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StartseiteLied- und Folkgeschichte(n)Jüdische Musiker der 30er-Jahre - reinterpretiert03.06.2016

Semer Ensemble Jüdische Musiker der 30er-Jahre - reinterpretiert

Die Schellackplatten des Berliner Semer Labels sind eine Fundgrube der besonderen Art. Denn damals, im politisch brisanten Berliner Klima der 1930er-Jahre, zeigten sie ganz ohne Scheu die widersprüchlichen Aspekte jüdischer Identität. Das Semer Ensemble hebt die alten Schätze und veredelt sie.

Von Grit Friedrich

Das Semer Ensemble beim Yiddish Summer Weimar

Berlin war in den Dreißigerjahren ein aufregender und kosmopolitischer Ort gerade auch was die Musik und speziell die jüdische Musik anging.

"Wenn ich sehe, was alles Mutiges auf dem Semer Label aufgenommen wurde, denn das passierte alles nach 1933, als Juden nirgendwo mehr auftreten durften, dann sieht man dieses mehrsprachige und breite Repertoire auf diesem Label. Es gibt Lieder auf Hebräisch, Jiddisch,  Deutsch, Russisch und Italienisch. Volksmusik, Theatermusik, Cabaret Lieder, Kantorallieder, italienische Arien und russische Volkslieder. All das war Teil der Kultur."

Sasha Lurje ist Sängerin beim Semer Ensemble, das sich vom damaligen Semer Label inspirieren läßt.

In ein Zeitfenster eintauchen

"Als europäischer Jude bin ich automatisch mit der Geschichte verbunden, es gibt in der ehemaligen Sowjetunion und auch in Osteuropa fast keine Familie, deren Vorfahren von der nationalsozialistischen Verfolgung nicht betroffen waren, auch deswegen war es interessant für mich als Violinspieler bei Semer Label Reloaded mitzumachen. Es gab mir die Gelegenheit in dieses Zeitfenster zu tauchen. Die Musik, die damals in Berlin aufgenommen wurde, ist so schön und facettenreich, genau deswegen ist es so schade das sie nach dem Krieg so gut wie verloren schien. Deswegen finde ich Projekte wie Semer Label Reloaded so wichtig."

Mark Kovnatskiy gehört ebenfalls zum Semer Ensemble um Alan Bern. Die Musiker haben sich intensiv mit dem Originalmaterial beschäftigt, das einst vom Semer Label aufgenommen wurde. Auf welche Schätze sie dabei gestoßen sind und wie sie diese in unsere Zeit holen, ist auf dem neuen Album des Ensembles hören: "Rescued Treasure".

Fieberhaft das Berliner Musikleben dokumentiert

Das Semer Label wurde von Hirsch Lewin im Jahr 1932 gegründet, am Vorabend der nationalsozialistischen Diktatur. Der 1892 geborenen Hirsch Lewin stammte ursprünglich aus Wilna/Vilnius und wurde im Ersten Weltkrieg als Zivilgefangener nach Deutschland verschleppt. Nach Kriegsende blieb er einfach in Berlin. Er arbeitete zunächst in der Buchhandlung Gonzer, bis er 1930 eine eigene »Hebräische Buchhandlung« in der Grenadierstraße 28, heute Almstadtstraße, eröffnete, im Scheunenviertel von Berlin Mitte. Er verkaufte religiöse jüdische Schriften, Kinderbücher, Gebetsmäntel und Kerzen, aber auch Schellackplatten. Und zwischen 1932 und 1938 nahm er auf seinem Label Semer hunderte Platten auf, zum Beispiel mit Israel Bákon, einem aus Westgalizien stammenden stimmgewaltigen Kantor; oder mit dem Theaterstar Dora Gerson. Weil er spürte, dass eine Epoche zu Ende gehen würde, dokumentierte Hirsch Lewin fieberhaft das Musikleben Berlins. Er gab jüdischen Künstlern eine Plattform, die durch die Rassengesetze der Nazis aus dem Kulturleben der Hauptstadt ausgeschlossen worden waren. Doch am 9. November 1938 in der sogenannten "Reichskristallnacht", war sein Werk zu Ende. SA Horden zerstörten die "Hebräische Buchhandlung" samt Lager mit 4500 Schallplatten und 250 Matritzen. Hirsch Lewin wurde verhaftet, kam ins KZ Sachsenhausen und wurde nur unter der Bedingung entlassen, das er Deutschland umgehend verlässt. Sein Label, das so viele wichtige Stimmen Berlins dokumentiert hatte, geriet in Vergessenheit.

