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StartseiteBüchermarktSchreibende Schwaben17.04.2006

Schreibende Schwaben

Porträt des Jürgen Schweier Verlags

Ein junger deutscher Student mit romantischer Ader verlässt das beschauliche Tübingen und reist einer Amerikanerin nach Kalifornien und damit der Liebe hinterher. Er schlägt sich dort durch, arbeitet als Apfelpflücker und Quellenbohrer, später auch als Dozent an Universitäten; er lernt Science-Fiction-Autoren kennen und begeistert sich für den American Way of Life. Es ist Mitte der 60er Jahre, und der junge Einwanderer lebt in Santa Cruz, ganz im Westen Kaliforniens.

Von Ulrich Rüdenauer

Schwerpunkt des Jürgen Schweier Verlags ist Literatur aus Schwaben. (AP)
Schwerpunkt des Jürgen Schweier Verlags ist Literatur aus Schwaben. (AP)

In der Zeitung liest er, dass die Band Steppenwolf in Berkeley spielen würde; also macht er sich kurzentschlossen auf den Weg. Die Suche nach dem Konzertort ist allerdings erfolglos; stattdessen gerät er mitten hinein in einen Pulk von Menschen am People’s Park. Ein Volksauflauf: Hippies haben sich dort zusammengefunden, und die Polizei soll die Versammlung nun auflösen. Es wird viel gelacht, auch Polizei und angerückte Feuerwehr nehmen die Sache locker, aber der Germanistik-Student spürt eine gewisse Spannung in der Luft liegen. Das Konzert mit Steppenwolf findet für ihn nicht statt, aber da ist etwas anderes, das stattfindet. Der junge Mann aus Schwaben - wo auch Hermann Hesse, der Autor des "Steppenwolfs", herkommt - ist in eine Bewegung hineingeraten und weiß zunächst gar nicht so recht, welche Richtung die einschlagen wird. Am nächsten Tag gibt es die ersten Toten; und plötzlich ist er mitten drin. Der Sommer der Liebe wird zur Studenten-Revolte.

Der junge Mann bleibt, und die Musik spielt noch eine ganze Weile weiter.

1971 ist der amerikanische Traum allerdings erst einmal ausgeträumt, und der Abenteurer kehrt nach Deutschland zurück: Im Gepäck Erfahrungen aus sechs Jahren USA und eine Sehnsucht nach der Literatur der Heimat. Ausgerechnet in Santa Cruz ist er auf Christian Wagner gestoßen, in einem Buch von Werner Kraft. Der Bauerndichter Christian Wagner aus Warmbronn und die kalifornische Sonne - man kann sich kaum zwei weiter auseinanderliegende Pole denken. Aber beides geht dem Heimkehrer, Jürgen Schweier ist sein Name, nicht mehr aus dem Kopf.

" Ich war zum Geburtstag eines schwäbischen Autors nach München eingeladen, Georg Schwarz hieß der, auf dieser Gartenparty war ein schwäbischer Grafiker, und ich weinte nun diese beiden, den Grafiker und den Dichter, an, dass die schwäbischen Bücher, die ich liebe, die gäbe es nicht im Buchhandel, und ich weinte so heftig, bis dem Grafiker die Geduld riss, und er verbatim zu mir sagte: "Dann verleget Sie doch die Bücher." Und dieser Gedanke - ich musste dann mit dem Bus nach Hause fahren, ich hatte noch nicht einmal das Geld, die Fahrkarte zu bezahlen -, dieser Gedanke, ohne Kenntnisse und ohne Geld, einen Verlag zu gründen, das schien mir abenteuerlich genug, um die Rückkehr in die Heimat verarbeiten zu können. Und dieser Grafiker griff mir dann buchstäblich unter die Arme. Der hat mir dann Verbindungen zu den Druckereien hergestellt und hat die Typographie und den Satz übernommen. "

Mit 46 Pfennig Startkapital und einem Kredit der Stadtsparkasse Esslingen entwickelt sich aus der kurvigen Lebensgeschichte des Jürgen Schweier ein neuer Lebensplan. 1975 gründet er den Jürgen Schweier Verlag, arbeitet nebenher noch als Übersetzer unter anderem von Tania Blixen, und konzentriert sich auf eine Sparte, für die sich bisher niemand zuständig fühlte: Literatur aus Schwaben. Vornehmlich Autoren aus dem 19. Jahrhundert geraten in sein Blickfeld, längst vergessene Schriftsteller wie Hermann Kurz oder Wilhelm Schäfer, einst berühmte und dann verfemte wie Emil Strauß oder der nach dem Zweiten Weltkrieg schlicht aus dem Gedächtnis gelöschte Simplicissimus-Autor Dr. Owlglass.

" Ich glaube, dass von den Autoren ein feiner, goldener Faden zu den Liebhaberinnen und Liebhabern der Bücher geht. Und die Verlegung dieses Fadens, das hab ich mir zur Aufgabe gemacht, für solche Autoren, die diese Möglichkeit ansonsten aus markttechnischen oder aus betriebswirtschaftlichen oder aus politischen Gründen nicht haben. "

Der Faden, der sich von Christian Wagner zu seinem nachgeborenen Verleger spinnt, schimmert allerdings ganz besonders golden. In sechs Büchern hat Schweier den oft als Heimatdichter unterschätzten Wagner wieder in die literarische Welt zurückgebracht - und in 30 Jahren immerhin knapp 20000 Bände absetzen können. Der Triumph der Buch-Homöopathie, wie Schweier sagt.

" Der eine Faden ist, dass er vom innersten Geblüt aus sich als Anwalt der entrechteten und entgötterten Natur verstand, was sich mit meinem zentralen Anliegen deckt. Und diese Botschaft in hinreißenden Gedichten vertreten hat. Denken Sie, er hat 1894 ein Bändchen geschrieben, "Neuer Glaube", das ist das erste deutsche Umweltmanifest, das es gibt. Er forderte die unbedingte Schonung alles Lebendigen, und dieser Idee fühle ich mich auch verpflichtet. "

Schweier, der Grüne avant la lettre, der Literaturliebhaber, der Reiselustige und Heimatverbundene ist ein Pragmatiker mit leicht wahnwitzigen Zügen: Das erste von inzwischen mehr als 30 Büchern, die in seinem in Kirchheim unter Teck angesiedelten Verlag erschienen sind, stellte gleich ein verlegerisches Wagnis dar, das nur ein unbedarfter Neuling einzugehen imstande ist: eine tausendseitige schwäbische Literaturgeschichte aus der Fraktur gedruckt. Das war Mitte der 70er Jahre. Eine Reise durch die baden-württembergischen Buchläden schärfte den Sinn für die Realitäten. Zwei abgesetzte Exemplare konnten nach sechs Wochen verbucht werden, und dennoch war das Debüt des Jungverlegers ein Glücksgriff. Türen gingen auf, bekannte Autoren wurden zu Fürsprechern des Schweier Verlags, und diese erste Publikation sicherte ihm die Aufmerksamkeit der Presse, die ihm bis heute bei fast jeder seiner Veröffentlichungen gewiss ist. Die Literaturgeschichte von Rudolf Krauß hatte noch einen weiteren schönen Effekt: Schweier stieß durch sie auf Autoren, die er wiederveröffentlichen und der Vergessenheit entreißen wollte.

" Etwa der von mir heißgeliebte Hermann Kurz, der den Roman "Der Sonnenwirt" geschrieben hat, veröffentlicht 1855. Das ist der erste realistische Roman, der in Deutschland erschienen ist, vom größeren Teil der Germanistik bis heute nicht bemerkt. Da schreibt dann der Peter Härtling ein Vorwort dazu, das wird mit Materialien versehen. Das ist die Geschichte von Schillers "Verbrecher aus verlorener Ehre", aber hier in der Variante: der Verbrecher aus verlorener gesellschaftlicher Stellung. Das war so ein typisches Beispiel aus der schwäbischen Literaturgeschichte von Rudolf Krauß. "

"Der Sonnenwirt" von Hermann Kurz ist ein aus dem Kanon gefallener Großroman, ein düster realistisches, gleichwohl über 800 Seiten hinweg anregendes und sprachlich hochinteressantes Werk. Ein Sozialroman ohne Utopie und höherer Moral. Ein junger Mann gerät darin in die Mühlen der Justiz, stolpert und fällt tiefer und tiefer. Einen "schwäbischen Büchner" entdeckte die Kritik, nachdem Schweier den Schriftsteller aus der Versenkung geholt hatte. Und der "Sonnenwirt" könne gar, so Tilman Krause, als "kühne Vorwegnahme" dessen gelesen werden, was "später Döblin mit seinem 'Alexanderplatz’ geleistet hat".

Die literarische Qualität sei das Ausschlaggebende, sagt Schweier. Bücher, die er ausgräbt und in einer Auflage von 300 bis 3000 Exemplaren veröffentlicht, müssen ihn persönlich überzeugen. Und die Überzeugung nährt grade so den Mann: Es sind ja leider Bücher, auf die die Welt nicht gewartet hat - geschrieben von Autoren, die vielleicht einmal von Tucholsky bewundert, von Kafka geschätzt und von Hesse verehrt wurden, heute aber kaum noch in einschlägigen Lexika auftauchen. Wie bringt man so etwas unters Volk? Mit einiger Mühe natürlich. Wie bei allen Kleinverlagen ist auch bei Schweier der Vertrieb die Achillesferse. Eine kleine, aber treue Stammkundschaft aus Literatur-Liebhabern, die ab und an vom Feuilleton aufgeschreckt und aufmerksam gemacht werden, kann einen solchen Ein-Mann-Betrieb aber dennoch über Jahrzehnte tragen.

" Hoffnungslos war es immer. Jeden einzelnen Tag dieser dreißig Jahre war es hoffnungslos, diese Bücher zu vertreiben. Das wird Ihnen jeder sagen. Und dazu kommt, dass Erfolg für einen Klein- und Kleinstverlag kontraproduktiv ist. In der Zeit, in der ich angefangen habe, haben etwa noch sieben andere mit mir zufällig angefangen, die haben alle Erfolg gehabt, alle Bestseller produziert, und heute gibt es nur noch einen einzigen dieser sieben Verlage. Das ist ausgerechnet der Verlag, der noch nie einen Bestseller produziert hat. Den gibt es, und die anderen gibt es nicht mehr. Ich will damit sagen: Es war immer hoffnungslos, es war immer eine Kette, die aus lauter Wundern bestand. "

Schweiers Motto stammt, wie viele seiner Publikationen, aus dem vorletzten Jahrhundert, ein abgewandelter politischer Leitspruch: "Ja, die Bücher leben noch." Enthusiasten wie Schweier sorgen dafür. All seine Bücher sind noch lieferbar, und weitere geplant.

" Ich möchte noch zwei Bücher verlegen. Das ist eine Novellen- und Erzählungssammlung von Hermann Kurz. Und dann will ich versuchen, eines der schönsten Bücher, die in Württemberg im vorigen Jahrhundert geschrieben wurden, das ist ebenfalls ein Entwicklungsroman, der heißt "Leonhard", von dem Autor Fritz Alexander Kaufmann, vor kurzem bei Manesse verramscht, so dass ich das für eine ausgezeichnete Idee halte, dieses Buch wieder aufzulegen. Wenn es nicht einmal die Deutsche Verlagsanstalt, die das Buch früher verlegt hat - und jetzt Manesse -, nicht am Leben erhalten kann, dann fühle ich mich herausgefordert, das selber zu versuchen. "

Eine Auswahl von Büchern des Verlags:


Hermann Kurz:
"Der Sonnenwirt"
Roman um den Räuberhauptmann Sonnenwirtle.

Hermann Kurz:
"Schillers Heimatjahre"
Kulturhistorischer Roman.

Christian Wagners Gedichte:
"Blühender Kirschbaum"

Emil Strauß:
"Freund Hein. Eine Lebensgeschichte"
Der erste deutsche Schülerroman.

Dr. Owlglass:
Ausgewählte Werke. Mit sämtlichen Briefen an
Kurt Tucholsky.

Wilhelm Schäfer:
"Die unterbrochene Rheinfahrt"
Erzählung mit Nachworten von Hermann Hesse
und Kurt Tucholsky.

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