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StartseiteCorsoBootlegs auf Röntgenbildern27.07.2016

SowjetunionBootlegs auf Röntgenbildern

Von 1946 bis 1964 florierte in der Sowjetunion ein ganz spezieller Schwarzmarkt: verbotene Musik, von amerikanischem Jazz bis zu russischen Gangsterliedern, wurde illegal kopiert - auf ausrangierten Röntgenaufnahmen aus Krankenhäusern. Der britische Musiker Stephen Coates hat jetzt eine Ausstellung und ein Buch über das Phänomen gemacht.

Stephen Coates im Corso-Gespräch mit Florian Fricke

Ein Röntgenbild von einem Gebiss eines 28-jährigen Mannes hängt am 31.03.2014 in einer Zahnarztpraxis in Hannover (Niedersachsen). (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
Ausrangierte Röntgenaufnahmen aus Krankenhäusern dienten zur Zeiten der Sowjetunion als Trägermaterial für verbotene Musik (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
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Stephen Coates : Vor vier Jahren spielte ich ein Konzert in St. Petersburg. Danach besuchte ich einen Flohmarkt. An einem Stand entdeckte etwas sehr seltsames, von dem ich nicht wusste, was es ist: Eine Schallplatte oder ein Röntgenbild? Es stellte sich heraus, dass es beides war. Ich nahm sie mit nach London und spielte sie ab auf 78 Umdrehungen pro Minute. Der Song war "Rock around the Clock" von Bill Haley. Meine russischen Freunde, die ein bisschen jünger waren, wussten davon überhaupt nichts, und der Flohmarkthändler hatte kein Interesse. Also startete ich meine eigene Recherche, die mich zum X-Ray Audio Projekt führte.

Der britische Musiker Stephen Coates (Deutschlandradio / Florian Fricke)Der britische Musiker Stephen Coates (Deutschlandradio / Florian Fricke)

Florian Fricke: Diese Röntgenbilder, aus welchem Material bestehen sie?

Coates: Es ist eine Art Plastik, Filmmaterial, das auf Zellulose basiert. Man kann im Grunde in viele Sorten von Plastik und Film direkte Audioaufnahmen ritzen. Röntgenbilder waren so populär waren, weil sie einen Groove sehr gut aufnehmen und halten konnten – und sie waren sehr leicht zu bekommen, denn die Behörden hatten angeordnet, dass die Hospitäler sie nach einem Jahr vernichten mussten, weil sie leicht entflammbar waren.

Kopieren aus politischer Motivation

Fricke: Aber war dies der einzige Grund für dieses Material, weil es so gut wie nichts kostete?

Coates: Genau. Wenn wir diese Aufnahmen heute sehen, dann denken wir, wow, was ist das denn? Denn einige der Platten sind wirklich schön. Aber für die russischen Bootlegger waren die Röntgenbilder nur ein leicht beschaffbares Medium. Sie waren sich der besonderen Ästhetik durchaus bewusst, das erkennt man daran, wie sie die Aufnahmen arrangierten. Trotzdem ging es hauptsächlich um die Musik. Es ging um verbotene Musik, also westliche Musik, aber auch russische. Es gab also nur einen Weg an diese Musik zu kommen – man musste sie selber pressen. Diese Bootlegger waren also politisch motiviert, aber später wurde es ein richtiger Markt.

Fricke: Wir reden von der stalinistischen Nachkriegsära?

Coates: Es startete 1946 in Leningrad. Direkt nach dem Krieg gab es viele amerikanische Musik in Russland, weil die Amerikaner mit den Russen verbunden waren. Man konnte also amerikanische Musik hören und amerikanische Filme sehen. Aber dann startete der Kalte Krieg und es war schlagartig vorbei. Zur selben Zeit erreicht eine deutsche Maschine für Plattenaufnahmen aus Berlin Leningrad. Sie wurde kopiert und weiter verbreitet.

"Wie der Handel mit weichen Drogen"

Fricke: Jede Schallplatte ist also eine Unikat. Aber haben sie eine Ahnung, wie viele Pressungen von zum Beispiel "Rock around the Clock" auf diese Art gemacht wurden?

