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StartseiteCorsoSpäter Ruhm, früher Tod18.11.2017

Sharon JonesSpäter Ruhm, früher Tod

Sharon Jones gilt als die wahre Königin des Soul Revivals. Denn ihre Band The Dap-Kings war es, die dem Hitalbum "Back to Black" von Amy Winehouse den entscheidenden Vintage-Sound verpasst hat. 2016 starb die Sängerin mit nur 60 Jahren. Nun erscheint das letzte Sharon Jones & The Dap-Kings Album.

Sharon Jones im Corsogespräch mit Christian Lehner

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Die Sängerin Sharon Jones mit einem Mikrophon in der Hand bei einem Auftritt im Jahr 2014.  (dpa / picture alliance / Georg Hochmuth)
Kurz vor ihrem Tod 2016 wurde Sharon Jones noch für einen Grammy nominiert - nun erscheint ihr letztes Album (dpa / picture alliance / Georg Hochmuth)
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2010 hat Corso Sharon Jones in New York zum Corsogespräch getroffen und mit ihr nicht nur über ihr Verständnis von Soulmusik gesprochen. Sie schilderte ihren Lebensweg, der für sie als schwarzes Mädchen aus den 50er-Jahren viele Hürden hatte. Rassimus offen und versteckt, begleitete sie ein Leben lang. Bevor sie ihren Traum Sängerin zu werden realisieren konnte, waren viele Kompromisse notwendig. Tagsüber war sie Wärterin im Knast und nachts absolvierte sie Auftritte in unzähligen Clubs und auf Privatfeiern. Das Soul Revival brachte ihr dann endlich den großen verdienten Durchbruch. Ihre Grammy Nomminierung in 2016 hat sie kurz vor ihrem Tod noch mitbekommen. Nun erschien ihr letztes Studioalbum "Soul of a woman".   

"I Learned The Hard Way", so der Titel der Platte, könnte auch die Überschrift lauten, die das bisherige Leben der 54-jährigen Soul-Sängerin beschreibt - hat sich doch der Erfolg erst in späten Jahren eingestellt.

Das Album selbst klingt wie ein Besuch der legendären 60er- und 70er-Jahre Soul Labels Motown und Stax Records.

Warum sich Sharon Jones trotzdem nicht als Nostalgikerin sieht, hat die in Brooklyn lebende Soul-Sängerin Christian Lehner erzählt.

"Mr. Brown war allgegenwärtig"

Sharon Jones: Hi, ich bin Sharon Jones von Sharon Jones & The Dap-Kings. Man sagt über uns, dass wir Retro-Musik machen. Okay, ich denke nicht, dass wir Retro-Musik machen. Wir machen einfach Musik, die zu der Seele spricht.

Christian Lehner: Soul ist Ihnen scheinbar in die Wiege gelegt worden. Immerhin stammen Sie aus der Stadt, in der auch James Brown aufgewachsen ist: aus Augusta im Bundesstaat Georgia.

Jones: Mr. Brown war natürlich allgegenwärtig in meiner Kindheit und ist bis heute ein großer Einfluss. Unser Label Daptone Records, unsere Band, die Dap-Kings, wir haben uns am Sound von Browns Band, den JBs orientiert.

Lehner: War Soul der bestimmende Sound in Ihrer Familie?

Jones: Ich bin 1956 geboren. In den späten 50er-, frühen 60er-Jahren war FM-Radio noch nicht ausgereift. Es gab nur wenige AM-Sender, die wir empfangen konnten. Und dort lief alles: der gesamte Motown- und Stax-Katalog: Otis Redding, James Brown, die Supremes. Aber auch die Beatles, die Monkeys und die Stones. Johnny Cash habe ich geliebt. Ich habe also alles in mich aufgesogen. Bis dann Hip-Hop an der Reihe war. Das war nichts mehr für mich. Aber klar hatte ich eine 1A "Soul-Erziehung".

"Stille Nacht" und Rassismus

Lehner: Sie haben vorher gesagt, dass Sie sich nicht als Retro-Sängerin sehen. Liegt das daran, dass Sie schon seit den 70er-Jahren Soul und Funk machen?

Jones: Ja, das ist richtig. Retro ist für mich, wenn heute 20-Jährige versuchen, Soul zu singen, der so wie damals in den 60s klingt. Bei mir ist das anders. Sobald ich den Mund öffne, kommt Soul raus. Das bin einfach ich.

Lehner: Können Sie sich noch an den Zeitpunkt erinnern, als Ihnen bewusst wurde, dass Sie Soul-Sängerin werden wollen?

