Freitag, 15.12.2017
StartseiteBüchermarktSchreiben als pure Emotion09.05.2008

Schreiben als pure Emotion

Virginie Despentes erklärt ihre Motivation als Schriftstellerin

Sehen Männer in Romanen oder Filmen rot, regt das heute keinen mehr auf. Rasten hingegen Frauen aus und ziehen mordend durchs Land wie in Virginie Despentes' Roman "Baise moi", zu Deutsch "Fick mich", provoziert das einen Skandal. Der gleichnamige Film wurde in Frankreich sogar als Porno eingestuft und verboten. In ihrem autobiografischen Essay "King Kong Theorie" zieht Virginie Despentes jetzt Zwischenbilanz.

Von Christoph Vormweg

Virginie Despentes, "Baise moi - fick mich". (Rowohlt Verlag)
Virginie Despentes, "Baise moi - fick mich". (Rowohlt Verlag)

Der Name Virginie Despentes steht in Frankreich für radikale, rachelüsterne Wut. Der Grund dafür liegt knapp 20 Jahre zurück. Es war beim Trampen, als ihre Freundin und sie von drei bewaffneten jungen Männern vergewaltigt wurden. Das bis heute nachwirkende Trauma hat Virginie Despentes zur Schriftstellerin gemacht. Denn eine Vergewaltigung, sagt sie, mache besessen.

"Ich bin kein besonders positiver Typ, ich habe nicht viel Hoffnung. Ich verarbeite nicht mehr, als in mir ist. Es gibt ja glücklicherweise noch andere Leute, die Positiveres in sich tragen. Es ist aber mein gutes Recht, das zum Ausdruck zu bringen, was mich betrifft. Schreiben ist keine Bürgerpflicht. Das ist etwas anderes, da steckt auch Emotion drin. Und Emotionen sind nicht zwangsläufig konstruktiv, nicht zwangsläufig bereichernd für die Allgemeinheit. Schreiben kann pure Emotion sein, und wenn ich sie selbst erlebt habe, habe ich das Recht, das zu tun, was ich tue."

Die meisten vergewaltigten Frauen trauen sich nicht, zur Polizei zu gehen. Sie versuchen, ihr Leid zu verdrängen, oder tragen es zum Therapeuten. Virginie Despentes, Jahrgang 1969, hat die Öffentlichkeit gesucht und, wie sie sagt, ganz bewusst ein selbstbestimmtes "Männerleben" geführt: als Punkerin, als Prostituierte, als Skandalautorin. Die Freier haben sie nachträglich mit ihrem Geld für die Vergewaltigung entschädigt - und, wie sie in ihrem Essay schreibt, im Prinzip auch die Leser:

"Es gibt einen echten Zusammenhang zwischen Literatur und Prostitution. Sich alles von der Seele schreiben, tun, was sich eigentlich nicht gehört, seine Intimität preisgeben, sich den Gefahren der Beurteilung durch Fremde aussetzen [...], in den Zeitschriften zur Schau gestellt werden - all dies ganz offensichtlich im Widerspruch zu dem Platz, der uns traditionell in der Gesellschaft zugewiesen wird: als Privatfrau, als persönliches Eigentum, als bessere Hälfte, als lediglich der Schatten eines Mannes. [...] Schriftstellerin werden, [...] öffentliches Ärgernis erregen ist so ähnlich wie Nutte sein."

Ärgernis erregen will Virginie Despentes auch mit ihrer King-Kong-Theorie. Denn anders als der Kino-King-Kong, der die schöne Blonde schütze, seien die heterosexuellen Männer nicht geschlechtslos sondern meist ungebremst herrschsüchtig. Wirkliche Stärke jedoch habe nichts mit der vom Konsens gedeckten Männer-Dominanz zu tun. Deshalb müssten sich die Männer endlich ihrerseits emanzipieren. Und so weiter und so fort. Es ist kein neuer Diskurs, den Virginie Despentes hier anstimmt.