Musik " Lebka fährt nach Amerika - Part 1" –Pinkas Lavender

Das jiddische Volkslied "Leybke fort keyn Amerike" erzählt von der Auswanderung nach Amerika – eine seit den 1880er-Jahren in osteuropäisch-jüdischen Familien häufige Erfahrung. Und hier passiert Folgendes: Der Vater und Ehemann, der in Amerika ein neues Leben beginnt, vergisst seine Familie in Europa. Das einzige Lebenszeichen von ihm ist ein Brief, in dem er die Scheidung fordert, weil er in Amerika erneut heiraten möchte. 

Diese Lieder aus dem Semer-Katalog sind heute nur deshalb wieder zu hören, weil der Musikethnologe Rainer E. Lotz in den Neunzigerjahren den originalen Katalog des Semer Labels, und anderer Plattenfirmen jener Jahre auf der ganzen Welt zusammengesucht hat. Das Label Bear Family hat seine Edition "Vorbei ..." / "Beyond Recall" veröffentlicht: elf CDs mit Schallplattenaufnahmen jüdischer Künstler im nationalsozialistischen Deutschland. Ein Mammutwerk zur Berliner Musikgeschichte der Vorkriegsjahre.

Keine kulturellen Grenzen

Auch für Alan Bern waren diese alten Aufnahmen eine Entdeckung. Er begegnete ihnen schon in den Neunzigerjahren, und dann wieder 2012 im Jüdischen Museum Berlin. Dort wurde "Berlin Transit" gezeigt, einer Ausstellung über jüdische Migranten aus Osteuropa in den 1920er-Jahren.

"Ein Teil der Ausstellung war Klangausstellung über dieses Semer Label. Und einer der Kuratoren war Fabian Schnedler. Auf einmal gab es diese Gelegenheit ein Projekt über das Semer Label zu machen. Ich hab mir das angehört und war sofort fasziniert. Was ich sehr interessant finde ist, dass man die kulturellen Grenzen innerhalb der jüdischen Gesellschaft, überhaupt nicht sieht damals. Man hat auf der einen Seite einer Platte einen Kantor und er singt ein religiöses Gebet und auf der anderen Seite singt der gleiche Kantor ein Volkslied oder etwas vom jüdischen Theater. Was heute nicht mehr vorkommt."

Musik "E'se Pele" Semer Ensemble

Berlin im November 2015: Auf der Bühne des Studio Я am Maxim Gorki Theater steht das achtköpfige Semer Ensemble, gegründet und geleitet von Alan Bern. Er gilt als Pionier neuer jüdischer Musik und hat für die CD "Rescued Treasure" eine sehr breite Auswahl an Liedern aus den Archiven zurück ans Licht geholt: lange vergessene Stücke, darunter auch ein paar Lieder der zionistischen Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts - Lieder mit Texten über das gelobte Heimatland, die man im historischen Kontext ihrer Entstehungszeit sehen muss.

Jüdische Musik ohne Scheuklappen

"Es gibt schon einige Lieder, in dieser Sammlung, die extrem zionistisch sind. Und für einige von uns ist das nicht so einfach. 'Biderlekh Aheym!', damals hieß es 'Palestinian Melody', aber natürlich ging es um die jüdischen Pioniere. Ich glaube, auch wenn man sagt, wie ich das immer in Konzerten ansage, dass diese Lieder natürlich aus einer anderen Zeit kommen, und ganz andere Bedingungen widerspiegeln - damals hat man noch nicht ‚geträumt‘ von diesem Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern heute – aber trotzdem solche Texte zu bringen, die so ganz stark zum Ausdruck bringen: Israel ist die Heimat für Juden und keine anderen Leute gehören da hin, man kann das nicht auf der Bühne bringen und so tun als hätte das gar keine politische Bedeutung."

