• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 15:05 Uhr Corso - Kultur nach 3
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenSchwerpunktthema: Haut ohne Haare09.08.2012

Schwerpunktthema: Haut ohne Haare

Wie Wissenschaftler den Trend zur Enthaarung erklären

Männer rasieren sich den Bart, Frauen zupfen Augenbrauen oder enthaaren ihre Beine - das war früher mal, das reicht längst nicht mehr. Zumindest unter jüngeren Leuten geht die Enthaarung heute viel weiter: unter den Achseln, auf der Brust, im Genitalbereich.

Von Ulrike Burgwinkel

Rasieren ist die günstigste Variante der Körperhaarentfernung. (Stock.XCHNG)
Rasieren ist die günstigste Variante der Körperhaarentfernung. (Stock.XCHNG)

Die Entfernung von Körperhaar ist aufwändig und mitunter schmerzhaft.

"Man unterscheidet zwischen Depilation und Epilation. Zur Depilation gehören Rasur und Enthaarungscreme. Beide Techniken entfernen die Haare nicht dauerhaft. Zur Epilation gehören Pinzette, Wachs wie im Brazilian Waxing, Halawa oder Sugaring, Epilierer, Elektro-und Laserepilation. Die Haare sind dauerhaft entfernt. Die preiswerteste Möglichkeit ist die Rasur, die teuerste die Laserepilation. Je nach Körperteil und Anbieter kostet eine solche Behandlung, die in einem speziellen Kosmetikstudio durchgeführt wird, rund 800 Euro; mindestens 2 Behandlungen sind erforderlich. Am häufigsten werden bei Frauen die Achseln, die Beine und der Intimbereich enthaart. Bei Männern sind es die Achseln, der Oberkörper und der Genitalbereich. Das trifft auf 82 Prozent aller Frauen und auf 69 Prozent bei Männern zu."

Eine rationaler und plausibler Grund für die Körperhaarentfernung findet sich im Sport. Matthias Lepiorz, Sportlehrer und Personal Trainer:

"Es macht Sinn bei Sportarten, in denen man Wasserwiderstand überwinden muss oder bei Sportarten mit viel Körperkontakt, wo man festgehalten werden muss, wo man wegschieben muss. Das heißt: Je weniger Fläche man hat, je glatter es ist, desto besser."

Nicht nur bei Schwimmern oder Ringern, auch bei den im Fernsehen übertragenen Großereignissen wie der "Tour de France" oder zuletzt bei der Fußballeuropameisterschaft sieht man allerdings ebenfalls haarlose Beine, Arme, Oberkörper. Macht das Sinn?

"Der Luftwiderstand ist mit Körperhaaren oder ohne nicht messbar, dass es da einen Unterschied gibt. Na ja, beim Fußball könnte man es so sehen: wenn Schürfwunden zum Beispiel zustande kommen, dass sie dann besser heilen, wenn dort kein Haar dazwischen wächst, Haarwurzelentzündung etc. Ansonsten: Körperkult."

Das scheint in den meisten Fällen der wahre Grund zu sein. Matthias Lepiorz.

"Aus meiner Sicht kommen die Leute nicht des Sports wegen ins Fitnessstudio, zumindest nicht alle, viele machen dort Kosmetik. Man sieht die Muskulatur einfach besser, wenn der Körper nicht behaart ist, sowohl an den Beinen als auch an den Armen und wo auch immer. So unter dem T-Shirt sieht man es ja meistens nicht. Die Tendenz geht dahin, dass die Leute einen gewissen Körperkult verfolgen, der vorgelebt wird in der Werbung, muskulöse Arme, schönes Sixpack und das kann man natürlich durch wenig Körper- Flaum, sag ich mal, besser sehen."

Lepiorz sieht bei seiner alltäglichen praktischen Arbeit weder eine definierte Altersgrenze, noch eine Geschlechterdifferenz: war die Enthaarung früher eine Frauendomäne, holen jetzt die Männer auf.

"Ich rasiere mich komplett, alles außer die Beine. Bei den Beinen finde ich das schon ganz ästhetisch, wenn Männer da noch Haare haben. Am einfachsten finde ich es, unter der Dusche sich zu rasieren. Und warum? Es sieht einfach besser aus und den Frauen gefällt es auch."

"Auch wenn es manchmal lästig ist, gehört die Ganzkörperrasur einfach für mich dazu, dadurch fühlt man sich einfach gepflegter und vor allem attraktiver."

