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StartseiteCampus & KarriereService Learning ist gesellschaftliches Lernen16.05.2013

Service Learning ist gesellschaftliches Lernen

Studie über die Bedeutung und Entwicklung des Konzeptes an deutschen Hochschulen

Beim Service Learning setzten Studierende ihre Wissen in gemeinnützigen Organisationen ein und erweitern damit ihre Kompetenzen. Der Soziologe Holger Backhaus-Maul hat in einer Studie festgestellt, dass etwa 15 Prozent aller Hochschulen in Deutschland dieses didaktische Konzept bearbeiten.

Holger Backhaus-Maul im Gespräch mit Ulrike Burgwinkel

Service Learning kann zum Beispiel Sprachunterricht in der Kita sein. (picture alliance / dpa / Martin Schutt)
Service Learning kann zum Beispiel Sprachunterricht in der Kita sein. (picture alliance / dpa / Martin Schutt)

Ulrike Burgwinkel: Der Begriff und die Sache selbst kommen aus den USA: Service Learning. Und das bedeutet Lernen durch gemeinnützige Arbeit – das kann zum Beispiel Vorlesen im Pflegeheim sein, das kann Sprachunterricht in der Kita sein oder Fußball mit Migrantenjungs, das ganze wird ergänzt durch begleitende Seminare an der Hochschule. Erst in den letzten zehn Jahren hat sich das didaktische Konzept auch bei uns in Deutschland durchgesetzt, und erst jetzt ist zum Service Learning eine erste Studie veröffentlicht worden. An der Martin-Luther-Universität in Halle bei den Pädagogen ist das Forschungsprojekt zu Hause, Projektleiter ist Holger Backhaus-Maul. Guten Tag nach Halle!

Holger Backhaus-Maul: Guten Tag, Frau Burgwinkel!

Burgwinkel: Lassen Ihre Zahlen den Schluss zu, dass Lernen durch soziales Engagement in Deutschland sich nach und nach durchsetzt als didaktisches Konzept?

Backhaus-Maul: Es ist nicht das soziale Lernen, es ist ein gesellschaftliches, das umfasst im Grunde die Bereiche Ökologie, Kultur, bis hin zu wirtschaftlichem Handeln – Soziales gehört auch dazu, das sollte man in Deutschland nicht immer verkürzen, weil man sonst leicht denkt: Ja, es geht ja darum, nur Gutes für andere Menschen zu tun.

Burgwinkel: Vermuten würde man eine erhöhte Wertschätzung dieses Engagements an kirchlichen Hochschulen und an Fachbereichen wie sozialer Arbeit. Ist das so, oder ist es vielleicht glücklicherweise nicht so?

Backhaus-Maul: Damit berühren Sie einen ganz zentralen Punkt. Wir waren überrascht in unserer Untersuchung über einen Befund, dass es gerade die Universitäten sind in Deutschland, die das Thema überproportional stark für sich in den Blick nehmen. Wir waren beeindruckt, dass die Fachhochschulen hier eine gewisse Normalität haben in der Rezeption des Themas, und dass die kirchlichen Hochschulen zumindest bei der Frage nach Service Learning enthaltsam waren. Wir haben bei den Zahlen feststellen können, dass etwa 15 Prozent aller Hochschulen in Deutschland und eben überproportional stark die Universitäten das Thema Service Learning bearbeiten in unterschiedlicher Güte und Qualität: manchmal in den Schlüsselqualifikationen, manchmal insgesamt in der Lehre, im Curriculum verankert, in Ansätzen auch zum Teil zurückhaltend in der Forschung.

Burgwinkel: Sie haben jetzt nicht nur Zahlen gesammelt, sondern auch Fallstudien durchgeführt. Was klappt denn insgesamt besonders gut?

Backhaus-Maul: Der erste wichtige Befund ist sicherlich, dass Service Learning nicht etwas ist, was in hohem Maße zusätzliche Ressourcen erfordert. Manchmal ist es die Gutwilligkeit, die Leidenschaft eines Lehrenden, einer Lehrenden. Manchmal braucht man dafür vielleicht zusätzliche Hilfskraftmittel oder kleinere Mittel für Lehrbeauftragte, die vielleicht den etwas größeren, sagen wir mal, Aufwand bei der Einführung solch einer Lehrveranstaltung notwendig machen, aber eben nicht mehr. Uns fällt auf, dass es eigentlich keinen systematischen, keinen guten, keinen schlagkräftigen Einwand gibt, Service Learning in der Lehre und in der Forschung nicht zu verankern. Alle Argumente sind eigentlich gut und sind überzeugend, die von denen, die es machen, angeboten und in das Feld geführt werden, und das überrascht uns. Warum ist eine gute Idee innovativer Lehre, die auch forschungsrelevant ist, und die dazu beiträgt, dass sich Hochschulen in der Region auch verankern, warum greift die nicht stärker um sich? Diese Frage können wir nur zum Teil beantworten. Ein wichtiger Befund ist sicherlich, und das sehen wir in einer Fallstudie sehr deutlich, dass Universitäten zwar lernende Organisationen sind, aber als etablierte Organisationen auch eher langsam lernen. Es braucht Zeit, aber ich meine, das ist nach zehn Jahren ein Argument, wo man sagen kann: Gut, geben wir dem Ganzen noch mal zehn Jahre und dann ziehen wir Bilanz.

Burgwinkel: Wenn das die einzige Stelle ist, wo es hakt, dann ist das doch äußerst positiv.

Backhaus-Maul: Dann ist es äußerst positiv, aber sehen Sie eben auch, dass nach unserer Einschätzung und Beobachtung natürlich Lehre a nicht das Hauptfeld der Profilierung deutscher Hochschulen ist. Forschung hat eine größere Bedeutung an der Stelle, und die Überzeugung von Lehrenden und Forschenden, die ja doch in den letzten Jahren bei rückläufiger Ressourcenausstattung oder stagnierender Ressourcenausstattung stark durch die neuen Studiengänge in Anspruch genommen werden, wenn sie das ernstnehmen, dann ist der Gestaltungsspielraum natürlich bei einzelnen geringer. Ich kann gut verstehen, wenn Lehrende und Forschende sagen: Kommst du uns bitte jetzt nicht noch mit einer zusätzlichen Belastung. Wer Massen in Bachelorstudiengängen zu bearbeiten hat, ist nicht gerade aufgeschlossen für innovative Ideen. Innovation ist das, was man dann vielleicht zum Schluss macht.

Burgwinkel: Das war Projektleiter Holger Backhaus-Maul über seine Service-Learning-Studie. Als Buch ist sie übrigens erschienen gerade eben im Springer-Verlag.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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