Es spricht für Alan Bern und seine Musikerkollegen, dass sie die zionistischen Lieder nicht einfach aus Gründen der political correctness weggelassen haben aus ihrem Programm. In den Konzerten gibt es immer einen kurzen einordnenden Kommentar dazu. Diese Künstler setzen sich ohne Scheuklappen mit einem wenig bekannten Kapitel jüdischer Musikgeschichte auseinander. Dabei wollen sie die Musik des Vorkriegsberlins in möglichst vielen Facetten vorstellen.

Berlin ist wieder kosmopolitisch

Alan Bern ist glücklich darüber, dass mit der Sängerin Sasha Lurje oder dem virtuosen Geiger Mark Kovnatskiy, genau wie in den Zwanzigerjahren, aus Osteuropa erneut starke Impulse für die jüdische Szene hierzulande kommen. Auch darum steht das heutige Semer Ensemble für ein weltoffenes Berlin.

"Außer Lorin leben alle Musiker in Berlin und sie identifizieren sich sehr stark mit dem kosmopolitischen Berlin. Einige Leute haben bemerkt, dass diese Vielfältigkeit seit den Dreißigerjahren weg war und erst jetzt wieder hergestellt wurde. Erst jetzt gibt es diese Stimmung und die kulturelle Vielfältigkeit von damals. Sasha ist eine junge europäische Musikerin, die kann, ich weiß nicht wie viele Sprachen, aber auf jeden Fall Russisch, Lettisch, Jiddisch, Deutsch inzwischen und Englisch. Das heißt, dass Sasha genau diese kulturelle und sprachliche Vielfalt verkörpert. Für sie ist das sehr natürlich heute."

Düstere Vorahnungen

Die jüngste Stimme im Projekt gehört der lettischen Sängerin Sasha Lurje. Sie singt auf der Semer-CD zwei wunderschöne Lieder aus dem Repertoire einer bekannten Berliner Schauspielerin. Dora Gerson, geboren 1899 in Berlin, hatte 1935 nur wenige Lieder aufgenommen. Doch aus den Chansons "Vorbei" oder "Die Welt ist klein geworden" spricht eine unglaubliche Tiefe, eine Melancholie und das Gefühl, dass etwas zu Ende geht in Berlin.

"Und dann sie singt: ‚Wir haben das Licht elektrisch gemacht und können uns trotzdem nicht sehen. Wir haben ein Esperanto erdacht und werden uns niemals verstehen.‘ Es geht um all die Sachen, wie die Welt ist, wie sie läuft und sich entwickelt und wie wir leben in dieser Welt, was wir sehen und was wir nicht bemerken. Und ich denke das Programm ist auch darüber, man kann das auch schön in diesem Lied hören."

Musik "Die Welt ist klein geworden" – Semer Ensemble

Sasha Lurje interpretiert das Original der Theaterschauspielerin Dora Gerson, die 1943 in Auschwitz starb, genau wie ihr Mann und die beiden gemeinsamen Kindern. Nur fünf Lieder hatte Dora Gerson 1935 im Keller einer Berliner Synagoge aufgenommen. Allerdings nicht für das Semer Label, sondern für eine andere kleine jüdische Plattenfirma. Lukraphon. Von den Nazis war sie zu diesem Zeitpunkt längst mit Auftrittsverbot belegt worden und konnte nur noch bei Veranstaltungen des "Jüdischen Kulturbundes" oder im Ausland auftreten.

Sasha Lurje hat sich immer wieder die alte Aufnahme von diesem Lied angehört. Doch sie imitiert  Dora Gerson nicht, sondern bringt ihre eigenen Erfahrungen als Sängerin mit ein: Einflüsse aus der traditionellen jiddischen Musik, aus Oper oder sogar Rockmusik. Erst seit wenigen Jahren lebt Sasha Lurje in Berlin –sie kommt aus Lettland und ist schon fest verankert in der lokalen Szene. Nach Deutschland kam sie zum ersten Mal 2006 für den Yiddish Summer Weimar. Heute unterrichtet sie dort. In Weimar lernte sie die meisten anderen Musiker vom Semer Ensemble kennen, wie den Klezmatics Sänger und Grammy-Preisträger Lorin Sklamberg. Für Alan Bern ist es ein Interpret, der das Semer Ensemble sehr bereichert.

