• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 11:35 Uhr Umwelt und Verbraucher
StartseiteCampus & KarriereZwei deutsche Nachkriegsgeschichten25.04.2016

SchulunterrichtZwei deutsche Nachkriegsgeschichten

Zwei Staaten, zwei Ideologien, die 1990 zu einem Deutschland zusammenkommen. Welche Inhalte werden über die DDR und die BRD im vereinten Deutschland im Geschichtsunterricht vermittelt? Diese Frage stellten sich Lehrkräfte bei einem Workshop in Hamburg. Einig waren sich alle: anschauliche Praxisbeispiele beleben das Interesse der Schüler.

Von Axel Schröder

Eine DDR-Fahne und eine Deutschland-Flagge wehen an einem Fahnenmast in der Kleingartenanlage "Samtenser Frühling" in Samtens auf der Ostseeinsel Rügen.  (dpa / picture alliance / Stefan Sauer)
Eine DDR-Fahne und eine Deutschland-Flagge (dpa / picture alliance / Stefan Sauer)

Geschichtsunterricht kann tatsächlich spannend sein. Zum Beispiel dann, wenn Politik und Alltag in der DDR nicht anhand von drögen Fünfjahresplänen und Grundsatzreden Erich Honeckers, sondern durch das Thema "Rock-Musik und Jugendkultur" behandelt wird. Genau diesen Workshop hat sich die Hamburger Lehrerin Heike Matthies ausgesucht:

Heike Matthies:
"Ich finde es, wenn man Westdeutsche ist, so wie ich und aus Hamburg kommt, selbst schwierig in der Herangehensweise, weil ich da keine eigene Erfahrung mit diesem zweiten deutschen Staat gesammelt habe - außer, dass ich so alt bin, dass ich die DDR noch erlebt habe. Ich war nie jenseits der Grenze. Diese ganzen Dinge habe ich selber auch nicht."

Wie kann die deutsche, zweigleisig verlaufene Nachkriegsgeschichte im Schulunterricht behandelt werden? Darum ging es auf der Hamburger Fachtagung, in den Workshops. Zum Beispiel durch Interviews von Schülerinnen und Schüler mit Eltern, Verwandten und Bekannten führen können, zu ihren Erfahrungen mit der Teilung. Diese Befragungen hätten aber nur einen begrenzte Aussagekraft. Schließlich, so Professor Malte Thießen von der Universität Oldenburg, seien deren Äußerungen eben ganz subjektiv und hätten mit der gesellschaftlichen Realität oft wenig zu tun. Auch den Begriff "Unrechtsstaat" oder "zweite deutsche Diktatur" als pauschale Beschreibung für die DDR hält Malte Thießen für problematisch:

"Ich glaube, man sollte diese Schlagworte als Ausgangspunkt nehmen, um dann im Geschichtsunterricht nachzuhaken und selbst nachzuforschen: Wie ist denn das jetzt eigentlich? Wie lässt sich die DDR charakterisieren? Welche Kriterien wende wir da an? Und auch - mit Blick auf Formulierungen wie "zweite deutsche Diktatur" - wie lassen sich DDR und Nationalsozialismus vergleichen? Wo passt das und wo hakt das? Damit eben diese Schlagworte einen Ausgangspunkte bilden, um differenziertere Blickwinkel auf die DDR und die Bundesrepublik zu werfen."

Ostdeutsche Lehrer mussten neue Inhalte lernen

Vor allem für die ostdeutsche Lehrerschaft bedeutete die Wiedervereinigung eine Zäsur. Die Lehrmaterialien aus dem Westen blieben nahezu unverändert. Die aus dem Osten mit ihren Bezügen zur "historischen Überlegenheit des real existierenden Sozialismus" wurden ausgemustert:

Malte Thießen:
"Meinem Eindruck nach ist nach 1990 erst mal alles in den Shredder gewandert. Manches ist weiter genutzt worden. Aber gerade im Fach Geschichte wurde natürlich ganz früh aussortiert und West-Material rübergeschafft. Was auch - wie ich das von einigen Kollegen geschildert bekommen habe - zu entsprechenden Konflikten in den Lehrerzimmern dann führte."

Dass dadurch aber eine besonders harte Betrachtung der DDR und ein weichgezeichnetes Bild der BRD entstand, glaubt Malte Thießen nicht. Auch Prof. Christoph Kleßmann vom Zentrum für zeithistorische Forschung in Potsdam hält das für abwegig:

Christoph Kleßmann:
"Ein gutes Schulbuch und ein guter Geschichtsunterricht in der alten Bundesrepublik war immer auch dadurch geprägt, dass man ein kritisches und selbstkritisches Urteil über Politik und über die Politiker hatte. Das gehört nun eigentlich zu einer freiheitlichen Demokratie, die immer viel beschworen wird, dazu!"

Positive Aspekte der DDR-Gesellschaft müssen Platz haben

Und tatsächlich wurden in den West-Schulbüchern auch die Risiken und Nebenwirkungen der kapitalistisch geprägten "sozialen Marktwirtschaft", die Brüche und Widersprüche der "freiheitlich-demokratischen Grundordnung" erwähnt: das lange Schweigen über die Kontinuitäten nach dem 2. Weltkrieg in Politik, Wirtschaft, Justiz oder Hochschulen, der Terror der RAF, Massenarbeitslosigkeit oder Umweltzerstörung. - Dass es - andersherum - auch positive Aspekte am Leben in der DDR gegeben hat - das Kita-Angebot oder, damit verbunden, ein hoher Anteil an berufstätigen Frauen - auch das müsse im Geschichtsunterricht erwähnt werden, so Christoph Kleßmann:

Christoph Kleßmann:
"Solche Dinge habe natürlich schon eine Rolle gespielt. Man muss dann aber gleichzeitig auch sagen: Das Ganze spielte sich ab in einem Rahmen, von dem in der DDR niemand reden durfte. Nämlich, dass das eine üble Diktatur ist, wo die eine Partei das Sagen hat. Und zwar ausschließlich."

Und diesen Unterschieden zum Trotz - auch das kann Thema im Schulunterricht sein - gab es eine Menge Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Staaten: In Ost und West strebten die Menschen nach Sicherheit, nach einem Eigenheim und finanziellem Auskommen, die Gewerkschaften hatten großen Einfluss und die Jugendlichen in Ost und West entdeckten erst die Rock- später auch Punk-Musik für sich. Sie färbten sich Haare bunt und zeigten den Herrschenden auf diese Weise, wie wenig sie von ihnen hielten. In Ost und West.

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk