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StartseiteBüchermarktSchwebend tragikomisch und nichts für feine Nasen04.06.2009

Schwebend tragikomisch und nichts für feine Nasen

Jean Teulé: "Der gehörnte Marquis." Piper Verlag

Die Ära Ludwigs XIV., des Sonnenkönigs: damit verbinden die meisten den Prunk des Schlosses von Versailles, wechselnde Mätressen und höfische Galanterie. Der französische Schriftsteller Jean Teulé dagegen eröffnet uns ganz andere Perspektiven. In seinem historischen Roman "Der gehörnte Marquis" stinkt es gewaltig zum Himmel.

Eine Besprechung von Christoph Vormweg

Besucher im Schloss Versailles. Wenn sie nur wüssten... (AP)
Besucher im Schloss Versailles. Wenn sie nur wüssten... (AP)

Ein historischer Roman mit einer eigenen Literaturliste im Anhang: Das erweckt erst einmal Vertrauen – zumal nicht nur der 56-jährige Jean Teulé mit über 20 Büchern aufwartet. Auch die Übersetzerin Gaby Wurster fügt noch einmal doppelt so viele Titel hinzu, die sie für ihre Arbeit herangezogen hat. Entsprechend präzis sind die Beschreibungen der Physiognomien, Kleider, Sitten und Interieurs im Paris der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Doch erstickt Jean Teulé seinen Roman "Der gehörnte Marquis" keineswegs in historischen Details. Vielmehr lanciert er sie ganz nebenbei. Nur ein Beispiel:

"Der kleine Chalais ohrfeigt La Frette. Dessen Kopf schnellt in einer aufstäubenden Wolke Bohnenpuder zur Seite. Gedemütigt macht der Große seinen Mund über den Zähnen zu, die er nach holländischer Art schminkt: Er stopft die Karieslöcher an den Schneide- und Eckzähnen mit Butter zu, deshalb zieht er gewöhnlich auch die Lippen über das Zahnfleisch zurück, damit die milchige Füllung kühl bleibt und nicht schmilzt. Doch nun, in seiner Wut, schließt er die Lippen und bläst in beißendem Groll die Backen auf. Als er den Mund wieder aufmacht, rinnt es von seinen Zähnen."

Jean Teulé, ehemals Comic-Zeichner, hat ein untrügliches Gespür für einen temporeichen, höchst unterhaltsamen Plot, für mal spannungsgeladene, mal frivol-witzige Akzente. Das zeigt gleich das erste Kapitel. Beschrieben wird in urkomischer Lakonik ein Duell zwischen zwei vierköpfigen Adelsgruppen. Durch eine Verkettung von Zufällen führt der Schlagabtausch zwei Menschen zusammen: die schöne zukünftige Favoritin Ludwigs XIV. und den Marquis de Montespan. Jean Teulé:

"Eines Tages bin ich zu einem Freund zum Abendessen gegangen, der auf seinem Wohnzimmertisch historische Zeitschriften herum liegen hatte. Ich blätterte in einer und stieß auf einen kleinen Artikel mit dem Titel: Der Marquis de Montespan, der berühmteste Hahnrei des 17. Jahrhunderts. Ich war erstaunt. Denn ich wusste gar nicht, dass die Mätresse Ludwigs XIV. verheiratet gewesen war. In wenigen Zeilen wurde dann erzählt, dass der Marquis, als er erfuhr, dass ihm der König Hörner aufgesetzt hatte, als erstes beschloss, seine Kutsche schwarz anzumalen und ihr riesige Hirschgeweihe aufzustecken. Damit wollte er aller Welt zeigen, dass er betrogen worden war und ihm das überhaupt nicht gefiel. [...] Und da habe ich mir gesagt: Der Typ interessiert mich!"

Natürlich torpedierte der Frauenverschleiß des Sonnenkönigs die offizielle Moral der Katholischen Kirche. Doch war sein Beichtvater, der Père Lachaise, ungemein nachgiebig. Nachschub verschaffte sich Ludwig XIV. am liebsten im Kreis der Hofdamen seiner Ehefrau, der Königin. Angenommen hatte die schöne Marquise de Montespan den Posten in Versailles nur, weil ihr Mann überschuldet war. Mehr noch: Jeder andere Adelige wäre über ihren Vorstoß ins Königsbett überglücklich gewesen. Denn der König entschädigte die von ihm Gehörnten: mit neuen Titeln, Renten oder Ländereien. Der Marquis de Montespan aber lehnte jegliche Bestechung ab. Er forderte seine Ehefrau zurück, die ihm so viele horizontale Freuden bereitet und zwei Kinder gezeugt hatte.

