• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 12:10 Uhr Informationen am Mittag
StartseiteBüchermarktSchöpferische Zerstörung12.05.2004

Schöpferische Zerstörung

Diane Coyle: "Sex, Drugs & Economics"

Steht nun auch die immer wieder neu belebte Trias der Rockmusik auf der Reformagenda? War Rock’n’Roll nur eine Variable, die durch Economics ersetzt werden kann? Oder beansprucht die Ökonomie einfach nur einen Anteil am Glamour der Rock- und Popmusik? Solche Fragen drängen sich auf angesichts des reißerischen Titels <em>Sex, Drugs & Economics</em>, den die Ökonomin Diane Coyle für ihre "nicht alltägliche Einführung in die Wirtschaft" gewählt hat. Einen Report über die wilde Zeit der New Economy mag man hier erwarten, doch weit gefehlt. In der Reihenfolge des Buchtitels geht es um die Spezifika einzelner Mikro-Ökonomien – den Sexmarkt, Drogenmarkt oder Sportmarkt; dann um die Rolle von Staat und Politik in der Wirtschaft sowie die "schöpferische Zerstörung" durch neue Technologien; schließlich um Globalisierung und die Schwierigkeit volkswirtschaftlicher Prognosen.

Von Olaf Karnik

Diane Coyle, "Sex, Drugs & Economics", Coverausschnitt (Campus Verlag)
Diane Coyle, "Sex, Drugs & Economics", Coverausschnitt (Campus Verlag)

Mit Sex, Drugs & Economics will Diane Coyle, einst als Redakteurin bei The Independent tätig und heute Leiterin einer Beratungsfirma sowie Dozentin an der London School of Economics , ganz einfach Aufklärung betreiben und Vorurteile gegenüber der Ökonomie abbauen. Fachbegriffe wie "Preiselastizität der Nachfrage", "steigende Skalenerträge" oder "Netzwerkexternalitäten" sollen endlich auch Laien verständlich werden, damit sich "die Menschen" kompetent einmischen können in die Diskurse von Wirtschaft und Politik. Und natürlich soll auf diese Weise auch ein bisschen Glamour abfallen für Diane Coyle und für die nach ihrer Ansicht viel gescholtene Ökonomie – als habe nicht schon längst eine völlige Ökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche stattgefunden, was oft als "Terror der Ökonomie" beklagt wird. Dies scheint der Autorin gar nicht bewusst zu sein, wenn sie schreibt:

In diesem Buch möchte ich demonstrieren, dass Ökonomie nicht klar umrissendes Wissen über bestimmte finanzielle Themen ist, sondern eine Denkmethode, die sich auf die unterschiedlichsten Bereiche anwenden lässt. Fast alles kann einen wirtschaftlichen Aspekt haben – Ehe, Sport, Kriminalität, Drogenhandel, Bildung, Film und auch Sex. Die Ökonomie ist ein Weg zum Verständnis der menschlichen Natur, vielleicht sogar einer der erhellendsten. (…) Weil jeder, der sich eine bessere Welt wünscht, in der Lage sein sollte, wie ein Ökonom zu denken. Egal, ob Sie für oder gegen Globalisierung und Handel sind, Armut entsetzlich finden und für unausweichlich halten, glauben, es befänden sich zu viele Menschen in Haft oder zu wenige – die Ökonomie wird Ihnen bei der Argumentation helfen. Und die öffentliche Meinung beeinflusst die Politik. Würden mehr Menschen wie Ökonomen denken, wären manche Aussagen nicht mehr so widersprüchlich. Laut Meinungsumfragen votiert eine Mehrheit für eine saubere Umwelt, gleichzeitig aber auch für niedrigere Mineralölsteuern; ebenso befürwortet eine Mehrheit eine niedrigere Gesamtsteuerlast, wünscht sich aber auch verbesserte öffentliche Dienstleistungen. Die meisten Menschen sähen gern die Arbeit in Ausbeuterbetrieben abgeschafft, wollen jedoch auch ihre Kleidung so billig wie möglich kaufen.

