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StartseiteBüchermarktSinnliche Präsenz und sprachliche Genauigkeit29.12.2008

Sinnliche Präsenz und sprachliche Genauigkeit

Nico Bleutge: "fallstreifen". C.H.Beck Verlag, München

Der 1972 in München geborene Nico Bleutge gehört zu den talentiertesten deutschen Lyrikern seiner Generation. Die FAZ empfand seinen ersten Gedichtband "klare konturen" aus dem Jahr 2006 als die "bedeutendste Lyrikveröffentlichung in diesem Jahr". Der mehrfach preisgekrönte Bleutge legt nun seinen zweiten Gedichtband vor. "fallstreifen" heißt er.

Von Oliver Seppelfricke

Regentag im Winter (AP)
Regentag im Winter (AP)
<p>"Fallstreifen" heißen jene dunkelgrauen Fäden aus Regen, die man aus der Ferne unter schwarzen Wolken am Himmel beobachten kann, Regenfäden, die unter dem Einfluss des seitlichen Windes fortschreiten und zu Schlieren verdunsten, die aussehen wie Kohlestaub, der in Kolonnen schnurstracks zur Erde fällt. Nico Bleutge wählt dieses selten zu sehende Naturphänomen als Titel für seinen neuen Gedichtband. In dem viel von Landschaften und Naturphänomenen die Rede ist. Was kann bei ihm ein Gedicht auslösen?<br /><br />&quot;Das ist ganz unterschiedlich. Also es gibt bei fast allen Gedichten irgendwelche Notizen mit kleinen Sprachsplittern, die sich oft abspalten. Oder tatsächlich auch Wahrnehmungen, Beobachtungen, die sich so aus dem alltäglichen Wahrnehmen irgendwie absprengen und die können dann als kleine Notiz ein Impuls sein für ein Gedicht. Das ist aber eine Notiz, die dann oft sehr grobschlächtig noch ist und gar nichts mit dem Gedicht letztendlich zu tun hat, aber vielleicht eine bestimmte rhythmische Struktur schon hat, die ich dann vielleicht versuche für ein Gedicht irgendwie zu übernehmen.&quot;<br /><br /> <strong><em>"luft"</strong><br /><br />dann, gegen mittag, kommen die ersten<br />geräusche von der straße herauf. das klopfen von händen<br />auf stoff, die schnellen kinderstimmen. im gelände<br />zwischen den wohnblocks, ruhigere<br />bewegung. flecken wandern, luft schiebt umher<br />der blick zieht die umrisse nach<br />auf der hangfläche längs der garagen. holzzäune<br />schmale nesselfelder, dahinter das glitzern<br />der neubaufassaden. kurz nur<br />hebt wind an, ballt sich<br />weht sand in die hügelschneisen<br />hell und markiert bis zum rand<br />mit signaltafeln, dicht an der sicherheitszone<br />die sich ausstreckt über die ebene, an den kontrollstellen<br />kaum mehr zu sehen ist. baumreste bleiben<br />maschendrahtweiten, der schatten des windrads, der seitlich<br />über die hausdächer flappt </em> (Zitat S. 17)<br /><br />Nico Bleutges Gedichte sind Landschaftsgedichte in ihrer besten Art. Viel ist von Licht und Schatten die Rede, die Umrisse von Menschen oder Dingen erscheinen oder verschwinden, ein genauer Beobachter hält diese Bewegungen fest. In einer beeindruckenden Intensität. Das meiste wirkt auf den ersten Blick überwältigend schön, spontan und gekonnt -und ist doch das Ergebnis harter Arbeit. <br /><br />&quot;Die eigentliche Arbeit die spielt sich dann natürlich schon am Schreibtisch ab und ist sehr viel trockener und viel "langweiliger" als man sich so vorstellt. Das hat sehr viel mit dem Abklopfen von rhythmischen Strukturen, von Klangmustern zu tun. Auch so mit einem Warten, wohin der Rhythmus denn einen weiterführt, den man sich jetzt für dieses Gedicht vorstellt. Das hat sehr viel auch mit der Arbeit an Wörterbüchern zu tun. Mit Begriffen, die man nachschlagen und vielleicht erst finden muss, erfinden teilweise auch, um so nach und nach – ich arbeite da sehr langsam – den Text in den Griff zu bekommen und so Stück für Stück herauszumeißeln.