"Er ist der erste und einzige Mann der Epoche Ludwigs XIV., der es gewagt hat, sich gegen den König zu erheben und zu sagen: 'Nein! Das ist zuviel! Das geht nicht! Dieser König kann sich nicht alles erlauben! Er kann sich nicht einfach jeder adeligen Ehefrau bedienen!' – ganz so, als wäre Montespan so etwas wie der erste Keim der Französischen Revolution, die ein Jahrhundert später stattfand. Er war der erste, der das Königtum angefochten hat. Und mir gefällt die Vorstellung, dass die Französische Revolution ihren Ausgangspunkt vielleicht in einer Liebesgeschichte hatte."

"Der gehörnte Marquis" – so der deutsche Titel von Jean Teulés Roman – machte sich bald zum Gespött der Klatschbasen. Selbst der Dichter Molière mokierte sich 1668 in seinem Theaterstück "Amphitryon" über ihn. Doch ließ sich der Gedemütigte nicht beirren. Der Marquis blieb einfach stur. Und wir folgen seinen Sturheiten gern. Denn Jean Teulé zeichnet indirekt ein Sittengemälde der damaligen Adelsgesellschaft, das alle gängigen Klischees unterläuft. Hinter Glanz und Gloria des Hofstaates Ludwigs XIV. stank es gewaltig: und das im wörtlichen Sinne.

"Im 17. Jahrhundert wuschen sich die Leute nicht. Allen voran die Adeligen. Denn die Ärzte behaupteten, die Haut sei porös – weshalb Wasser in den Körper eindringen und so alle möglichen Krankheiten übertragen könne. Die einzige Lösung sei deshalb, sich nicht zu waschen. So wissen wir, dass sich Ludwig XIV. nur einmal in seinem Leben gebadet hat. Für seine Mätressen dürfte es also nicht sonderlich prickelnd gewesen sein. Mit den Zähnen war es nicht anders. Die waren alle verfault. Deshalb gibt es auch kein Gemälde aus dieser Epoche, wo man jemanden lachen sieht. Bei Ludwig XIV. lief einmal die Operation eines Weisheitszahns schief. Die Hälfte seines Gaumens wurde ihm oben weggerissen und wenn er aß, lief ihm alles aus der Nase. Sie waren wirklich ekelerregend. 5000 Höflinge gab es in Versailles und zwei Toiletten."

Liebhaber des derben Humors kommen in Jean Teulés schonungslosem Roman auf ihre Kosten. Denn der Stuhlgang war im 17. Jahrhundert ein gleichsam öffentlicher Akt. Selbst die adeligen Damen erleichterten sich in Salons oder im Theater kurzerhand unter ihren Röcken. Hinzu kam die unfreiwillig komische Eigendynamik, die der Racheplan des gehörnten Marquis entwickelte. Wochenlang wohnt er im übelsten Bordell von Paris, um sich alle möglichen Geschlechtskrankheiten einzuhandeln. Dann verkleidete er sich und versuchte in die Gemächer seiner Ehefrau vorzudringen, um Ludwig XIV. indirekt zu infizieren. Erzählt wird diese turbulente Geschichte in gemixtem Ton.

"Ich wollte ein wenig die geschraubten Redensarten des 17. Jahrhunderts vorführen. Gleichzeitig habe ich mir aber gesagt, dass ich mich nicht an Leser des 17. Jahrhunderts wende, sondern an heutige. Deshalb bin ich ständig zwischen alter und moderner Sprache hin und her gesprungen. Ich wollte die Geschichte so schreiben, als ob ich sie meinen Freunden erzählte."

"Der gehörnte Marquis" – in Frankreich hat der Roman 2008 über Monate die oberen Positionen der Bestsellerlisten erklommen. Und es verwundert nicht, dass der weltbekannte Schauspieler Daniel Auteuil die Filmrechte erworben hat. Denn Jean Teulés 55 knapp geschnittene Kapitel liefern reihenweise packende Bilder, witzige Porträts, Kriegs- und Kopulationsszenen sowie überraschende Plots mit viel Sinn für politische Absurditäten. Sein Roman bietet ein vielstimmiges, komplexes Bild der Epoche des Sonnenkönigs: und das in einer kernig-lakonischen Prosa, die durch ihre ironischen Untertöne besticht. Mehr noch: Immer wieder trifft Jean Teulé die Tonlage, die vielleicht die schwierigste ist: die schwebende des Tragikomischen.

Jean Teulé: Der gehörnte Marquis. Roman.
Aus dem Französischen von Gaby Wurster.
Piper Verlag, München 2009.336 Seiten. 12 Euro.

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