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StartseiteKultur heuteSchrottwolke im All13.02.2009

Schrottwolke im All

Kollidierende Satelliten wirbeln im Weltraum Staub auf

Das griechische Wort "Kosmos" bedeutet Ordnung, Schönheit, Harmonie. Auf unser Weltall trifft das nur noch eingeschränkt zu: Da eiern ausgediente Satelliten, verlorene Werkzeugtaschen und sonstiger Schrott herum und sind nicht nur eine handfeste Gefahr, sondern auch eine Herausforderung für unser Weltraumgefühl.

Von Burkhard Müller-Ullrich

Sternenhimmel (AP Archiv)
Sternenhimmel (AP Archiv)

Denn der Weltraum mit seiner unendlichen Weite war bisher eine Art Gegenbild zu der Beengtheit auf der Erde und den sich daraus ergebenden haushälterischen Notwendigkeiten. Aber schon das mit der unendlichen Weite ist, wie wir von Einstein wissen, falsch. Und seitdem wir das wissen, fühlt sich das Sein als solches irgendwie kompakter an. Es geht ja, auch das lehrte uns Einstein, absolut nichts verloren: kein Quäntchen Energie, kein bisschen Masse, nicht mal eine einzige Tüte Müll.

Doch während Energie und Masse uns im Alltag weitgehend egal sein können, ist der Müll ein philosophisches Problem. Denn Müll ist nicht nur durch seine Wertlosigkeit definiert, Müll ist auch das, was verschwinden muss. Indem der Mensch "Müll" sagt, denkt er Vernichtung; Müll ist der Inbegriff des zu Vernichtenden. Das wiederum gehört zu den Besonderheiten der menschlichen Spezies: Der Mensch ist das Müll denkende und dadurch Müll produzierende Wesen.

Diese Tatsache hat eine geradezu theologische Dimension. Wenn nämlich die Kreation von Dingen ein göttlicher Zug ist, dann ist die Destruktion des Abfalls ein eher teuflischer. Nicht von ungefähr spielt heißes Höllenfeuer bei der Müllbeseitigung die wesentliche Rolle, wenn nicht eine andere religiöse Vorstellung, und zwar diejenige der Wiedergeburt, zum Tragen kommt. Das führt uns zum Recycling. Nach der Devise: ‚Werde, was du warst’ wird der Abfall erst zum Wertstoff umgetauft und dann in den Kreislauf ewigen Lebens, das heißt, ewiger Verwendbarkeit gehoben.

Man muss nicht extra auf die Symbolkraft hinweisen, wenn nun dies alles am Himmel stattfindet. Da im Weltraum noch keine Abwrackprämien gezahlt werden, saust der Müll dort ungebremst herum und bringt durch Kollisionen hin und wieder neuen Müll hervor. In diesem All, das eben kein Nichts ist, kann nichts entsorgt werden, weil alles vorhanden bleibt. Es kann aber auch nichts verborgen werden, weil im Gegensatz zur Erde der Weltraum vollkommen transparent ist. So können wir genau verfolgen, wie die Satelliten da oben einander anrempeln und wem sie jeweils gehören: ein Stellvertreter-Spektakel, das unser Weltraumgefühl nochmals nachhaltig beschädigt, indem es uns die schöne Hoffnung raubt, dass das All eine Allmende sei.

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