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StartseiteCampus & KarriereSinkende Studierendenbewerber auf der Insel13.08.2012

Sinkende Studierendenbewerber auf der Insel

England: Studiengebühren massiv erhöht

Englische Universitäten dürfen nach einer Gesetzesänderung jährliche Studiengebühren von bis zu 9000 Pfund - etwa 11.500 Euro - verlangen. Viele Briten befürchten nun, dass diese Aussicht junge Menschen aus ärmeren oder Mittelschichtsfamilien von einem Studium abhalten.

Von Matthias Martin Becker

Die Studiengebühren in Großbritannien wurden massiv erhöht. (AP)
Die Studiengebühren in Großbritannien wurden massiv erhöht. (AP)

Goldsmiths College, University of London, Großbritannien: Besonders bei angehenden Kulturwissenschaftlern, Künstlern und Medienschaffenden hat diese Uni einen guten Ruf. Hier studiert auch Ben Brightley, ein 25-jähriger Londoner.

"Ja, ich mache mir Sorgen wegen der Schulden. Ich muss jetzt 3800 Pfund im Jahr bezahlen. Ich finanziere mein Studium, indem ich jedes Mal ein neues Bankkonto eröffne, wenn ich kein Geld mehr habe, und dann den Überziehungskredit ausreize. Und bei den Zinsen, die so fällig werden ... Man kann sich gar nicht richtig vorstellen, wie man dieses ganze Geld jemals zurückzahlen soll. Ich kann keinen staatlichen Studienkredit mehr bekommen, weil ich die Höchstsumme für meinen Bachelor beansprucht habe. Also werde ich für meinen Master wohl noch mehr Bankkonten eröffnen."

Diese unkonventionelle Art, sein Studium zu finanzieren, ist unter englischen Studierenden erstaunlich weit verbreitet. Hohe Lebenshaltungskosten und Studiengebühren machen ihnen zu schaffen. Ab diesem Jahr verlangen die englischen Universitäten von ihnen nun noch mehr Geld. Die liberal-konservative Regierung hat die bislang geltende Obergrenze von 3000 Pfund pro Jahr abgeschafft. Nun können bis zu 9000 Pfund fällig werden – und fast alle Hochschulen schöpfen dieses Rahmen auch aus. Studiengänge wie der von Ben Brightley, der "zeitgenössische klassische Komposition" studiert, werden nun deutlich teurer werden. Gerade wegen der ungewissen Zukunftsaussichten sei ein Studium ein großes Risiko, sagt Brightley:

"Es gibt ja als freischaffender Künstler keine Garantie dafür, dass man später beruflichen Erfolg hat. Und so ist es als Komponist auch. Deshalb arbeite ich während meines Studiums weiter, um mich so wenig wie möglich zu verschulden. Und ich habe Glück, dass ich eine Aushilfsstelle als Musiklehrer habe. Aber dass ich gerade immer mehr Schulden anhäufe, das macht mir schon Sorgen."

Die Kosten für ein Studium in Großbritannien sind schon jetzt die höchsten in der Europäischen Union. Durch die höheren Gebühren wird auch die Verschuldung der Absolventen steigen. Das jedenfalls erwartet Johnny Rich, der Herausgeber von "Push", einem beliebten Ratgeber für angehende Studenten:

"Jedes Jahr führen wir eine Studie über die Verschuldung von Studenten durch, und dieses Jahr kam dabei heraus, dass die Schulden nach dem Abschluss bei durchschnittlich 50.000 Pfund liegen werden. Dabei muss man natürlich beachten, dass diese Kredite nur dann zurückgezahlt werden müssen, wenn die Absolventen später ein bestimmtes Einkommen erreichen. Aber trotzdem, 50.000 ist eine Menge Geld, und davon sind durchschnittlich 10.000, 15.000 Pfund tatsächlich Schulden bei privaten Kreditgebern, die ihr Geld unmittelbar zurückfordern."

Vergangenen Monat sorgten Zahlen aus dem Bildungsministeriums für Aufsehen. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten ist die Zahl der Bewerbungen um einen Studienplatz zurückgegangen. Schuld an diesem Rückgang seien die gestiegenen Gebühren, sagt beispielsweise Paul Cottrell, Hochschulexperte der Gewerkschaft University and College Union:

"Dieses Jahr ist die Zahl der Bewerbungen zum ersten Mal deutlich gefallen. Die aktuellen Statistiken zeigen, dass zehn Prozent weniger Bewerbungen eingegangen sind. Seit dem Zweiten Weltkrieg war der Trend, dass der Hochschulsektor von Jahr zu Jahr immer weiter gewachsen ist. Aber nun scheint sich diese Entwicklung umzukehren, weil der riesige Anstieg der Gebühren die Leute abschreckt."

Wie sehr die neue Gebührenordnung die Entscheidung für oder gegen ein Studium wirklich beeinflusst, ist unklar. Immerhin ist der Rückgang der Bewerberzahlen in England deutlich stärker als in Schottland und Wales, wo die Studiengebühren nicht erhöht wurden.

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