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"She was okay when she left"

Besuch in Belfast - Geburtsort der Titanic

Von Sabine Loeprick

Ein Schiff fährt vor der Baustelle des neuen Museums "Titanic Belfast" in Belfast vorbei.
Ein Schiff fährt vor der Baustelle des neuen Museums "Titanic Belfast" in Belfast vorbei. (Tourism Ireland)

Unweit der Belfaster Werft Harland and Wolff, die den Luxusliner Titanic gebaut hat, ist für April 2012 die Eröffnung des interaktiven Museums "Titanic Belfast" geplant. Ein Prestigebau für rund 90 Millionen Pfund im neuen "Titanic Quarter". Der wirtschaftliche Nutzen für Nordirlands Hauptstadt ist umstritten.

Es ist ein imposantes Gebäude, das Rathaus von Belfast, mit seiner großen Kuppel, der säulenverzierten Fassade, dem mächtigen Portal. An zentraler Stelle, dem Donegall Square, wurde es 1906 fertiggestellt, unter großem Aufwand hatte man dazu die mächtigen Blöcke aus Portlandstein in den Norden Irlands transportiert. Und spaziert man durch die umgebende Parkanlage, dann findet man an der Seite des Rathauses - im Schatten mächtiger Bäume - ein schlichtes, dennoch höchst berührendes Denkmal.

Das Titanic Memorial wurde hier acht Jahre nach dem Untergang des Luxusliners enthüllt, erzählt Isabel Andersen, heute ist es Anlaufpunkt für quasi jeden Besucher der Stadt. Und Ausgangspunkt für die Touren von Isabel Andersen, die , einen Hefter mit alten Stichen und Fotos unter dem Arm, auf den Spuren der Titanic-Opfer durch Nordirlands Hauptstadt führt.

Vor allem aber begeben wir uns dabei auf die Spuren von Thomas Andrews, dem Chefkonstrukteur der Titanic. Er stieg im Alter von 16 Jahren bei der Werft Harland and Wolff in Belfast ein, dem damals wichtigsten Arbeitgeber der Stadt. Ende des 19. Jahrhunderts wurden auf dem riesigen Gelände in County Down noch Segeldampfer gebaut. Den eigentlichen Aufstieg aber erlebte die Werft durch die Partnerschaft mit der White Star Line, die ihre luxuriös ausgestatteten Schiffe nun am Ufer des Lagan bauen ließ. Das erzählt uns Patricia, die wir vor einem der ehemaligen Trockendocks am Lagan treffen.

Patricia arbeitet für Harland und Wolff und stattet uns erst einmal mit knallgelben Schutzhelmen aus, bevor wir uns im früheren Trockendock auf eine Baustelle begeben. Hier nämlich wird die "Nomadic"- das sogenannte Tenderschiff der "Titanic" - behutsam restauriert. Um das letzte noch existierende Schiff der White Star Line gab es ein jahrelanges Tauziehen, schließlich lag die "Nomadic" als Restaurantschiff über 20 Jahre am Pariser Seine-Ufer und nach der Schließung des Restaurants drohte dem Schiff die Zwangsversteigerung. Dank der "Nomadic Preservation Society" und der finanziellen Unterstützung der Stadt kann man das über 100 Jahre alte Schiff jetzt wieder in Belfast besichtigen, unweit des Ortes,wo es einst gebaut wurde.

Stuckornamente, Schnitz- und Drechselarbeiten, mit Blattgold verzierte Leisten - auch wenn nur Teile der ursprünglichen Ausstattung bislang aufgearbeitet sind, vermittelt sich ein Eindruck vom Luxus an Bord dieses "Zubringerschiffs" zumindest in der ersten und zweiten Klasse.

Wie viele Menschen und unterschiedliche Gewerke gebraucht wurden, um die Schiffe der White Star Line - allen voran die "Titanic" - zu entwerfen, zu bauen und auszustatten, das soll künftig in unmittelbarer Nähe der "Nomadic" erzählt werden. In einem gewaltigen, an mehrere Schiffsrümpfe erinnernden Museumsbau nämlich, der zur Zeit zwischen dem früheren Zeichenbüro von Harland and Wolff und der Slipway der "Titanic" entsteht. "Titanic Belfast" - soll das interaktive Museum heißen, ein Prestigebau für rund 90 Millionen Pfund im neu entstandenen Prestigeviertel "Titanic Quarter".

Die Museumseröffnung ist für April 2012 vorgesehen, was Projektmanager Noel Malloy auch trotz andauernder Arbeiten auf der Riesenbaustelle anscheinend keinerlei Kopfschmerzen bereitet. Im Gegenteil: Mit unverwüstlichem Optimismus erzählt Malloy, wie der zukünftige Eingangsbereich aussehen wird: In sieben Themenreichen sollen die Besucher ab nächstem Jahr erleben können, wie die "Titanic" in Belfast gebaut wurde. Und wie es sich für heutige interaktive Museen gehört, geschieht das nicht nur mit Hilfe von Bild-und Textmaterial. Nein, wie viel technischer Aufwand in dem Bau steckt, wird zum Beispiel auf der sogenannten zweiten Ebene deutlich: Die Museumsbesucher sollen hier das Gefühl haben, mitten auf der Werft gelandet zu sein und den Bau der "Titanic" so Schritt für Schritt mitzuerleben.

Der Untergang schließlich des Luxusliners soll deutlich schlichter und mit - im wahrsten Sinne - "leiseren" Tönen nachgezeichnet werden. In einem dunklen Raum, mit einer Weltkarte, auf der man die Route des Schiffs verfolgen kann und dazu die letzten Funksprüche der"Titanic" hört - ganz bewusst haben hier die Ausstellungsmacher auf eine hollywoodreife Inszenierung verzichtet.

Dennoch gibt es auch Kritik am Museumsprojekt und daran, wie Belfast mit diesem Kapitel seiner Geschichte umgeht. Zu oberflächlich, zu kommerziell, heißt es von Nachkommen von Opfern der Schiffskatastrophe, die selbst beim 100. Jahrestag des Stapellaufs im Mai diesen Jahres nicht zu Wort kamen.

Auch über den wirtschaftlichen Nutzen für Nordirlands Hauptstadt ist man sich auf der anderen Seite des Lagan, in den Vororten Belfasts, im Unklaren. Hier hat man, auch Jahre nach den sogenannten "Troubles", den blutigen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten, sowieso andere Alltagssorgen. Nach wie vor werden abends die Tore zwischen den katholischen und protestantischen Vierteln geschlossen - zwischen ihnen zieht sich als "Peace Line" eine sieben Meter hohe Mauer entlang. Inzwischen verziert von zahlreichen Graffitis - manchmal dekorativer, meist aber historischer und politischer Natur. Und auf diese Weise hat auch die Erinnerung an die "Titanic" Einzug gehalten in Belfasts Problemviertel - als Graffiti nämlich an der Stirnseite eines bescheidenen Häuschens.

Ein Hoffnungsschimmer, dass der ganze Hype um die "Titanic" vielleicht doch auch einst verfeindete Parteien an einen Tisch bringt. In Erinnerung an eine gemeinsame Vergangenheit und dem Bemühen, zusammen den dringend nötigen Imagewandel für Belfast einzuleiten. Der Stadt jedenfalls wäre das nur zu wünschen.

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