Coates: "Rock around the Clock" war sehr populär, ich weiß zwar nicht warum, aber die Leute liebten diesen Song. Der wurde bestimmt sehr oft kopiert. Aber es ist unmöglich zu sagen, wie viele Aufnahmen dieser Art in Umlauf kamen, ich schätze, mehrere hunderttausend. Es ist schwer zu sagen, weil diese Schallplatten nicht lange hielten. Die Leute schmissen sie also einfach weg. Illegal waren sie auch, sie wurden versteckt. Die Qualität verschlechterte sich auch mit der Zeit, darum existieren heute eher weniger. In den späten 1950ern waren sie aber ziemlich einfach in den Metropolen zu bekommen. Man muss sich das wie den Handel mit weichen Drogen vorstellen. Die Dealer standen an den Straßenecken, es war gefährlich und riskant.

Fricke: Wie strafbar war dieser Handel? Ein Händler konnte im Knast landen?

Coates: Absolut. Als die sowjetischen Behörden in den späten 1940er Jahren erkannten, wie sehr das Geschäft florierte, versuchten sie diesen Schwarzmarkt einzudämmen. Bootlegger wurden verhaftet, ihre Maschine und die Platten konfisziert. Als kaufender Jugendlicher bekamen sie nur kleine Probleme, vielleicht hatte es Auswirkungen auf die Karriere. Aber die Händler mussten schon mehr aufpassen, und wer bei der Herstellung erwischt wurde, der landete im Gefängnis.

Fricke: Und wie steht es um die Klangqualität?

Coates: Die variiert überraschenderweise sehr. Generell ist sie eher schlimm, und es gab Fälle von so schlechter Qualität, dass sie quasi nicht benutzbar waren. Aber was wir bisher gehört haben, klingt erstaunlich gut. Man muss bedenken, dass die Leute, die dieses Konzept starteten, audiophile Musikfans waren. Sie wussten, was sie taten, und taten es mit Sorgfalt. Diese Röntgenbild-Schallplatten klingen zwar nicht wie Schellackplatten, aber auch nicht so schlecht.

"Russische Musiker fielen in Ungnade, weil sie im Westen lebten"

Fricke: Amerikanische Musik war also verboten, Jazz, Rock 'n' Roll - was noch? Russische Musik auch?

Coates: Ja, die meiste dieser Musik ist sogar russisch. Als die Zensoren immer mächtiger wurden, wurden auch immer mehr Dinge kontrolliert. Russische Musiker, die vor dem Krieg Stars waren, die Popstars waren, fielen in Ungnade, weil sie im Westen lebten. Russische oder ukrainische Sänger kehrten nicht in die Sowjetunion zurück, weil ihre Aufnahmen verboten waren.

Selbst wenn sie über den Klassenkampf gesungen hätten, hätte ihnen das nichts genutzt. Dann wurden diverse Rhythmen verboten, Foxtrott, Tango, Mambo. Sie galten als zu sinnlich, verführten zum Tanzen und unsittlichem Verhalten. Und es gab die Straßenmusik, Blodny genannt, sehr raue Lieder, die das Leben der Kriminellen verhandelten beziehungsweise die Schattenseiten des Sozialismus. Diese Lieder waren sehr populär in den Gulags.

Westliche Stiljäger

Fricke: Aber in den Großstädten gab es eine Gruppe Hipster, die diese Bewegung angeschoben haben?

Coates: Ja, man nannte sie Stilyagi, die Stiljäger. In England würden wir Followers of Fashion sagen. Es war die einzige Jugendbewegung in der Sowjetunion, weil es einfach keine Gelegenheiten gab sich auszuleben. Diese Stilyagi orientierten sich an westlichen Moden, die sie aus Magazinen kannten. Sie nähten sich ihre eigene Kleidung und frisierten sich westlich, hingen gemeinsam ab und redeten mit englischen oder amerikanischen Slang und hörten westliche Musik, wenn sie sie ergattern konnten.

Fricke: Diese sogenannte Bone Music, Knochenmusik, war sie nur für den Heimgebrauch gedacht, oder gab es auch Clubs für die Stilyagi?

Coates: Diese Schallplatten wurden wohl hauptsächlich zuhause gehört, vielleicht zusammen mit ein paar Freunden. Wir interviewten letztes Jahr einen Musikfan, der sein Grammophon auf den Balkon stellte und einen bestimmten Song wieder und wieder abspielte, und die Menschen versammelten sich im Hof und hörten der Musik zu. Aber das waren ganz gewöhnliche Leute. Neben den Stilyagi kauften immer mehr normale Bürger diese Aufnahmen. Ende der 1950 Jahre waren die Knochenplatten sehr populär. Aber man musste kein Hipster sein, man wollte einfach die Musik hören, die einem gefiel.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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