Jones: Und ob! Ich besuchte die dritte Klasse der Junior High. Ich muss so um die acht Jahre alt gewesen sein. Zu Weihnachten inszenierte unsere Kirche ein Krippenspiel. Mir wurde die Rolle eines Engels zugewiesen, mit Flügeln und weißer Perücke, obwohl ich eher Hörner verdient hätte. Ich musste "Stille Nacht" singen - und da war es um mich geschehen. Ich habe sofort realisiert, dass das mein Ding ist. Auch das Umfeld reagierte dementsprechend: Wow, die Kleine kann ja richtig gut singen!

Lehner: "Stille Nacht" in einer Gospel-Soul-Version? Können Sie uns eine Probe davon liefern?

Sharon Jones singt.

Lehner: Wie haben Sie ihre Kindheit erlebt? In den späten 50er-Jahren herrschte ja noch strikte Trennung zwischen Schwarz und Weiß?

Jones: Das war natürlich eine harte Zeit. Meine Eltern hatten sich getrennt und wir Kids sind immer hin und her zwischen New York, wo meine Mutter gelebt hat, und Georgia, wo mein Vater war. Mich hat das vor allem verwirrt, ich war ja erst drei Jahre alt. Im Süden reichte die Segregation von der Busstation bis zu den Toiletten. Nicht einmal denselben Cola-Automaten durften wir benutzen wie die Weißen. In New York hingegen war das alles ganz locker und durchmischt – zumindest an der Oberfläche. Martin Luther King Jr., die Kennedys – Meine Familie hat für gemeinsame Schulen und das Wahlrecht gekämpft. Das ist alles noch gar nicht so lange her. Warum, glauben Sie, dass in den 60ern so viele schwarze Musiker nach Europa gegangen sind? In den Staaten waren sie Geächtete, Außenseiter. In Europa hingegen hat man die Soul- und Blues-Musiker mit offenen Armen empfangen.

Und glauben Sie ja nicht, dass jetzt alles gut ist, nur weil wir einen schwarzen Präsidenten haben! Alle versuchen das runterzuspielen, aber der Rassismus ist nach wie vor Alltagsrealität in den USA. Obama wird von weiten Teilen der Bevölkerung nicht als Präsident gesehen, sondern als ein Schwarzer im Amt des Präsidenten. Das macht einen großen Unterschied. Republikaner und Demokraten – normalerweise stehen sie nach der Wahl geschlossen hinter dem Präsidenten. Aber die Republikaner? Wäre einer der ihren, ein Weißer, im Amt, würde der Konsens viel breiter sein bei all den Problemen in diesem Land. Obama aber ist ein Jahr Präsident und schauen Sie sich das politische Chaos an! Diese verbitterte Polarisierung!

"Zu klein, zu dick, zu hässlich"

Lehner: Der Soul der 60er- und 70er-Jahre hat sehr oft die Lage der Nation kommentiert. Ihre Songs sind diesbezüglich wesentlich zurückhaltender. Warum?

Jones: Ich und die Dap-Kings scheuen tatsächlich davor zurück, allzu politische Statements von uns zu geben. Im Gegenteil, am neuen Album wollen wir die aktuelle, triste Stimmung mit unserem Soul aufhellen. Außerdem sind die 60s lange vorbei. Bei ältern Stücken finden sich aber sehr wohl Bezüge zur Gesellschaft: "Texas" war so ein Song, in dem es um die Steuererleichterungen für Reiche unter George W. Bush gegangen ist. Auf dem neuen Album machen wir so was auch, allerdings auf einer persönlicheren Ebene. "She Ain't A Child No More" handelt von Missbrauchsfällen in der Familie, ein Song, der auf Tatsachen beruht. Oder "Money" – das ist zwar ein echt lustiges Stück, aber es erzählt davon, wie schwer es ist, momentan über die Runden zu kommen.

Lehner: Kommen wir zurück zu Ihrer Karriere. Sie haben bereits in den 70ern mit Soul und Funk begonnen. Der Durchbruch ist Ihnen aber verwehrt geblieben und sie haben eine Reihe von ungewöhnlichen Jobs angenommen. Warum?

