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StartseiteForschung aktuellOhne Crew auf dem Meer12.09.2017

Selbstfahrende SchiffeOhne Crew auf dem Meer

Selbstfahrende Autos sind keine Zukunftsvision mehr, sondern Realität auf deutschen Straßen. Selbstfahrende Schiffe sind hingegen seltener. In mehreren Pilotprojekten arbeiten Unternehmen zurzeit an autonomen Schiffen, die in einigen Jahren ohne Crew über die Meere fahren sollen.

Von Tim Schröder

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Ein Frachtschiff auf der Außenweser (imago/Blickwinkel)
Ein Frachtschiff auf der Außenweser. In Zukunft sollen Schiffe auch ohne Mannschaft über die Meere fahren. (imago/Blickwinkel)
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Die "Yara-Birkeland" wird nicht besonders schön sein. Sie ähnelt einem überdimensionierten Schuhkarten mit spitzer Schnauze. Dennoch dürfte sie in den kommenden Jahren für Aufsehen sorgen, denn die "Yara Birkeland" läutet eine neue Ära in der Schifffahrt ein: Sie wird das erste große Frachtschiff sein, das künftig ganz ohne Menschen an Bord auf Reisen geht. Auftraggeber ist der südnorwegische Düngemittelhersteller Yara.

"Bislang wurden die Düngemittel per Lastwagen zum Containerhafen gefahren. Jetzt soll ein unbemanntes Schiff zu Wasser gelassen werden, dass die Düngemitteltransporte übernimmt", sagt Bjørn-Johan Vartdal, von der Klassifizierungsgesellschaft DNV GL in Oslo, einer Art Schiffs-TÜV. Er unterstützt die Firma Yara bei der Entwicklung des Schiffs. Bislang transportiert der Hersteller den Dünger per Lkw von seinem Werk zum 70 Kilometer entfernten Containerhafen Larvik, von wo er in alle Welt verschifft wird. Künftig soll der Lieferverkehr bis nach Larvik klimaneutral erfolgen. Die "Yara Birkeland" wird deshalb mit Batterien angetrieben und den Törn nach Larvik abgasfrei zurücklegen. Ende 2018 wird sie zu ihrer ersten Fahrt aufbrechen - zunächst noch mit Schiffsoffizieren an Bord.

"2020 wird die Mannschaft dann ganz von Bord gehen"

"Man geht schrittweise vor und wird das Schiff im ersten Jahr mit Leuten an Bord betreiben. Anschließend wird das Schiff aus einer Zentrale ferngesteuert, während die Offiziere noch an Bord sind. 2020 wird die Mannschaft dann ganz von Bord gehen."

Die Firma Yara nähert sich dem Autopiloten langsam an, weil die Technik noch nie in großem Stil getestet wurde. So benötigt ein autonomes Schiff viele zusätzliche Sensoren, um zu navigieren oder Hindernisse zu erkennen – neben dem GPS und dem Radar sind das Infrarot-, Mikrowellen- oder Schallsensoren. Mit denen orientiert sich der Autopilot bei schlechtem Wetter und in der Dunkelheit.

"Aber zusätzlich benötigt man eine Technologie an Bord, die diese Information erfasst und interpretiert. Und diese Technologie ist jetzt noch nicht komplett entwickelt."

Bis die "Yara Birkeland" 2020 autonom fährt, werden die Computerprogramme also noch den Feinschliff bekommen müssen. Auch in anderen Projekten gehen Entwickler schrittweise vor. Der Schiffsmaschinen-Hersteller Rolls Royce etwa stattet derzeit ein Schiff der norwegischen Fährgesellschaft Fjord1 mit Autopiloten-Funktion aus. Die Fähre soll auf dem Nordfjord in Westnorwegen eingesetzt werden. Der Kapitän übernimmt das An- und Ablegen. Der Autopilot erledigt den Rest der Reise. Er wird Hindernissen ausweichen und navigieren und kann die Motoren so steuern, dass sie jederzeit besonders energiesparend arbeiten. Bei Rolls Royce sieht man die autonome Schifffahrt als bedeutenden Zukunftsmarkt, sagt der Direktor für Engineering und Technologie, Kevin Daffey.

"Derzeit investieren wir 200 Millionen englische Pfund in die Entwicklung ferngesteuerter und autonomer Schiffe. Dazu gehört, dass das Schiff allein Entscheidungen treffen kann, dass die Motoren optimal gesteuert und überwacht werden. Der ganze Antrieb, die Maschinen an Deck, die gesamte digitalisierte Schiffstechnik die wir liefern, muss das Schiff künftig automatisch steuern können."

Risiken: Cyber-Angriffe und Ausfall von Maschinen

Rolls Royce will alle technischen Anlagen an Bord miteinander vernetzen, damit eine zentrale Steuerung möglich wird. Inzwischen hat das Unternehmen im norwegischen Ålesund eine Zentrale aufgebaut, von der sich Schiffe künftig fernsteuern lassen. Auch wird man von hier den Zustand autonomer Schiffe überwachen können. Zu klären sind derzeit noch Risiken, wie etwa der Schutz vor Cyber-Angriffen oder der Ausfall von Maschinen. Daffey kennt weitere Herausforderungen:

"Eine Herausforderung ist die Kommunikation. Man muss die Informationen mit einer bestimmten Datenrate vom Schiff bekommen, um es fernsteuern oder überwachen zu können. Außerdem müssen wir die Antriebsmaschinen noch sehr viel zuverlässiger als heute machen, weil ja für viele Wochen keine Mannschaft mehr an Bord ist, die sie reparieren kann."

Ein Schiff ohne Mannschaft ist für viele Reeder derzeit keine Option. Denn während der Fahrt werden nicht nur Maschinen gewartet, sondern auch Frachträume gereinigt oder Decksaufbauten gestrichen. Diese Arbeiten wird man künftig an Land erledigt müssen, was die Liegezeiten der Schiffe verlängert. Thorsten Meier, Geschäftsführer der Hamburger Reederei Roth, wird seine Massengutfracher daher bis auf weiteres nicht ohne Personal fahren lassen:

"Wir operieren zum Beispiel Schiffe, wo wir verschiedenste Ladungen fahren. Und da wird allein aufgrund der Laderaumreinigung es anspruchsvoll, das Schiff autonom fahren zu lassen. Oder man ist auf Reinigungstrupps von Land angewiesen und die müssen im Zweifelsfall an Bord, bevor das Schiff den Hafen erreicht, da das Schiff ja sauber sein soll, wenn es ankommt. Letzten Endes ist unsere Haltung da konservativ. Auf die Mannschaft verzichten wollen wir aus heutiger Zeit nicht."

Dennoch blickt die Branche interessiert nach Norwegen, denn mit der "Yara Birkeland" wird das erste Schiff ohne Kapitän schon in drei Jahren Realität sein. Man darf gespannt sein, wie sie sich so ganz allein auf den norwegischen Fjorden zurechtfinden wird. 

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