"Lorin hat eine wunderbare Stimme, er kann und liebt Oper, Operette, leichte populäre Musik und hat ein riesiges Repertoire an jüdischer Musik und kann das jiddische Repertoire in diesem größeren Kontext verstehen und interpretieren. Er kann differenzieren zwischen einem kantoralen Stück und Liedern, wo bestimmte Techniken wichtig sind."

Musik "Ich tanz und mein Herz weint"- Semer Ensemble

Lorin Sklamberg hat für das Album "Rescued Tresure" auch ein Wiegenlied mit dem Berliner Sänger Fabian Schnedler aufgenommen. Es zeigt exemplarisch wie mutig die Musiker um Alan Bern mit dem historischen Material umgehen.

"‘Das Kind liegt in Wigele‘ ist das einzige jiddische traditionelle Volkslied auf dieser CD und gleichzeitig die Musik, die wir am meisten verfremdet haben: mit Mitteln, die sonst nur in zeitgenössischer Musik und im Freejazz vorkommen. Ich mag sehr die Spannung zwischen Tradition und Innovation in diesem Lied. Es ist sehr emotional und alle SängerInnen kommen vor und jeder Musiker hat die Chance sich zu zeigen. Paul Brody spielt ein großartiges Solo. Das ist ein sehr wichtiger Moment."

Das Stück "Das Kind liegt in Wigele" ist eines der bewegendsten Lieder auf dem Album. Es besingt ein Waisenkind, dessen Mutter bei antisemitischen Pogromen in Osteuropa umgekommen ist. Ursprünglich hatte es Simon Berkowitz für eine Semer Platte Anfang der Dreißigerjahre in Berlin aufgenommen..

Musik "Das Kind liegt in Wigele" -Semer Ensemble

Das Kind liegt in der Wiege
Mit verweinten Augen
Die Mutter liegt auf dem Boden
Mit ausgestreckten Beinen
Ohne seine Mutter
Ohne Trost
Das Kind liegt in der Wiege
Und fällt in Ohnmacht ohne Beistand
Die Mutter liegt im Grabe
Mit Scherben auf den Augen               

Oh, wer mein Kind
Wird dir die Haare kämmen
Oh, wer mein Kind
Wird dir die Bettwäsche wechseln?
Oh, wer mein Kind,
Wird dich waschen und ankleiden?

Oh, wer mein Kind,
Wird dich zur Schule bringen?
Mein einziges Kind
Deine Mutter wird nicht kommen
Weder bald noch schnell.

Große stilistische Vielfalt

Das Wiegenlied steht auf der CD "Rescued Treasure" gleichberechtigt neben Chansons, religiösen Liedern, jiddischer Theatermusik und Schlagern aus den Zwanziger- und Dreißigerjahren. Damals herrschte in Berlin eine große Pluralität an Stilen und Interpretationsweisen, und genau das möchte das Semer Ensemble zeigen. Hier erklingt aber kein historisches Programm, sondern es schimmern viele musikalische Einflüsse aus den Arrangements. Genau so hat Alan Bern, der schon 1987 aus New York nach Berlin gekommen ist, früher auch Free Jazz gespielt. Ende der Siebzigerjahre war er für ein Jahr am "Creative Music Studio" in der Nähe von New York. Dort konnten die Studenten mit innovativen Musikern arbeiten, darunter John Cage, Ursula Oppens, Anthony Braxton, Carla Bley oder The Art Ensemble Chicago.

Den offenen und grenzüberschreitenden Geist der Musikvermittlung, den Alan Bern dort erlebte, hat er nach Deutschland gebracht, auch zum Yiddish Summer Weimar, den Alan Bern 1999 gründete. Bei diesem mehrwöchigen Festival kann man jedes Jahr im Juli und August die vielen Facetten der jiddischen Sprache, Kultur und Musik kennenlernen. Es gibt Konzerte, Sessions, Workshops und in diesem Jahr zum ersten Mal sowohl eine zeitgenössische Tanz- als auch und eine Theaterproduktion.

Die Musikindustrie war damals nicht so durchrationalisiert

In Weimar wurden viele Lieder für das erste Semer Konzert einstudiert. Von Anfang an war Alan Bern klar, er will diese CD live aufnehmen.

"Weil ich weiß, dass bei einem Konzert jeder Musiker dieser Gruppe besser ist als im Studio. Wenn Du im Studio bist, denkst Du die ganze Zeit an Sauberkeit, Wiederholbarkeit, all solche Sachen. Und die Spontanität, die ich auf dieser CD höre, und die man auch auf den Aufnahmen von damals hört, Du kriegst das schwer im Studio hin, das ist unmöglich. Aber eigentlich hat das auch einen anderen Sinn. Der Zweck einer Aufnahme damals war zum Teil ein anderer als heute. Die Musikindustrie war nicht so durchrationalisiert wie heute, das hatte eine persönliche Ebene, und ich wollte diese Ebene heute wieder haben."

Innerfamiliärer Schlagabtausch

Das Semer Ensemble ist über die Jahre eng zusammengewachsen. Viele seiner Mitglieder kennen sich schon lange vom Yiddish Summer Weimar. Die jungen Stimmen im Projekt, Sasha Lurje, Fabian Schnedler oder Daniel Kahn bezeichnen sich sogar als Schüler von Alan Bern, wobei sie selbst starke eigene Bandprojekte haben. Daniel Kahn kam vor ein paar Jahren aus den USA nach Berlin. Dort gründete er die Band Painted Bird, entwickelte das Essad Bay Programm und tritt im Duo mit Sasha Lurje auf, gemeinsam singen sie seltsame, dunkle Liebeslieder.

Bei Semer präsentieren sie auch witzige Gassenhauer, wie dieses Duett aus einem jiddischen Theaterstück, ursprünglich gesungen von Esther & Jacob Moschkowitz: ein innerfamiliärer Schlagabtausch, der heftig beginnt und friedlich endet.

Musik "Scholem Baith" - Semer Ensemble

Scholem Baith

Lomir beser shuloym zayn!
Shuloym iz git far yeydn.                  
Shuloym, shuloym iz dokh fayn.
Shuloym es makht tsufridn.     
Shulem zol shoyn zayn! 
Oy, zoln zikh di sonim krign     
Hubn ot deym fargenign
Gotenyu liber, gotenyu giter,    
Shuloym zol shoyn zayn!         
Oy, gotenyu, mayn harts baglikn,
Makh a sof fin zayn farbisn,
Gotenyu liber, gotenyu giter,    
Shuloym zol shoyn zayn! 

    

Peace in the Home

Lass uns lieber Frieden schließen!
Frieden ist gut für jeden.
Frieden, Frieden, ist eine schöne Sache
Frieden macht dich glücklich
Lass uns Frieden schließen
Ach, lass die Feinde kämpfen
Sie können dieses Vergnügen haben
Lieber Gott, guter Gott
Lass endlich Frieden sein
Ach Gott, mach mein Herz glücklich
Mach dieser Bitterkeit ein Ende,
Lieber Gott, guter Gott,
Lass endlich Frieden sein!

Die Vielfalt der Stimmen und Genres ist eine besondere Stärke der CD "Rescued Treasure". Sie zeigt auch, dass viele dieser Lieder nicht nur für die jüdischen Bewohner Berlins in den Zwanziger- und bis Anfang der Dreißigerjahre relevant waren. Das Publikum war damals gemischt: Juden und Nichtjuden trafen sich in den Konzertsälen, Bars oder Nachtclubs und zwar solange, bis die Nazis diese offene Gesellschaft mit ihren Rassengesetzen zerstörten.

Jiddische Kultur war damals nicht exotisch

Für Alan Bern ist diese CD deshalb nicht nur ein Statement für einen weiten Kulturbegriff, der auch von Impulsen lebt, die Immigranten geben. Diese Lieder zeigen eine Kultur, die erst durch ethnische Vielfalt entsteht. Und sie vermitteln ein Bild davon, wie selbstverständlich jüdische Künstler in die deutsche Kultur integriert waren, bis zum Beginn des Nationalsozialismus.