Jones: Es war einfach unmöglich für mich, irgendwo unterzukommen. Ein Typ – und es war im Wesentlichen dieser eine Typ von einer Plattenfirma – hat mich entmutigt und mir erklärt, dass ich zu schwarz wäre. Ich solle doch meine Haut bleichen. Stellen Sie sich das vor! Dann war ich abwechselnd zu klein, zu dick, zu hässlich. Wir sind damals als Duett aufgetreten. Aber mit mir als Co-Sängerin wollte uns niemand buchen. Und dann war ich mit 25 auch schon wieder zu alt für eine Karriere. So ist das damals gelaufen. Ich habe mich später für einen Beamtenjob beworben und bin schlussendlich Gefängniswärterin geworden. Doch ich habe es vom ersten Tag an gehasst, war häufig krank. Ich war schließlich Sängerin und keine Knasttante. Gott sei Dank habe ich das Singen nie völlig aufgegeben. Da waren immer kleine Studiojobs oder der Kirchenchor und fast jeder hatte eine Bandmaschine zum Aufnehmen zuhause herumstehen. Oft habe ich nach der Arbeit auf Hochzeiten gesungen, bis tief in die Nacht hinein. Dann ging es ohne Schlaf von der Dusche direkt zurück zur Arbeit.

Lehner: Ist das mit ein Grund, warum das neue Album "I Learned The Hard Way" heißt?

Jones: Nicht nur, aber auch! 27 Songs haben wir aufgenommen, 12 sind schlussendlich übrig geblieben. Dann mussten wir uns auf einen Namen einigen. Einer der Jungs schlug den Songtitel "I Learned The Hard Way" als Albumtitel vor. Uns hat das sofort gefallen, weil es der Geschichte des Labels entspricht. Sie müssen wissen, dass wir alle gleichberechtigte Partner sind bei Daptone Records. Wir alle: ich, die Band, die Leute vom Office, wir haben diese Firma ohne fremde Hilfe hochgezogen. Kein anderes Label wollte unseren Sound veröffentlichen. Die großen Plattenfirmen zeigten uns die kalte Schulter. So mussten wir selbst ran. Ich bin jetzt 54. Meine Karriere hat quasi mit 40 ein zweites Mal begonnen. Natürlich war das alles nicht einfach. Deshalb ist das der passende Name: "I Learned The Hard Way".

Campus-Radiostationen verhalfen zum Erfolg

Lehner: Das Label hat also nicht nur Ihnen geholfen, sondern Sie auch dem Label?

Jones: Alle Musiker sind bei Daptone Records angestellt. So etwas macht niemand mehr in der Branche. Das bedeutet, dass wir auch bezahlt werden, wenn wir nicht auf Tour sind oder gerade ein Album aufnehmen. Das Label ist ein gemeinschaftlich orientiertes Unternehmen. Klar gibt es die Manager Neil und Dave. Aber selbst die spielen in der Band. Die Dap-Kings leiten also Daptone! So können die Musiker gar nicht übervorteilt werden. Das ist unsere Überlebensstrategie.

Lehner: Interessant ist, dass Ihre zweite Karriere den entscheidenden Kick in Europa erhalten hat. In den 90ern wurden Sie von einem französischen Label neu entdeckt.

Jones: Das stimmt. War das ein französisches Label? Ich kann mich nur daran erinnern, dass ich von einem Magazin in London den Titel "Queen of Funk" erhalten habe. Und dann ging es los: Plötzlich war ich die "Soul-Lady-No. 1" und so weiter. Wir sind monatelang durch Europa getourt und als wir zurück nach New York gekommen sind, waren wir plötzlich wer.

Lehner: Auf dem neuen Album ruhen jede Menge Hoffnungen. Nicht nur eingefleischte Soul-Liebhaber freuen sich darauf, sondern auch die jungen, hippen Menschen aus Trendbezirken wie Williamsburg in Brooklyn. Warum sprechen Sie so ein breites Publikum an? Denken Sie, dass diese Interpretation des 60s-Souls vielleicht der richtige Soundtrack zur Zeit ist?

Jones: Am Anfang, in den 90ern, haben uns vor allem College-Kids gehört und in ihren Campus-Radiostationen gespielt. Ihnen verdanken wir den Erfolg. Und Sie wissen ja: die verbreiten auch alles übers Internet. Das hat uns sehr geholfen. Was ich persönlich umwerfend finde: Es sind die Jungen, die ihre Eltern auf uns aufmerksam machen, nicht umgekehrt: "Mom! Dad! Hört Euch das an!" Die Alten denken dann immer: Nein, wir wollen keinen Hip-Hop. Aber wenn sie uns erst einmal gehört haben, tauchen sie oft mit ihren Kindern bei unseren Konzerten auf. Das ist wunderbar. Wir scheinen also irgendetwas richtig zu machen. Und ich denke, wir machen da einfach weiter. 

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Corsogespräch aus dem Jahr 2010.

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