"Ich bin natürlich nicht allein repräsentativ für den Feminismus, aber ich bin Feministin, da braucht es kein post- oder neo- oder was weiß ich. Ich weiß nicht, wie es in Deutschland ist. Aber in Frankreich wird der Feminismus dermaßen abgelehnt, dass solche Zusätze nötig sind, um auf sich aufmerksam zu machen. Als Klassifikation passt das zu mir, aber wie bei allen Klassifikationen, glaube ich, dass das nicht alles ist. Ich bin nicht nur das, ich bin das nicht allein."

Vor allem: Virginie Despentes belässt es in ihrem Essay nicht beim Theoretisieren und Stellungnehmen. Sie erzählt auch ganz konkret: von ihren Erfahrungen als Prostituierte, von ihren Einblicken ins Milieu der Pornodarstellerinnen. Die gängigen Vorurteile decken sich dabei nur selten mit der Realität. Deshalb fordert Virginie Despentes, dass eine Arbeit, die dazu beitrage, den sexuellen Notstand in den westlichen Gesellschaften zu regulieren, nicht länger kriminalisiert werden dürfe. Mitleid sei deplatziert, Respekt angebracht - zumal sich auch das bürgerliche Eheleben oft genug als wohl kaschierte Prostitution entpuppe. Mit einem Wort: Virginie Despentes räumt mit den guten alten Scheinheiligkeiten auf. Und das in einem kämpferischen, zuweilen ausfallenden, sarkastisch-aggressiven, ja vulgären Tonfall. Verbitterung oder Jammerfrust sind ihre Sache jedenfalls nicht. Mit einem einfachen Trick gewinnt sie dem Drama der Frauen sogar eine humorvolle Seite ab: indem sie Männerbriefe an Frauen zitiert, um Absender und Adressat anschließend zu vertauschen. Bei Männern normal erscheinende Bitten oder Ansprüche kommen - von Frauen vorgebracht - plötzlich als eklatante Zumutungen daher.

Wo sich Virginie Despentes selbst verortet, darüber lässt sie in ihrer King-Kong-Theorie übrigens vom ersten Satz an keinen Zweifel:

"Ich schreibe aus der Ecke der Hässlichen für die Hässlichen, die Alten, die Bulli-Fahrerinnen, die Frigiden, die schlecht Gefickten, die Unfickbaren, die Hysterischen, die Durchgeknallten, kurz, für all die, die auf dem Markt für Fegerscharfe nichts verloren haben."

Michel Houllebecq lässt grüßen. Nicht von ungefähr. Denn der Skandalautor ist für Virginie Despentes der einzige Mann, der in den letzten 30 Jahren neue Perspektiven zum Thema Männlichkeit aufgezeigt habe. Ansonsten regiere weiter der traditionelle Männlichkeitswahn, dessen Schattenseite der kulturell anerzogene Masochismus der Frauen sei. Wie aber will Virginie Despentes unsere kaputten Sexualwelten da noch kurieren? Ein schnell wirkendes Pauschalrezept hat sie nicht. Auch sie kann nur auf den alten, mühsamen Weg der Veränderung unserer Wahrnehmungsgewohnheiten verweisen, der die anspruchsvolle Literatur beseelt. Nur so ließe sich unsere Sicht auf Liebe, Sex und Pornografie entheucheln, nur so der derzeitig wieder florierende Mutter-Kult entideologisieren. In jedem Fall: Der mit zahlreichen Zitaten aus der feministischen Theorie gespickte Essay "King Kong Theorie" ist gerade auch für Männer eine lohnende Lektüre - zumal Virginie Despentes sie zu guter Letzt wieder zurück ins Boot holt.

"Der Feminismus ist eine Revolution, nicht etwa eine Neuordnung bestimmter Marketinganweisungen [...] Feminismus ist ein kollektives Abenteuer, für Frauen, für Männer und für die anderen."


Virginie Despentes: King Kong Theorie
Autobiographischer Essay.
Aus dem Französischen von Kerstin Krolak
Berlin Verlag 2007
173 Seiten, 18 Euro

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk