• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 18:40 Uhr Hintergrund
StartseiteBüchermarkt"Hool" - eine düstere Milieustudie mit grotesker Komik20.09.2016

Shortlist des Deutschen Buchpreises"Hool" - eine düstere Milieustudie mit grotesker Komik

Mit seinem Debütroman "Hool" hat es Philipp Winkler auf Anhieb auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Seine beklemmend genaue Charakterzeichnung aus dem Milieu der gewaltbereiten Hooligans, die sich im Umfeld der Fußballvereine bewegen, zeigt einen jungen Mann in dessen Welt sich alles wandelt - nur er nicht.

Von Christoph Schröder

Der Schriftsteller Philipp Winkler hat mit "Hool" (Aufbau Verlag) seinen Debütroman vorgelegt. (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)
Der Schriftsteller Philipp Winkler hat mit "Hool" seinen Debütroman vorgelegt. (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)
Mehr zum Thema

Shortlist des Deutschen Buchpreises 2016 Romane mit "starker Bodenhaftung"

Deutscher Buchpreis Wie entsteht eigentlich eine Longlist?

Börsenverein des Deutschen Buchhandels Longlist für Deutschen Buchpreis veröffentlicht

Mit seinem Sprung auf die Shortlist des des Deutschen Buchpreises gehört Winkler nun zu den sechs Autoren, die sich im Oktober Hoffnung auf renommierten Buchpreis machen können. Mit dabei sind noch Reinhard Kaiser-Mühlecker mit "Fremde Seele, dunkler Wald", Bodo Kirchhoff und "Widerfahrnis", André Kubiczeks "Skizze eines Sommers" (Rezension im Deutschlandradio Kultur), Thomas Melle und "Die Welt im Rücken" sowie Eva Schmidt, "Ein langes Jahr".  

Wie fühlt sich eine Faust an, die soeben einige Zähne ausgeschlagen hat? Was macht ein ausgewachsener Tiger in einer versteckten Grube mitten auf dem platten niedersächsischen Land? Und was ist der Unterschied zwischen Hooligans und Ultras? Dies sind nur einige Fragen, die Philipp Winklers Debütroman beantwortet. Es ist ein knallhartes und in manchen Momenten buchstäblich niederschmetterndes Buch. Eine fein ausgearbeitete Underdog-Geschichte, die keine fünf Seiten braucht, um zur Sache zu kommen.

"Der Glatzkopf vor mir hat ordentliche Pakete. Egal. Deckung hoch. Linksbewegung antäuschen. Er hatte den gleichen Gedanken. Ist überrascht. Sein Schlag kommt hastig. Gehe dran vorbei. Lande einen Jab gegen seinen Kiefer. Ich springe vor. Täusche rechts. Hat der nicht mit gerechnet. Er reißt die Arme hoch. Nierentreffer. Ich kloppe ihm einen Schwinger direkt in seine Drecksfresse. Macht den Klappmann, krümmt sich und stöhnt. Spuckt den Schutz in den Sand. Zähne verklebt mit Blut."

Heiko Kolbe ist ein Hooligan. Und Fan von Hannover 96. Das schließt sich in Heikos Weltsicht nicht aus, im Gegenteil. In Heikos Bewusstsein sind er und seine Freunde die wahren, noch übrig gebliebenen echten Fans. Diejenigen, die sich nicht der Kommerzialisierung unterworfen haben und die nicht in Stadien, die heute Arenen heißen, schlechtes und überteuertes Bier aus Plastik-Pfandbechern saufen. Stattdessen gucken sie auch die Heimspiele in ihrer Stammkneipe, trauern den vermeintlich guten alten Zeiten des Sports hinterher, die sie selbst allenfalls als dunkle Kindheitserinnerung, mehr aber noch aus Erzählungen kennen – und verabreden sich zu nach exakten Regeln ablaufenden Schlägereien mit den Hooligans der gegnerischen Vereine. Telefonisch wird das vorher abgemacht. Gleiche Personenzahl; ein Ort, mit dem die Polizei nicht rechnet; keine Waffen außer den Fäusten.

Alles in diesem Kosmos ist trist, heruntergekommen

Sicher, man muss eine gewisse Fußballaffinität haben, um diesen Roman mit Faszination zu lesen. Doch weit über den Sport hinaus ist "Hool" eine düstere Milieustudie mit Wendungen in die groteske Komik. Und die beklemmend genaue Charakterzeichnung eines jungen Mannes, dessen kleine Welt sich wandelt, ohne dass er selbst diese Wandlung vollziehen wollte.

Das Umfeld, aus dem Heiko kommt, ist zerrüttet: Die Mutter ist abgehauen; der Vater, ein Alkoholiker, hangelt sich von Entzug zu Entzug; und seine neue thailändische Stiefmutter verachtet Heiko ebenso wie seine Schwester, die sich einen Spießer geangelt und ihr Leben geordnet hat. Da ist keiner mehr. Also ist Heiko bei einem dubiosen Kerl namens Arnim untergekrochen, der mit seinem riesigen Geier und seinen beiden Kampfhunden in einem Haus im Wald lebt und sein Geld mit illegalen Geschäften verdient. Alles in diesem Kosmos ist trist, heruntergekommen und latent gewalttätig.

"Ich drücke auf den Kippschalter. Die nackte Glühbirne, die von der Decke hängt, surrt und flackert und wird langsam heller, aus würde sie aus tiefem Schlaf erwachen müssen. Die Luft lässt sich schwer atmen, als hätte sie ein Verfallsdatum, das lange überschritten wurde. Ein Kaventsmann von Motte fliegt an mir vorbei und zielt auf die Glühbirne. Wie bescheuert schmeißt die Motte sich gegen den Lichtkörper. Es rappelt überraschend laut. Fehlt nur noch, dass die Motte 'Autsch' sagt."

Die Sprache von Philipp Winklers Ich-Erzähler ist der Jargon der Unterprivilegierten. Es ist ein Tonfall des Sichbehauptens gegen eine feindlich gesinnte Restwelt. Die Familie als Geborgenheitszusammenhang ist, wenn es ihn denn je gegeben hat, längst auseinandergefallen. Heiko hat nach dem Zivildienst begonnen, im Fitnessstudio seines Onkels, der grauen Eminenz der Hooligan-Szene, als Laufbursche zu arbeiten. Der Onkel wiederum, der sein Geld hauptsächlich mit Drogengeschäften verdient, knüpft, sehr zu Heikos Unwillen, Kontakte zu den Schlägerglatzen und beginnt, die Neonazis in Heikos Fußballuniversum einzulassen. Merke: Hooligans sind Schläger, ja, aber keine Nazis.

"Ihr habt alle irgendwas. Ich habe Null."

Heiko ist ein in jeder Hinsicht Entwurzelter. Ein Angezählter, der durch sein leeres Leben taumelt. Identität und Halt geben ihm seine Kumpels aus Kindheits- und Jugendzeiten; Joel, Jojo, Kai, Ulf und Co. Doch der eine ist tot, und die anderen versuchen jeweils auf ihre Weise, aus der Szene auszusteigen, um sich eine bürgerliche Existenz jenseits der Keilereien aufzubauen. Oder auch, um einfach nur keinen dauerhaften körperlichen Schaden davonzutragen. Für Heiko ist das Verrat.

"'Ihr habt alle irgendwas, worauf ihr euch am Ende des Tages freuen könnt. Ich habe Null.' Ich forme mit den Fingern einen Kreis. 'Nichts. Das hier habe ich. Mehr nicht. Ich beschwer mich nicht darüber. Und weißt du, warum? Weil ich für all das hier lebe. Wenn du das nicht raffst, dann kann ich dir auch nich' mehr helfen. Dann war alles, all die Jahre, nur ein Scheißspiel für dich.' Im Vorübergehen stoße ich Ulf mit der Schulter an. 'Weißt du eigentlich, wie lächerlich du bist?', ruft er mir hinterher."

Die Wut, von der der Roman vorangetrieben wird, hat mittelbar auch etwas Politisches: So denkt und fühlt also einer, den es herausgeschleudert hat. Der an nichts mehr glaubt, noch nicht einmal an die Hoffnung, dass es wieder so werden könnte, wie es in Wahrheit niemals war. Philipp Winkler, da haben die phrasenhaften Blurbs der üblichen Verdächtigen auf dem Schutzumschlag recht, hat eine sichere Hand für prägnante Szenen und inszeniert mit sprachlicher Wucht das Außenseitertum seines maroden Helden. "Hool" läuft gegen Ende auf einen Höhe- und Wendepunkt zu: Der Fußballgott, den es ja mal gibt und dann wieder nicht, hat Hannover 96 und den Todfeind Eintracht Braunschweig in einem Pokalspiel zusammengeführt – die letzte große Schlacht, die Heiko noch schlagen muss.

Philipp Winkler: "Hool", Aufbau Verlag, Berlin 2016, 312 Seiten, 19,95 Euro

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk