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StartseiteCampus & KarriereSchule wie zu Zeiten Maria Theresias01.07.2011

Schule wie zu Zeiten Maria Theresias

Volksbegehren für Bildungsreformen in Österreich

In der PISA-Studie hat Österreich schlecht abgeschnitten, das österreichische Hochschulwesen leidet unter Unterfinanzierung und mangelnder Autonomie. Das "Volksbegehren Bildungsinitiative" will nun Druck für eine Bildungsreform machen.

Von Alexander Musik

Das Maria-Theresien-Denkmal am Neuen Platz in Klagenfurt, Österreich. (AP)
Das Maria-Theresien-Denkmal am Neuen Platz in Klagenfurt, Österreich. (AP)

Die erforderlichen 8032 Unterschriften, um das Volksbegehren in die Wege zu leiten, hat Hannes Androsch längst gesammelt. Der Politprofi und Unternehmer, in Österreich bestens vernetzt, hat die Initiative ins Leben gerufen. Der 73-jährige Androsch war früher einmal Finanzminister und unter Bruno Kreisky Vizekanzler, dann wechselte er in die Industrie. Sein Anliegen: Stillstand, Verhinderungen und Blockaden in der Politik endlich überwinden, so Androsch gegenüber "Campus und Karriere":

"Die Pisa-Studien sind ja nur ein Hinweis auf die Defizite, die gab's vor knapp zehn Jahren, diese Defizite, auch in Deutschland, aber hier ist man in der Korrektur doch ein gutes Stück weiter gekommen, und wir sind weiter abgefallen, ja geradezu abgestürzt, und um so größer ist unser Nachhol- und damit Handlungsbedarf."

Androsch und seine Mitstreiter fordern, so wörtlich, ein "faires, effizientes und weltoffenes Bildungssystem, das vom Kleinkind an alle Begabungen fördert und Schwächen ausgleicht". Sie wollen "autonome Schulen ohne Parteieneinfluss, ganztägige Bildungseinrichtungen, eine Aufwertung des Lehrerberufs" - und mehr Geld für die Universitäten. Im Herbst wird das Innenministerium eine Woche festlegen, während der 100.000 Unterschriften zusammen kommen müssen. Die bereits gesammelten werden mitgezählt. Das ist die Voraussetzung dafür, dass über das Begehren im Parlament debattiert wird.

"Aber damit darf's nicht beendet sein! Es kann nicht sein, dass das Ganze damit sozusagen abperlt und in die Vergessenheit geworfen wird. Wir werden dranbleiben, weil, der Erfolg des Volksbegehrens ist erst dann gegeben, wenn die Umsetzung erfolgt, nicht dann, wenn ein paar Stunden im Parlament darüber diskutiert wurde."

Das genau befürchtet der international renommierte Bildungsforscher Professor Stefan Hopmann von der Uni Wien. Er kennt die Bildungssysteme Skandinaviens und der Schweiz genau so gut wie das Österreichs. Bereits vor zehn Jahren gab es hier ein Volksbegehren zum selben Thema. Gebracht habe es gar nichts, resümiert Hopmann nüchtern. Und das werde auch diesmal der Fall sein:

"Das Merkwürdige an diesem Volksbegehren ist: Hier wird was vom Volk begehrt! Es ist nicht das Volk, das begehrt. Sondern das sind alles Leute, die das geschrieben haben, die das gemacht haben, die in der österreichischen Bildungspolitik zum Teil seit mehreren Jahrzehnten führend tätig sind. Und die formulieren jetzt ein Begehren an sich selber, und selbst da wissen sie nicht, was sie eigentlich begehren."

Hopmann spielt darauf an, dass im Text konkrete Ziele fehlen, die Forderungen seien viel zu schwammig, es seien "fromme Wünsche".

"Das Problem ist: In Österreich ist das Schulwesen und auch die Verwaltung noch heute nach den selben Prinzipien organisiert wie zu Zeiten der maria-theresianischen Reform vor etwas mehr als 250 Jahren. Der Kern der Struktur ist relativ klar, relativ fest: Schulen haben überhaupt keine Handlungsspielräume, Schulleiter haben ganz wenig Spielräume, im Prinzip wird hier einfach nur durchverwaltet, weiter verwaltet. Es bräuchte ein Verwaltungsreform, eine Schulrechtsreform, eine Schulorganisationsreform, eine Dienstrechtsreform, nach menschlichem Ermessen wird nichts von all dem in den kommenden Jahren wirklich stattfinden."

Rein äußerlich zeigt sich der Hang zur Monarchie schon, dass die Schüler ihre Lehrer "Herr oder Frau Professor" nennen; kommt der Professor zur Tür herein, stehen sie durchaus noch auf.
Auch an den Hochschulen gibt es Probleme: Deren Unterfinanzierung führte 2010 zu wochenlanger Besetzung von Hochschulen im ganzen Land. Slogan: Die "Uni brennt". Die zugesagte Finanzspritze ist bis heute nicht gekommen, sagt Hopmann, der selbst vor überfüllten Hörsälen lehren muss.

"Ich gehe persönlich davon aus, dass die Uni wahrscheinlich im Herbst wieder 'brennen' wird. Weil, wir werden auch von Deutschland und Nachbarländern, aber auch von Österreich selbst eine ziemlichen Schwung Studierenden bekommen, so dass die Überfüllungskrise noch viel deutlicher wird. Gleichzeitig, dass die Unis jetzt gezwungen werden, diese Leute massiv "rauszuprüfen" im ersten Semester - also: Jeder darf rein, aber es ist wie eine Drehtür, jeder zweite fliegt dann auch wieder raus - das wird an den jungen Leuten nicht spurlos vorüber gehen."

Hopmann diagnostiziert einen "langsamen, aber sicheren Abstieg" des österreichischen Bildungswesens in den vergangenen zehn bis 15 Jahren. Grund genug für den Industriellen Hannes Androsch, weiter die Werbetrommel für sein Volksbegehren zu rühren. Es sei wie im Wahlkampf, sagt er und eilt zu seinem nächsten Auftritt - und ganz schön schwer, lethargische Menschen für die Bildung zu motivieren.

"Aber die chinesische Weisheit hat schon recht, zu sagen, auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt, und wir brauchen viele erste Schritte."

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