&quot;<br /><br />"das gleiten empfindlicher stoffe" heißt es an einer Stelle, und so könnte man Nico Bleutges poetisches Prinzip benennen: Ein empfindliches Auge trifft auf ein Fluidum, Licht oder Luft, nimmt die kleinsten Bewegungen an Gegenständen und im Schattenspiel wahr, an Wäldern, Wellen, Bäumen, an alten Bunkern, Wohnbaracken, Hochspannungsleitungen oder an Regenfäden. Immer entsteht der Eindruck erst im Auge des Betrachters. Das Schauen ist hier das eigentliche Ereignis:<br /><br /><em>auf den see hinausfahren, nachts, wenn die strömung<br />die farbe des wassers bestimmt. luft wandert, breitet sich aus<br />das land gibt nach unter dem druck der wirbel<br /><br />die wellen durchdringen einander, weiße<br />lautlose strukturen, von den schatten der reling begleitet<br />nimmt die fähre kurs auf das andere ufer<br /><br />was bleibt, rückt das auge weiter hinein<br />in die dünung hinter den planken. lichtflecken, hafenumrandung<br />der pegel beginnt zu steigen<br /><br />erst das schauen entdeckt die bewegung<br />die das boot zu teilen scheint, ein zweiter umriß, der sich langsam<br />aus der dunkelheit löst, gehalten, ansichtig gemacht<br /><br />vom blick. während die fähre ruhig, kaum merklich<br />in ihrem gegenstück verschwindet<br />wieder auftaucht, mit dem bug in der schwemmzone<br /><br />die luft ist dünner, als das boot an der kaimauer anlegt<br />wasser sickert und die farben<br />gehen zurück, in der schicht zwischen land und wellen<br /><br />in der brechung der wasserfläche, dort<br />wo die kälte sich sammelt, aufgestiegen vom grund<br />von der strömung ans ufer gezogen</em> (Zitat S. 55)<br /><br />&quot;Mir ist ja immer diese Wechselbeziehung des Wahrnehmenden, Sprechenden und der Szenerie, mit der er es zu tun hat, wichtig. Also es geht mir nicht darum, eine Landschaft einfach so zu beschreiben, sondern diese Wechselwirkung immer. Was passiert eigentlich? Wie stellt sich so etwas wie Welt überhaupt erst her? In diesem Zusammenspiel von Sprechen, Wahrnehmen und den Dingen, mit denen man es irgendwie zu tun hat. Und da ist gerade die Landschaft durch den Rhythmus des Schauens zum Beispiel sehr anregend, weil sich alleine schon so etwas wie dieser Rhythmus des Wahrnehmens in einen Rhythmus der Sprache übersetzt.&quot;<br /><br />Das wandernde Auge tastet die feinsten Verästelungen der Landschaft und der Gegenstände ab, es hält die kleinsten Veränderungen des Wetters und des Lichtspiels fest. Und zwar ohne dass es eines lyrischen Ichs hierfür bedürfte. Nur in einer Abteilung, benannt "drei stimmen", gibt es ein "Ich", das von seinen Eindrücken berichtet:<br /><br /><strong><em>Karbid</strong><br /><br />ich bin wieder unterwegs in die steppe, ich bin<br />an den rand der metallwand gedrängt, die geräte<br />drücken den beutel ins kreuz, vor dem fenster die zweige<br />huschen vorbei, und die kellervorräte<br />gehen allmählich zur neige. minus zwanzig grad<br />der andauernde schneefall hier hat die laune<br />nicht gerade verbessert, wolldecken werden verteilt<br />der schlafsack spannt sich, bis zum gesicht<br />nur eine kleine öffnung über mund und nase<br />die kohle, der karbidgeruch, ich atme langsam<br />vor mich hin, wie ein stück wäsche, das die luft<br />die durch die gänge zieht, verschluckt. die gedanken<br />schon wieder voraus im gelände, bodensondierung<br />das warten auf nachschub, immerzu hofft man<br />dass es wieder vorwärts geht, und hundert kilometer<br />weiter steht die grenze unter beschuß. verrußte<br />stimmen, aus dem nebenwagen, knistern, nichts<br />bleibt verborgen, nur die manschetten, druckverbände<br />halten dicht, während im kopf, bei notbeleuchtung<br />das tauwasser rieselt. froststellen auf den bänken<br />die gelenke eingeknickt, sogar die beine seitlich festgefroren,<br />die brust macht einfach nicht mehr mit</em> (Zitat S. 26)<br /><br />Man hört es, die kursiv gesetzten Stellen sind Zitate. Nico Bleutge weist in seinen Anmerkungen am Schluss darauf hin, dass ihm Gedichte von der Barockzeit bis heute als Resonanzboden für seine eigenen Verse gedient haben. Das Ergebnis ist ein Band mit 45 außergewöhnlichen und bemerkenswerten Gedichten, die mal in der Langform prosaisch, meistens jedoch in Strophen und manchmal auch als Fünf- oder Sechsszeiler daherkommen. "fallstreifen" ist in seiner sinnlichen Präsenz und in seiner sprachlichen Genauigkeit ohne Frage einer der besten Lyrikbände dieses Jahres. <br /><br />Nico Bleutge: fallstreifen (Beck, 73 Seiten, Euro 12,90)</p>

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