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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Sehr spät gehandelt"17.03.2014

Smogalarm in Paris"Sehr spät gehandelt"

Nach anhaltendem Smog in Paris gibt es erstmals seit 20 Jahren wieder Fahrverbote für den gesamten Großraum. Frankreich habe sehr spät gehandelt und müsse solche Maßnahmen langfristig ergreifen, sagte Marion Wichmann-Fiebig vom Umweltbundesamt im DLF.

Smog über Paris (picture-alliance / dpa / Jack Guez)
Über Paris legt sich regelmäßig der Smog. (picture-alliance / dpa / Jack Guez)
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Frankreich liegt unter einer Dunstglocke (Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 14.03.2014)

Ursula Mense: Wie gefährlich sind die Feinstäube für Mensch und Umwelt? Wer oder was verursacht sie vor allem? Und ist die Situation in anderen europäischen Großstädten besser oder schlechter? – Marion Wichmann-Fiebig ist die zuständige Expertin zum Thema im Umweltbundesamt, die ich kurz vor der Sendung zunächst gefragt habe, wie sie die Reaktion der französischen Regierung einschätzt.

Marion Wichmann-Fiebig: Es ist gut, dass überhaupt reagiert wird auf die wirklich sehr hohen Konzentrationen, die insbesondere im Großraum Paris jetzt zu beobachten sind. Allerdings fragt man sich, warum solche Maßnahmen nicht dann auch langfristig ergriffen werden. Das ist zumindest die Strategie in Deutschland. Wir reagieren nicht erst bei solchen austauscharmen Wetterlagen, wo man auch nicht mehr viel machen kann, sondern versuchen, dauerhaft die Feinstaubbelastung zu reduzieren.

Mense: Das heißt, die Franzosen haben viel zu spät reagiert?

Wichmann-Fiebig: So sehen wir das. 80 Mikrogramm pro Kubikmeter sind der Auslösewert, an mehreren Tagen hintereinander überschritten. Wir versuchen, in Deutschland einen Tageswert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter zu vermeiden, zumindest an mehr als 35 Tagen zu vermeiden, um den EU-Grenzwert einzuhalten.

Mense: Das heißt, man kann das kommen sehen, wenn bestimmte Wetterlagen da sind, die Smog beeinflussen?

Wichmann-Fiebig: Man kann die Wetterlage kommen sehen. Aber in Frankreich wird jetzt halt sehr spät gehandelt. Wir wissen, dass die Feinstaubbelastung zu hoch ist, und dabei reagieren wir nicht ad hoc, sondern leiten Maßnahmen schon im Vorfeld und dauerhaft ein.

Mense: Die Maßnahmen, die man dann einleitet, sind Fahrverbote, oder gibt es sonst noch etwas?

Wichmann-Fiebig: Nein. Es gibt bei uns gerade keine Fahrverbote, sondern wir haben zum Beispiel das Instrument der Umweltzone, häufig beklagt, aber dennoch sorgsam, um die Feinstaubbelastung dauerhaft zu senken.

Mense: Das heißt, die Umweltzonen, die wir in Deutschland eingeführt haben, waren eigentlich etwas, was eine der wesentlichen Maßnahmen ist, dass wir bei uns besser reagieren können?

Wichmann-Fiebig: Es gibt sie in einigen Großstädten in ähnlicher Form, aber eben nicht in allen. Und wie gesagt: Für uns war es kein Reagieren, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, sondern wirklich mit der Zielstellung, den geltenden, aufs ganze Jahr bezogenen Grenzwert auch einzuhalten.

Mense: Besonders gefährlich sind ja die besonders kleinen Partikel von weniger als 2,5 Mikrometer. Wer sind denn eigentlich die allerschlimmsten Emittenten?

Wichmann-Fiebig: Das ist einerseits der Straßenverkehr, und zwar vor allem die Dieselfahrzeuge, die auch noch keinen Partikelfilter haben unter Umständen. Davon gibt es ja immer noch zu viele. Es sind aber auch die zunehmenden Holzheizungen, die Holzöfen, die im Augenblick sich einem großen Zuspruch erfreuen und zunehmen, aber durchaus auch Feinstäube, die erst sekundär gebildet werden in der Luft, und zwar aus Stoffen, die auch aus der Landwirtschaft stammen, zum Beispiel, wenn jetzt im Frühjahr wieder die Gülle ausgebracht wird.

Mense: Bleiben wir noch mal ganz kurz beim Verkehr. Die Partikelfilter – Sie haben sie erwähnt -, die bringen also viel. Oder doch nicht?

Wichmann-Fiebig: Doch, die bringen auf jeden Fall viel, zumindest wenn der Filter ordentlich funktioniert, wenn es nicht ein billiges Nachrüstsystem ist. Aber das, was Sie heute in Neuwagen eingebaut finden und was insbesondere auch die Euro-VI-Fahrzeuge, die in den kommenden Jahren auf den Markt kommen, erfüllen müssen, das ist eine Riesenentlastung für den Feinstaubanteil in der Luft.

Mense: Nun ist es ja auch so, dass der Feinstaub auch unterhalb der EU-Grenzwerte krank machen kann. Heißt das nicht umgekehrt, die Grenzwerte richten sich nach dem technisch machbaren?

Wichmann-Fiebig: So ist es! Das hat in gewisser Weise seinen Sinn, denn Unmögliches zu fordern, führt im Zweifelsfall nur dazu, dass gar nicht mehr gehandelt wird. Allerdings ist es tatsächlich so, dass die Weltgesundheitsorganisation deutlich niedrigere Werte empfiehlt, als heute gelten, und wir die im Augenblick gültigen Grenzwerte in Deutschland nur noch an wenigen Hotspots überschreiten. Das macht uns im Bundesumweltamt schon ein bisschen Sorge, denn der Fokus der Maßnahmen geht nicht mehr hin auf den Schutz der breiten Bevölkerung, sondern auf Verkehrsspitzenlagen. Wir fänden durchaus perspektivisch eine weitere Absenkung der Grenzwerte als sinnvoll.

Mense: …, was dann auch technisch möglich wäre?

Wichmann-Fiebig: …, was mittelfristig auch technisch möglich wäre, heute vielleicht noch nicht. Aber ich erwähnte schon die Partikelfilter, die kommen, und die Notwendigkeit, die Holzheizungen einzugrenzen, und auch noch mal sei die Landwirtschaft genannt. Wir haben noch ein Maßnahmenpotenzial, was wir in den nächsten fünf bis zehn Jahren ausschöpfen könnten und damit auch durchaus anspruchsvollere Grenzwerte einhalten könnten.

Mense: Über welche Krankheiten reden wir denn im besonderen, die nachweislich durch Feinstaub entstehen können?

Wichmann-Fiebig: Als akute Belastung ist vor allen Dingen ein Herzinfarkt eine Gefahr. Herzkreislauf-Erkrankungen können langfristig auftreten. Und da das alles über die Atemwege erfolgt, sind in erster Linie Asthmatiker bei solchen hohen Belastungen betroffen, die dann mit akuten Anfällen zu rechnen haben.

Mense: Nun haben Sie eben schon mehrfach auf die Landwirtschaft hingewiesen, auch auf die Holzverbrennung, die zunehmend eine Ursache für die steigende Feinstaubbelastung ist. Also auch oder gerade aus Holzheizungen?

Wichmann-Fiebig: So ist es! Man hat ja das Gefühl, dass man der Umwelt was Gutes tut, weil das klimaschonend ist. Das ist soweit richtig. Aber da diese Abgase, der Rauch aus den Öfen völlig ungefiltert in die Außenluft gerät, was bei großen Anlagen eben nicht der Fall ist, aber bei diesen kleinen Öfen schon, führt das dazu, dass die Feinstaubbelastung steigt. Das hat man im gesamten Ruhrgebiet nachgewiesen und das gibt uns schon zu denken.

Mense: Das heißt, als Verbraucher will ich mich eigentlich umweltfreundlich verhalten, wenn ich mich für eine Holzheizung entscheide, und mache genau das Falsche? Was sagen Sie denn den Verbrauchern jetzt?

Wichmann-Fiebig: Wir empfehlen, zunächst mal diese Öfen richtig zu benutzen. Das heißt trockenes Holz, den Brennraum nicht überladen. Ich kann da nur empfehlen, im Internet mal beim Umweltbundesamt "Heizen mit Holz" nachzuschlagen. Was durchaus auch einen positiven Effekt in der Gesamtbilanz noch hat, sind die Pellets-Öfen, denn die sind eigentlich gut gesteuert und führen nicht zu diesen hohen Feinstaub- und Rußemissionen, wie es die Einzelöfen häufig tun.

Mense: Also wenn schon Holzheizung, dann Pellets?

Wichmann-Fiebig: So ist es!

Mense: Marion Wichmann-Fiebig vom Umweltbundesamt über Feinstäube, woher sie kommen und was sie anrichten, und zum Smogalarm in Paris.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk/Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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