. Und es gibt eben keine anderen Gründe mehr. Also: 'Ich verdien' die Brötchen. Ich muß bei dem bleiben, weil ich sonst nicht überleben kann.' Diese ganzen Gründe fallen weg. Und da haben wir, glaube ich, einen ganz schönen Schreck gekriegt. Weil wir gemerkt haben, wie wacklig dann doch alles ist."

Kein Grund außer Liebe. Aber was ist Liebe? Bei Doris Dörrie auf keinen Fall etwas, was es einfach hier und vielleicht morgen schon gibt. Also wird vorübergehend nach was Leichterem gesucht. Doris Dörrie: "Viele beschäftigen sich hier mit Buddhismus oder I Ging. Mit was immer auch. Das ist etwas, was ich auch um mich herum ganz stark bemerke - diese unglaubliche Sehnsucht nach einem anderen Ort, nach einem anderen Gefühl, nach etwas anderem - nach einem anderen Leben. Und diese Sehnsucht muß man, glaube ich, sehr ernst nehmen, auch wenn sie manchmal sehr seltsame Formen annimmt."

Daß diese Sehnsucht nicht neu, sondern eine ewige Menschheitssehnsucht ist und schon manchmal in der Geschichte seltsame Formen angenommen hat, webt die Dörrie so ganz nebenbei ein. In den Geschichten von Anna. Anna lebt mit ihrem Vater, dem Gerber, ihrer Mutter Midea und vielen Geschwistern im 16. Jahrhundert bei Rom. Die mittelalterliche Anna ist magersüchtig . Genau wie die Anna von heute im gleichen Buch, ein paar Geschichten vorher. "Jede Zeit hat so ihre Krankheit als Ausdruck dessen was fehlt", erklärt Doris Dörrie. "Und im Moment ist es für junge Mädchen oft Magersucht. Um die Jahrhundertwende war es Hysterie. Es gibt für jede Zeit so eine eigene Krankheit. Und Ende des 15. Jahrhunderts gab's das schon mal. Da wurde man nämlich automatisch zur Heiligen, wenn man nichts mehr gegessen hat, wenn man magersüchtig war ,so würden wir das nennen, weil die Annahme war, daß man von Gott ernährt wird, wenn man nichts ißt. Die Geschichten von diesem Mädchen, von dieser Anna, im 16. Jahrhundert decken sich mit der Anna von jetzt, weil dieses Mädchen unbedingt eine Sehnsucht leben will, für die sie keine reale Erfüllung findet. Es ist dieses seltsame Loch, was sich auftut, wenn man über die Autobahn fährt und Van Morrison oder was auch immer hört, wo man nicht so genau weiß, was ist das eigentlich. Und das füllt man mit immer anderen Sachen, ob es jetzt mit Drogen oder mit religiöser Extase ist, oder damit daß man viel ißt oder nichts, es geht immer darum, dieses Loch zu füllen."

Getreu ihrem Motto "Beschreiben was ist" zeigt die Dörrie die typischen Sinnkrisen im Leben des satten, liberalen und dynamischen Mittelstands. Und könnte sich hämisch darüber her machen. Aber sie denunziert niemanden, denn: wer frei ist von Lebenslügen, werfe den ersten Stein.

Kurzgeschichten, sagt Doris Dörrie, schreibt sie um sich ihre Filmfiguren ganz aus der Nähe anzusehen. Erst kommt das Buch, dann der Film. "Ich empfinde es als großes Geschenk", so Dörrie, "daß ich beides machen kann, weil sich das so gut ergänzt. Ich bin gern ganz alleine und schreibe, und nach einem Jahr, wenn ich ganz allein war, dann bin ich auch wirklich selig, wenn ich dann auch 60 Leute um mich habe und ganz viel reden muß."

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