Diane Coyles Entwirrung argumentativer Widersprüchlichkeiten mündet natürlich in eine Idealisierung entfesselter Märkte. Dass deren ganzes Potenzial noch nicht freigesetzt ist, liegt an falscher Subventionspolitik – wie etwa bei der Agrarwirtschaft – , am Missmanagement in Unternehmen, an fehlenden psychologischen Kenntnissen der meisten Ökonomen oder an unpassenden Wirtschaftsprognosen, die auf längst überholten Daten beruhen. Auch in Bezug auf die Globalisierung richtet sich Coyles populistisch-unterhaltsamer Rundumschlag gegen beide Kontrahenten. Globalisierungs-Befürworter werden kritisiert, weil sie zwar für die grenzenlose Bewegung von Gütern, Kapital und Dienstleistungen optieren, aber restriktiv vorgehen, wenn es um die Einwanderung von Menschen geht. Dabei zeigten alle Statistiken, dass Einwanderer keine Jobs wegnehmen, sondern langfristig durch höhere Nachfrage und eine größere Bevölkerung neue Arbeitsplätze und Unternehmen entstehen lassen. Globalisierungsgegner hingegen würden die bedrohlich wachsende Macht multinationaler Unternehmen und die Ohnmacht der Nationalstaaten anprangern, obwohl die Fakten belegten, dass die Staatsquote der meisten Nationen seit Jahrzehnten kontinuierlich anwächst. Naomi Kleins "No Logo" sei letztlich eine linkslastige Verschwörungstheorie, und mit Moral oder gesundem Menschenverstand sei den Fakten, Fakten, Fakten der Ökonomie sowieso nicht beizukommen.

Es ist nicht allzu schwierig, ein moralisches Urteil darüber zu fällen, wenn ein Schiff voll Kindersklaven an der afrikanischen Küste entlang fährt, aber wie sich das Ideal einer Welt ohne solche Schiffe verwirklichen lässt, kann im Augenblick wohl kaum jemand sagen.

Es gibt mehrere solcher Sätze in Coyles Buch, wo der nüchterne Pragmatismus ins Obszöne umschlägt. Denn es besteht ein Unterschied, ob man sich dem Elend der Welt gegenüber trotz aller Ohnmacht verantwortlich fühlt oder einer Logik folgt, die auf ein "Wenn wir es nicht machen, machen es andere" hinausläuft. An anderer Stelle betont Coyle immer wieder, dass "nicht Jobs, sondern Menschen" wichtig seien. Der einzelne Mensch und sein Wohlergehen, nicht die Industrie oder Aktionäre, sollte im Mittelpunkt aller wirtschaftlichen Bestrebungen und staatlichen Maßnahmen stehen. Sie selber outet sich dann auch als Vertreterin eines idealistischen Liberalismus, den sie emphatisch beschwört .

Ich bleibe dabei: Wenn Freiheit gut für mich, gut für Investmentbanker und Ölgesellschaften ist, dann ist sie gut für alle.

Freiheit freilich in dieser Reihenfolge. Die Kehrseite davon, die ein Wort wie "vogelfrei" fasst, kommt bei Coyle nicht vor; der ökonomische Begriff "Wertschöpfung" übrigens auch nicht. Coyles idealistischer Liberalismus ist äußerst verführerisch, gerade weil er den Letztbegründungsanspruch ökonomischer Faktiziät mit einer diffusen gesellschaftlichen Sehnsucht nach Idealismus kombiniert. Ökonomie zu verstehen, wird mit "Sex, Drugs & Economics" fürwahr leicht gemacht. Ideologie bekommt man frei Haus mitgeliefert, aber wer Coyles Buch aufmerksam liest, dem wird nicht entgehen, dass viele Prämissen der Ökonomie
letztlich auf reinem Glauben beruhen. Zur Komplentierung der Meinungsbildung seien deshalb weitere Lektüren empfohlen: Vivian Forresters "Terror der Ökonomie", Naomi Kleins No Logo , Michael Hardt & Antonio Negris Empire oder der Doku-Roman Wir schlafen nicht von Kathrin Röggla. Darin kann man nachlesen, was mit Menschen passiert, deren Rhetoriken unaufhörlich einem strategischen Sprechen über Effizienz und Leistungsmaximierung unterworfen sind: sie werden zu Zombies.

Diane Coyle
Sex, Drugs & Economics. Eine nicht alltägliche Einführung in die Wirtschaft
Campus, 285 S., EUR 19,90

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk