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StartseiteBüchermarktSchreiben als Prozess28.04.2008

Schreiben als Prozess

Silvio Huonder veröffentlicht vierzehn Kurzgeschichten

Schreiben, sagt Silvio Huonder, ist ein Prozess, in dem das Leben erfahren wird. Berlin biete dafür das Universum vor der Haustür, meint der Schweizer Autor. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in der Nähe der Hauptstadt. Mit der Erzählung "Tobi" gewann er 2005 den MDR-Literaturpreis. "Tobi" ist eine von vierzehn Kurzgeschichten aus Huonders neuem Erzähl-Band "Wieder ein Jahr abends am See".

Von Michaela Schmitz

Abends am See (Stock.XCHNG / Andreas Furxer)
Abends am See (Stock.XCHNG / Andreas Furxer)

Bei Tag sieht das Boot aus, als sei es nach einer Flut in den Ästen stecken geblieben oder in der Nacht durch die Lüfte herbeigeflogen, findet Andreas. Er hat den seeuntüchtigen Kutter aus dem Garten mit einem Kran in die Baumkrone der Kastanie heben lassen. Ein Baumboot als Kletterschiff für die Kinder, hatte Andreas gedacht. Viel zu gefährlich, befindet Elli. Also schaukeln die Kinder weiter auf dem Torflügel, lassen die Angeln quitschen, und Andreas klettert heimlich hinauf:

Er kann sie nicht sehen, von seinem Boot in den Bäumen aus. Er kann sie nur hören. Wir sind nah dran gewesen, denkt er, den Blick ins Meer der grünen Blätter getaucht. Nah dran, dass alles in Ordnung kommt. Aber vielleicht ist nah dran dasselbe wie weit weg.

Zugegeben, im Dunkeln sah der riesige Bootsrumpf bedrohlich aus, meint auch Andreas. Aber schließlich sei es doch so: Selbst wenn man, wie Elli, auf alles gefasst wäre und überall das Schlimmste erwarte, geschehe es letzten Endes doch an einem ganz anderen und unerwarteten Ort.

Eine Alltagsweisheit, die der Schweizer Autor Silvio Huonder in seinen Kurzgeschichten zum Erzählmuster macht. Vierzehn Prosatexte hat er jetzt in dem Band "Wieder ein Jahr, abends am See" zusammengestellt. Sie heißen "Stille Tage in Österreich", "Feierabend", "Der Hartschalenkoffer" oder "Besuch am Nachmittag". Unspektakuläre Titel, die keine unheilvollen Geschichten vermuten lassen.

Die Erzählungen beginnen in der Regel harmlos. Ein Solo-Posaunist auf Konzertreise landet in Berlin zwischen. Am letzten Schultag vor den Sommerferien planen Mirko und Isa eine abendliche Bootsfahrt auf dem Bodensee. Eine hochschwangere Frau will nach dem Einkauf mit der S-Bahn nach Hause fahren. Jedes Mal kündigt sich das Unheil irgendwie an und kommt dann doch überraschend. So ist das eben, hören wir Andreas aus der Geschichte "Das Boot in den Bäumen": Man kann sich nicht auf das Unglück vorbereiten. Gerade, wenn man nicht dran denkt, ist es da.

Ganz plötzlich: Wie der am Abend vor dem Konzert im Kaugummi steckengebliebene Schneidezahn des Posaunisten; wie der beim Segelboot-Ausflug des jungen Pärchens unerwartet heraufziehende Sturm; oder wie das erschreckende Aufwachen der Schwangeren im leeren Zugabteil der S-Bahn-Endstation. Am Ende der Geschichten löst sich die Bedrohung dann meist genauso unvermittelt auf, wie sie entstanden ist: Eine "Zahnfee" bastelt dem Musiker noch in der Nacht ein Provisorium; das Gewitter treibt Mirko und Isa ans Ufer; und die werdende Mutter wird von einem unheimlichen obdachlosen Paar noch rechtzeitig in die Klinik gebracht. Das klingt unwahrscheinlich? Ja, aber:

Im Leben ereignen sich manchmal höchst unwahrscheinliche Dinge. In der Summe mag ja alles gleichmäßig verteilt sein. Im Einzelnen aber wird eine Begebenheit zu einer unüberschaubaren Größe und Gewalt. Sie zu erklären erfordert eine beträchtliche Anstrengung. Darauf muss er sich konzentrieren: Das Unwahrscheinliche glaubwürdig zu erzählen,

... so die Hauptfigur, oder eher der Hauptverdächtige, der Geschichte "Warum beantworten Sie meine Frage nicht?" Denn Ludwig Boutter hat nach dem Unfall seiner Frau mit einer von ihm illegal erworbenen Schusswaffe urplötzlich vergessen, wie es dazu gekommen war. Nichts passt mehr zusammen. Er kann die Dinge zwar noch erkennen, aber ihre Bedeutung nicht richtig einschätzen.

Genau dieser Schock-Zustand ist es, den Silvio Huonder in seinen Erzählungen zu fixieren sucht: der Moment einer echten oder eingebildeten großen Gefahr, in der die Aufmerksamkeit bis zur Schmerzgrenze gesteigert wird. Der Schrecken hebt die gewohnten Wahrnehmungsmuster aus den Angeln. Der Zusammenhang zerreißt, die Dinge werden aggressiv und dringen in das schutzlos gewordene Bewusstsein vor. Es gibt keine Erinnerung mehr. Der bedrohliche Moment hat sie ausgelöscht. Wie bei Ludwig Boutter:

Es fällt ihm nichts mehr ein. Obwohl er sich anstrengt. Er spürt eine Angst in sich wachsen. Als würde er auf einer hohen Leiter stehen, die langsam nach hinten kippt. Als würde er gleich alles vergessen. Wer er ist. Wo er ist. Was alles geschehen ist. Seine Gedanken ordnen. Der rote Faden. Der führt ihn in die Wirklichkeit zurück.

Dorthin, wo vielleicht schon das nächste unberechenbare Unheil wartet.

Bis an den Urgrund der Gefühle führt Huonder die Leser in seinen Geschichten. Das ist spannend. Aber es passiert noch mehr. Huonder vermittelt ein Gefühl für die Unberechenbarkeit der Dinge - das Unglück wohnt gleich nebenan. Das schärft die Wahrnehmung. Denn im Bedrohlichen steckt auch kreatives Potenzial. Huonder ist ein Spezialist für die "Poesie der Gefahr". Dabei bleibt er sprachlich klar, ja beinahe nüchtern, und arbeitet stilistisch sehr genau. Professionell ist auch die spürbar filmorientierte Dramaturgie seiner Erzählungen. Einige seiner Geschichten wurden bereits verfilmt. Aber das Kino spielt sich im Kopf ab. Huonder schreibt literarisches Bewusstseinskino. So treffsicher, dass man sich ertappt fühlt.

Silvio Huonder: Wieder ein Jahr, abends am See.
Nagel & Kimche 2008.

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