"Es sind 2 Hauptgründe, die genannt werden: das ist Hygiene und das ist Schönheit."

Professor Elmar Brähler, Direktor des Institutes für medizinische Psychologie und medizinische Soziologie in Leipzig.

"Ich denke mir, die Hygiene ist auch oft nachgeschoben. Man entschließt sich zu etwas und sucht nach einem Grund, Rationalisierungen, dass man sich da begründet und logisch darstellt."

Brähler hat mit seinem Team mehrere Untersuchungen zur Körpermodifikation durchgeführt. Dazu zählen: vor allem Körperhaarentfernung als Basistechnik, aber auch Tattoos und Piercings. Die letztgenannten können nur auf haarloser Haut auf-resp. angebracht werden. Generelles Ergebnis: je jünger, desto haarloser. Seine Probanden in der repräsentativen Studie waren zwischen 14 und 75 Jahren alt. Bei beiden Geschlechtern werden am häufigsten die Achselhaare rasiert.

"Es wird gesagt, Hygiene zum bei der Achselrasur, dass dann der Schweiß nicht so hängen bleibt wird genannt und die Deos sind ja jetzt spezialisiert auf rasierte Achseln. Im Intimbereich wird das auch als Argument genannt, es gibt keine ungeliebten Bewohner mehr, die es früher gelegentlich gegeben hat und das leitet aber schon zum Schönheitsideal hin, das Sich-Ekeln davor; da ist die jüngere Generation völlig anders durch ihre Altersgruppe sozialisiert und die können sich das gar nicht mehr anders vorstellen."

Um 1990 herum begann der Trend zur massenhaften Achselhaarentfernung. Hatten zunächst Basketballspieler sogar gefärbtes und zeigten Boxer wie die Klitschkobrüder prächtig wucherndes Achselhaar, so hat sich das entschieden gewandelt. Dem Genitalbereich ging es ähnlich, so Brähler, wenngleich er in der Regel von fremden Blicken weitestgehend verschont bleibt.

"Zuerst war die Begründung: knappe Bikinis, dann muss man sich ein bisschen rasieren, dann kam so die Intimrasur, ein Steg wurde rasiert, das war Anfang der 90er und Anfang dieses Jahrtausends war das erste Playmate im Playboy völlig rasiert. Bei den Männern hat das auch stattgefunden, die rasieren sich jetzt auch fast alle. Es werden Vorbilder genannt, wie David Beckham mit seiner nach ihm benannten Metrosexualität,
Ein weiterer Grund wäre natürlich noch, Tattoo und Piercing, die sich sehr verbreitet haben; da dient die Rasur der Gefechtsfeldfreimachung."

Aufgerüstet im Geschlechterkampf um geeignete Partner, um im Markt bestehen zu können? Vielfach wird die Vermutung geäußert, dass die über das Internet frei zugängliche Pornoindustrie an der "Enthaarungswelle" schuld sei. Elmar Brähler entkräftet den Vorwurf.

"Das, glaube ich, ist umgekehrt: dass die Pornos eher dem Trend folgen zur Enthaarung. Haarig gilt ja inzwischen als Spezialrubrik, um nicht zu sagen, Perversion, das gibt es praktisch nicht mehr. Ob die Scham fehlt? Die Enthaarung hat natürlich Folgen vor allem bei vielen Frauen, die glauben, dass sie nicht richtig gestaltet sind und die Schamlippen werden sichtbar. In Amerika und im Gefolge - hier dauert's ja immer 10 Jahre länger - ist dann sehr viel an Schönheitschirurgie im Genitalbereich, eine ganze Welle ausgebrochen."

Diese Optimierung des Körperbildes aufgrund der Sichtbarkeit in den intimsten Zonen sieht Brähler als problematisch an. Es gäbe eine natürliche große Bandbreite im Aussehen, die Orientierung an einer wie auch immer begründeten Schönheitsnorm der Genitalregion betrachtet er skeptisch.

"Es gibt Vorstellungen, missgestaltet zu sein. Man nennt das Körperdysmorphophobie. Man hat unbegründet die Vorstellung, man wäre fehlgebaut. Das gibt es auch bei Männern, die glauben, sie haben einen Schiefpenis, der behandelt werden müsste. Den gibt es auch, der medizinisch behandelt werden muss, der gehört aber zu den sehr seltenen Erkrankungen, taucht aber bei Wünschen in der Schönheitschirurgie doch prominent auf."

