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StartseitePodium"Wir leben wie im 15. Jahrhundert"07.06.2014

Serbien nach dem Hochwasser"Wir leben wie im 15. Jahrhundert"

Das Hochwasser auf dem Balkan hat Schäden in Milliardenhöhe angerichtet. In der serbischen Kleinstadt Obrenovac stehen viele Menschen vor den Trümmern ihrer Existenz. Sie beklagen, die Behörden hätten nicht vor den Fluten gewarnt. Nun versuchen sie zu retten, was zu retten ist.

Von Stephan Ozsváth

Eine Frau trägt eine Maske. (ANDREJ ISAKOVIC / AFP)
Tausende Menschen in Serbien, Bosnien und Kroatien kämpfen mit den Folgen der Flut. (ANDREJ ISAKOVIC / AFP)
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Bosnien-Herzegowina - Berlin stockt Hilfe für Flutopfer auf (Deutschlandfunk, Aktuell, 26.05.2014)

Slobodanka Djordjevic führt durch das, was einmal ihr Haus war. Die Serbin ist extra aus Mannheim gekommen, um in Obrenovac nach dem Rechten zu sehen. Ihr Mann ist hier begraben, erzählt die Gastarbeiterin, während sie durch das Haus führt. Sie trägt einen weißen Overall, Gummistiefel und Plastikhandschuhe.

Graugrüne Schlamm-Schlieren bedecken den Boden des Hauses. Auf der Erde hat sie die Kleinteile ihres Hausrats sortiert: Geschirr, Spiegel, Tabletts, Kannen. Vor ihrem Haus türmt sich die Lebensleistung einer Gastarbeiter-Familie:
"Die ganzen Möbel sind aus Deutschland, haben wir alles geschleppt. Eiche rustikal. Alles stand auf dem Kopf hier, ich habe nicht mal eine Nadel zum Nähen nichts."

Wohnen kann sie hier nicht, sie ist in Belgrad untergekommen. Um hier aufzuräumen, kommt sie jeden Tag mit dem Bus und zu Fuß aus der 30 Kilometer entfernten Hauptstadt.

Das Geräusch von Pumpen ist allgegenwärtig in Obrenovac. Überall werden Häuser vom brackigen Wasser befreit, der Gestank von Kloake, von Fäulnis liegt in der Luft. Vor den Häusern, auf den Straßen, sieht es aus, als ob der Sperrmüll abgeholt würde: Möbel, Teppiche, Fernseher, Matratzen - alles ist auf der Straße aufgetürmt, und alles ist von Schlamm überzogen und durchweicht.

Aleksandar Zivkovic steht vor seinem grellgrün gestrichenen Lebensmittelgeschäft in der 25.000 Einwohner-Stadt. Als Save und Kolubara über die Ufer traten, wohnte er zum Glück im zweiten Stock mit seiner Familie, das jüngste Kind ist noch ein Baby. Der Ladenbesitzer ist sauer auf die Behörden.

"Am Morgen des 16. Mai, als die Flut kam, an diesem Freitag hat uns niemand alarmiert. Es gab keine Sirenen, zumindest nicht in unserem Stadtteil. Um halb sieben stand vor meinem Geschäft ein Geländewagen der Gendarmerie. Ich fragte, was los sei. Sie sagten mir: Nichts. Wortwörtlich. Alles, was ich in meinem Leben verdient habe, ist in diesem Laden überflutet worden."

Vor dem Laden stehen Kühlschränke zum Trocknen in der Sonne. Der Ladenbesitzer deutet auf Getränkeflaschen: Eistee, Coca-Cola - und auf allen der ekelhafte Schlamm-Film.

"Allein die Ware war 10.000 Euro wert. Ich habe das Geld nicht. Ohne Hilfe vom Staat kann ich nichts tun. Ich kann meine Kredite nicht abbezahlen. Auch nicht die Schulden gegenüber den Zulieferern. Die haben mir die Ware geliefert - und die ist nun kaputt."

Drei Milliarden Euro Schäden

Insgesamt - so schätzen die Behörden in den drei betroffenen Ländern Serbien, Kroatien und Bosnien, belaufen sich die Schäden auf gut drei Milliarden Euro. Der Ladenbesitzer ist frustriert.

"Man bemüht sich, arbeitet ein Leben lang, um ein normales Leben zu führen. Nichts Großes. Und das Wasser zerstört alles, in sehr, sehr kurzer Zeit."

Auch vor Vesna Milovanovics Haus liegt Gerümpel: Matratzen, Stühle, eine Stereoanlage, Bilder, verkrustete Teppiche, eine kaputte Mandoline. Im Erdgeschoss des Hauses steht immer noch knöcheltief das graue, stinkende Wasser. Zwei Männer in Gummistiefeln versuchen, mit Besen das Wasser aus den Zimmern zu kehren.

"Als wir hier ankamen, haben wir nur Chaos vorgefunden. Wir haben selbst Leute bezahlt, die alles aus dem Haus rausgeschmissen haben. Jetzt haben wir Leute gefunden, die alles reinigen werden. Im Erdgeschoss ist alles kaputt, hundert Prozent. Ob hier irgendjemand gegen Überschwemmung versichert ist, weiß ich auch nicht."

Die wenigsten sind es, so Daten der serbischen Versicherungswirtschaft. In ihrem Hof steht ein Tankwagen - denn fließendes Wasser gibt es nicht, erzählt Nachbarin Gordana.

"Wir haben keinen Strom, kein Wasser, können nicht baden, wir haben nichts. Wir leben wie im 15. Jahrhundert."

Das Hochwasser hat die Bewohner von Obrenovac auf eine unfreiwillige Zeitreise geschickt. Gordana hatte eine kleine Näherei. Jetzt ist alles nass und voller Schlamm: Die sechs Nähmaschinen und das Garn. Auch die Näherin fühlt sich von den Behörden im Stich gelassen.
"Wir hatten nur zehn Minuten. Meine Schwiegertochter stand an der Haustreppe, ich war beim Gartentor. Da war so viel Wasser, dass ich nicht zur Treppe kommen konnte. Ich stieg über die Leiter auf die Terrasse im ersten Stock. Es war, als hätte jemand einen ganzen Tanklaster Wasser direkt auf uns gekippt. Es gab keine Sirenen, sie lügen. Hier war das Wasser zwei, drei Meter hoch."

An der Fassade ihres Hauses kann man den Wasserpegel noch ablesen: Braune Schlieren ziehen sich im Erdgeschoss wie die Jahresringe eines Baumes an der weißen Wand entlang. Vor der Terrasse, im Garten liegt stinkender Schlamm wie ein riesiger Kuhfladen. Nachbarin Rajna Djenadic ist Rentnerin. Auf ihrem Grundstück lebte sie mit einem ihrer Söhne und ihrer Schwiegertochter. Jetzt hat sie nichts mehr.

"In den ganzen Sachen sind schon Würmer aufgetaucht, ich muss heute außerhalb von Obrenovac schlafen, hier kann man nicht übernachten. Ich habe es bei einer Nachbarin versucht, in einem der Stockwerke, aber dieser Gestank erstickt einen. Bei ihr war auch der erste Stock überschwemmt. Es stinkt schrecklich. Das können Sie ja selbst spüren."

Vor ihrem Haus hängt Wäsche zum Trocknen. Ein Fernseher steht im Gras. In ihrem Badezimmer liegt ein brauner Schlamm-Film auf den einst weißen Fliesen. Vor dem Haus liegt Sperrmüll: die Trümmer einer Existenz:

"51 Jahre lang habe ich meine Existenz aufgebaut und jetzt habe ich nichts. Buchstäblich NICHTS! Nach zwei, drei Stunden Hochwasser war alles verloren. Ich habe nichts, worauf ich mich setzen oder legen kann, wo ich was kochen kann. Und ich habe gerade mal 220 Euro Rente. Und meine Kinder haben eigene Probleme."

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