"Trotz sehr viel Reflexion seitdem gibt es immer noch die Tendenz, jüdische Kultur als exotisch anzusehen. Und wenn auf dieser CD ein Lied wie ‚Im Gasthaus zur Goldenen Schnecke‘ neben ‚Czárdás‘ , ‚Das Kind liegt in Wigele‘ und einem liturgischen Lied zu hören ist, dann kriegt man, glaube ich, ein ganz anderes Bild. Für mich ist es auch wichtig zu sagen, dass es nicht um jüdische oder jiddische Musik und schon gar nicht um Klezmermusik geht. Sondern es geht um die Musik, die jüdische KünstlerInnen gemacht haben in den Dreißigerjahren. Und aus der Sicht der Nazis war es alles jüdische Musik, weil das jüdische Künstler gemacht haben. Aus heutiger Sicht kann man das so nicht sagen und ich möchte das auch nicht so sehen."

Alan Bern hat für sein Semer Projekt ein exzellentes Ensemble um sich versammelt. Da schlagen Funken zwischen dem amerikanischen Trompeter Paul Brody und dem erfahrenen Jazzbassisten Martin Lillich, zwischen Alan Bern an Klavier und Akkordeon und dem Geiger Mark Kovnatskiy mit Wurzeln in Moskau. Und es gibt ganz intensive Momente, wie bei einem Totengebet für einen jüdischen Soldaten.

Musik "Kaddisch" (Der jüdische Soldat) - Semer Ensemble

Fabian Schnedler - der Duopartner von Lorin Sklamberg - arbeitet als Museumspädagoge am Jüdischen Museum Berlin, spricht fließend Jiddisch und hat zuletzt jiddische Gaunerlieder herausgebracht. "Ganovim" heißt das Album, das beim Berliner Label Oriente erschienen ist: Eine Hommage an Franka Lampe, eine der großen Klezmerakkordeonistinnen Deutschlands, die Anfang 2016 gestorben ist. Der Sänger Fabian Schnedler ist nicht unwesentlich am Erfolg des Semer Projektes beteiligt. Denn er war es, der die Idee zu einem Konzert mit Liedern aus dem Katalog des historischen Semer Labels von Lewin Hirsch hatte. Premiere hatte dieses erste Konzert mit Semer Liedern im Rahmen der Ausstellung "Berlin Transit" 2012 am Jüdischen Museum Berlin.

Osteuropäisch-jüdisch-deutsche Musik

"Es ist ein sehr schönes Ensemble daraus entstanden, wir alle freuen uns, wenn wir uns sehen und zusammen Musik machen können. Wir freuen uns über diese Musik. Man sagt ja, es gibt immer so Wellen. Da wird rumänische und bulgarische Musik recherchiert, dann jiddisch-rumänische und jiddisch-bulgarische Musik, aber niemand hatte die Idee osteuropäisch- jüdisch-deutsche Musik zu recherchieren. Insofern sehe ich hier jetzt vor mir dieses CD Cover und denke schön! Und es ist der Ort Berlin, die Zwanziger- und Dreißigerjahre, die plötzlich so präsent klingen. Berlin ist wieder ein Ort, der sehr vielfältig und internationaler geworden ist. Was es ja eine Weile auch nicht so war. Weder die Westberliner Insel, noch das Ostberliner Hauptstädtchen."

Auf dem Cover des "Rescued Treasure" Albums ist kein Bandfoto, sondern ein Bild von Ruth Landshoff zu sehen. Sie war in den Zwanzigerjahren ein Berliner IT Girl. Geboren 1904 als Ruth Levy in Berlin wurde sie 1933 von den Nazis in die Emigration getrieben. Doch sie hatte Glück und konnte dann in New York ihr kosmopolitisches Künstlerinnenleben fortsetzen. Die Lieder ihrer Jugend sind auf dem Album neu arrangiert und wieder lebendig.

Sie können die Sendung nach Ausstrahlung 7 Tage online nachhören.

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