Dieser Wunsch stand bei den von Brähler und seinem Team befragten Menschen gar nicht zur Debatte, demonstriert jedoch die möglichen krankhaften Folgen. Dagegen hat Brähler im Rahmen seiner Studie in den Persönlichkeitstests der Befragten eher Erfreuliches zutage gefördert.

"Heute kann man sagen, die Vielzahl der jungen Leute, die zu Tattoo und Piercing neigen, die natürlich auch alle enthaart sind, dass die eher offener sind, neugieriger sind und aufgeweckter sind. Gibt noch, das hatten wir nachgeschaut, ein Stadt-Landgefälle und zwar das Land braucht ein bisschen länger. Man muss diese städtischen Subkulturen, die Trendsetter im Lifestyle sind, beobachten, was dann wieder auftaucht.

In der mittelalterlichen Malerei und auch in der Renaissancemalerei werden haarlos dargestellt vor allem Christus, der heilige Johannes und der heilige Sebastian. Bei den meisten anderen wissen wir es nicht genau, das sind die drei, die wir nackt sehen."

Käthe Wenzel ist promovierte Kunsthistorikerin mit Lehrauftrag an der Jacobs-Uni in Bremen und praktizierende Künstlerin mit eigenem Atelier in Berlin.

"Sebastian, Johannes und Jesus sind die, die immer dezidiert als schön, jung und auch besonders spirituell dargestellt werden."

Engelsgleich, mit femininen Zügen versehen, weit weg vom Irdischen, vom Tierischen, demonstriert die Haarlosigkeit ebenso Unschuld wie Reinheit. Das Böse, Hässliche, Wilde dagegen zeigt sich durchaus behaart. Paradebeispiel: der Teufel.

"Der hat auf jeden Fall diesen Spitzbart, den Ziegenbart und er hat zottige Waden und er hat diesen haarigen Schwanz. Dazwischen ist es gemischt. Ich würden nicht die Hand dafür ins Feuer legen, dass er immer eine haarige Brust hat, zum Beispiel in Orvieto gibt es ein ganz tolles jüngstes Gericht mit unglaublich vielen Teufeln, glatter Brust, Rest struppig. Oder auch: Taille abwärts struppig und Hals aufwärts."

Diese Dichotomie hat auch heute noch Bestand. Eine Parallele von damals zum heutigen Haarlos- Ideal, Käthe Wenzel:

"Es geht auch darum, dass haarlos sein in dieser Zeit, also Mittelalter, Renaissance, frühe Neuzeit, als zivilisiert betrachtet wird. Es gibt ja auch Darstellungen von den sogenannten Wildmännlein und Wildfrauen. Die werden dargestellt als Menschen, die komplett behaart sind. Das sind Gegenfiguren, die häufig in Kirchenfenstern auftauchen in Buchillustrationen, die auch zum Beispiel am englischen Hof verkörpert wurden als Mummenschanz, als Mask. Man hat diese unglaublich aufgebrezelten Höflinge, wie im "Elisabeth"-Film, wirklich mit Perlen und spanischer Hoftracht und die machten ihre abgezirkelten Hoftänze und dann kamen die Wildmänner und Wildfrauen, liefen aus dem Garten in das Schloss und entführten die Damen. Das war das unzivilisierte Gegenbild, damit man sich vor Augen hält, was an einem selbst zivilisiert ist, nämlich rasieren, gut anziehen und die Damen zumindest pro forma vorher mal fragen."

Heute fällt das unbehandelte Körperhaar in Deutschland wieder in die Kategorie "unzivilisiert", beziehungsweise ungepflegt. Noch zu Zeiten von Sean Connery als James Bond galt eine reiche Brustbehaarung als Ausweis von Virilität. Der seit seiner Emeritierung in Konstanz am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen beheimatete Soziologe Hans-Georg Soeffner sieht hier einen Generationssprung und -wandel

"Die Vorgängergeneration zu den sich jetzt Rasierenden, also Hippies und naturverbundene Gruppierungen, die wären auf die Idee nicht gekommen; war auch eine soziologische Erklärung dafür, dass man die Naturnähe, das heißt Nichtmanipulierbarkeit des Körpers zum Hauptpunkt der eigenen Ideologie gemacht hat und das war die Fahne, unter der man da gesegelt ist."

Einen ähnlich großen Sprung sieht Soeffner im Sport, speziell für den Fußball mit seinen Stars und Vorbildern: Ronaldo, Gomez, Balotelli: wachsendes Körperbewusstsein, verbunden mit dem Herzeigen des Sixpacks, der Frisur, der Tätowierung.

"Wenn Sie mal überlegen, wie so ein Uwe Seeler aussah oder kleines dickes Müller, also die gesamte Körperkultur hat gewaltig zugenommen in den letzten Jahren und das geht vom Sport über die Popmusik bis zum Schauspiel. Auch da gibt es solche Figuren, das sind natürlich bestimmte Vorbilder, die dazu führen, dass man heftig nachahmt und das Merkwürdige für mich ist eben, dass die Ganzkörperrasur zusammentrifft mit der Tätowierung. Da kommt man natürlich auf die Idee, dass hier der Körper als schaustellerisches Objekt benutzt wird insgesamt. Die Tätowierung macht ihn zum Bild."

Der Körper wird lesbar. Allerdings nicht mehr nur für Knastbrüder und Seeleute, sondern für eine zunehmend breitere Bevölkerungsschicht. Soziologe Soeffner sieht die alten Schichten-Unterteilungen in seiner Disziplin als überholt an, Grenzen seien nach Lebensstilen gezogen.

"Wenn ich zu einer bestimmten Stilgruppierung gehöre, oder gehören will und die mich auch erkennen soll, dann muss ich mich nach deren Stil richten. Wir sind eine Beobachtungsgesellschaft, relativ anonym, aber wenn wir bei solchen Großevents auftreten, wo 100 000, 200 000, 300 000 Menschen sich versammeln, die alle den gleichen Lebensstil haben, also sich sonst nicht kennen, dann müsste man aber wissen, wo sind hier meine möglichen Partner. Wie sehen die aus? Welches Piercing tragen die, sind die tätowiert, sind die nicht tätowiert und danach ordne ich mich dann einigermaßen zu. Stilgruppierungen und Milieugruppierungen können sich auf diese Weise wechselseitig als kodiert verstehen und dann auch sofort erkennen."

Dieser "Markt" greift allerdings in erster Linie in der Freizeit - im Beruf sieht man das glattrasierte Sixpack gar nicht und Tätowierungen hält man in bestimmten Berufgruppen sowieso versteckt. Generell konstatieren sowohl der Leipziger Medizinpsychologe Brähler als auch der Soziologe Soeffner einen Trend zur Körpermodifikation und -optimierung, wie er noch vor zwei Generationen in Deutschland nahezu undenkbar war. Damit einher geht eine gewandelte Vorstellung von Schönheit, die eine eher androgyne Tendenz aufweist. Hans-Georg Soeffner.

"Ich glaube schon, dass zumindest was die idealen Körper angeht, dass es hier so eine Art "Crossover" gibt. Die Vorbilder, die man in den Modezeitschriften hat, wenn man die männlichen und die weiblichen Körper nebeneinander hält, dann fällt einem auf, dass einige der weiblichen Körper stark trainiert werden. Das, was früher eigentlich für Frauen nicht üblich war, dass man einen relativ muskulösen Körper hat, das verweist darauf, dass hier so eine Art Männlichkeitsideal durch Fitnesskulturen, Yoga und vieles andere mehr in den weiblichen Bereich gegangen sind."

Auf der anderen Seite könne man eine "Emanzipation" des Mannes konstatieren, in Bezug nicht nur auf die Entfernung der Körperbehaarung.

"Bei den Männern eine Art Feminisierung, jedenfalls was das eigene Körperbild angeht im Hinblick auf Kosmetik, Reinheit, Hygiene. Das betrifft nicht nur Geruch, sondern eben auch Aussehen. Dass hier so eine Art Angleichung stattfindet. Im übrigen glaube ich natürlich auch, dass so etwas wie eine reine Heterosexualität, wie sie zur klassischen Ideologie bis in die 70er Jahre gehörte, dass diese reine Heterosexualität für die jüngere Generation in dieser Form nicht mehr existiert."

"Wir haben keine Enthaarungsreligion momentan, solange existiert's noch nicht und kann auch wieder wechseln. Die künstlerische Avantgarde macht auch nicht jeden Blödsinn mit."

"Wir haben das sogenannte Brusthaartoupet, aber wir haben auch die Zahnhaarprothese zur Herstellung von Haaren auf den Zähnen. Das braucht man zur performativen temporären nichtbedrohlichen Herstellung natürlicher Autorität. Das ist ein Produkt für alle ungenügend maskulinen Personen und natürlich besonders empfohlen für Frauen in Gehaltsverhandlungen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk