• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteInterview"Die Türkei wird zur Diktatur"21.07.2016

Soziologin Kelek"Die Türkei wird zur Diktatur"

Die Soziologin Necla Kelek sieht die Entwicklungen in der Türkei mit Sorge. Die Regierung arbeite daran, den Alltag auf Religion auszurichten, sagte sie im DLF. "Der Einzelne soll Unterwerfung lernen." Mit den Entlassungen von Staatsbeamten betreibe Erdogan die "ökonomische Vernichtung von Säkularen".

Necla Kelek im Gespräch mit Ann-Kathrin Büüsker

Die Soziologin und Publizistin Necla Kelek 2013 in der ARD-Sendung "Anne Will" (dpa / picture alliance / Karlheinz Schindler)
Die Soziologin und Publizistin Necla Kelek 2013 in der ARD-Sendung "Anne Will" (dpa / picture alliance / Karlheinz Schindler)
Mehr zum Thema

Nach dem Putschversuch Erdogan verhängt dreimonatigen Ausnahmezustand

Türkei Entlassungen an den Hochschulen

Nach dem Putschversuch Türkei schließt mehr als 600 Bildungseinrichtungen

Autorin Esmahan Aykol über die Türkei "Wie in einem Horrorfilm"

Türkei "Erdogan will einen Staat nach seinen Wünschen"

Türkei nach dem Putschversuch "Die westliche Lebensart wird unter Beschuss genommen"

In Istanbul prallten derzeit zwei Wahrheiten aufeinander, so Kelek. Einmal die der liberalen, europäisch ausgerichteten Menschen und auf der anderen Seite die der religiösen Anhänger der AKP. Die Regierungspartei arbeite bereits seit 13 Jahren daran, den Alltag religiös umzugestalten: "In Erdogans Amtszeit wurden 100.000 Moscheen gebaut. Sie sollen daran erinnern, dass die Türkei ein islamisches Land ist." Auch Schulen seien schon dementsprechend umgebaut worden. "Der Einzelne soll Unterwerfung lernen", meint Kelek. "Er soll nach den Bestimmungen Allahs leben und nicht nach demokratischen Rechten."

Die Türkei sei eigentlich seit über 80 Jahren ein säkularer Staat. Religion sei immer Privatsache gewesen. "Das kippt jetzt um", so Kelek. "Es wird zur Diktatur." Ein Problem seien auch die mangelnden politischen Alternativen: "Die Türkei hat keine wirkliche Opposition." Die beiden großen Oppositionparteien setzten nicht auf den Schutz des Einzelnen, sondern nur auf eine andere Form des türkischen Nationalismus. "Die Opposition führt nicht in die Moderne."

"Die EU reagiert sehr schwach"

Die Entlassungen von Tausenden Staatsbeamten bezeichnet Kelek als "Vernichtung der Mittelschicht" und "ökonomische Vernichtung der Säkularen": "Eine Gesellschaft wird von einer Mittelschicht getragen, die ein bürgerliches Leben lebt". Die werde nun ihrer Existenz beraubt. Sie fürchtet, dass viele liberale Kräfte die Türkei nun verlassen werden: "Dann wird es wie in Ägypten oder anderen arabischen Ländern, was grauenhaft wäre." 

Von der EU zeigte sich Kelek enttäuscht: "Sie reagiert sehr schwach und setzt keine Bedingungen." Der Begriff "Demokrat" dürfe nicht mehr auf Erdogan angewandt werden.


Das Interview in voller Länge:

Ann-Kathrin Büüsker: Wir gucken hier aus Deutschland ein bisschen fassungslos auf das, was in der Türkei passiert. Es wirkt erst mal irgendwie gigantisch. Mehrere Zehntausend Menschen wurden entlassen, vor allem Lehrerinnen und Lehrer. Seit gestern dürfen Wissenschaftler das Land nicht mehr verlassen. Es gibt Berichte über vereinzelte Übergriffe auf Minderheiten, Kurden und Aleviten zum Beispiel. Und jetzt hat Präsident Erdogan den Ausnahmezustand erklärt.

O-Ton Recep Tayyip Erdogan: "Das Ziel des Ausnahmezustandes ist die schnelle und effektive Beseitigung jener Bedrohung, die sich gegen Demokratie, Rechtsstaat, die Grundrechte und die Freiheit der Bürger richtet."

Büüsker: So sagte es Erdogan in der vergangenen Nacht. - Die deutsche Soziologin und Islamkritikerin Necla Kelek hat die vergangenen Monate in der Türkei verbracht, hat die gesellschaftlichen Entwicklungen dort miterlebt, und darüber möchte ich nun mit ihr sprechen. Guten Morgen, Frau Kelek!

Necla Kelek: Ja guten Morgen, Frau Büüsker.

Büüsker: Frau Kelek, wie haben Sie die Türkei in den letzten Wochen erlebt?

Kelek: Ich habe ein Land erlebt, wo ich nach 50 Jahren wieder eigentlich gerne gelebt habe. Istanbul bietet wirklich alle Möglichkeiten als Stadt, als freier Mensch leben zu können. Aber gleichzeitig haben sie gemerkt, wie das Land gespalten ist und dass ich nur mit einer bestimmten Gruppe diese Vorstellung, städtisch zu leben, europäisch zu leben, frei zu leben, ausführen konnte, und auf der anderen Seite eine Gruppe, die immer mehr nach religiösen Ritualen und Formen leben möchte und die Stadt auch so erobern will. Also eine gespaltene Stadt, eine Bevölkerung, die sich zusammensucht und einen Weg findet, wie man eigentlich europäischer oder modern oder selbstbestimmt in einer Stadt leben kann. Also eine sehr gespaltene Stadt!

"Eine Religion kann nur in einem säkularen Staat sein"

Büüsker: Was bedeutet das für die menschlichen Beziehungen?

Kelek: Für die menschlichen Beziehungen ist das so, dass zwei Wahrheiten ständig aufeinanderprallen. Auf der anderen Seite: Wie gesagt, ich richte mich nach Europa, ich möchte auch im Alltag europäisch leben. Gleichzeitig haben wir zum Beispiel von einer Partei oder von einer Regierung, die jetzt durch Erdogan, mit Erdogan geführt wird, jahrzehntelang die Vorbereitung darauf, dass der Alltag islamisch, das heißt, religiös werden soll und muss. Diese Vorbereitung, das läuft ja schon seit Jahren. In der Amtszeit, in diesen 12, 13 Jahren hat diese Partei über 100.000 Moscheen gebaut. Das heißt, die Moscheen wecken Sie jeden Tag und erinnern Sie jeden Tag fünfmal daran, dass dieses Land ein islamisches Land ist. Die Schulen werden umgebaut auf Imamschulen. Das heißt, der Einzelne soll eine Unterwerfung lernen, soll nach den Bestimmungen des Allahs leben, aber nicht nach einem demokratischen Prinzip, obwohl zurzeit ja auch viel von Demokratie gesprochen wird, aber genau diese demokratischen Rechte eigentlich abgebaut werden. Dieses ist nicht erlaubt, nicht erwartet, sondern seine Anhänger sollen nach Gottes Bestimmungen leben. Das habe ich auch ganz stark gespürt.

Büüsker: Aber der Islam gehört ja seit jeher zur Türkei und es war über viele Jahre kein Problem. Das heißt, wir haben jetzt eine Radikalisierung des Islams in der Türkei, wenn ich Sie richtig verstehe?

Kelek: Es ist so, dass die Türkei schon seit über 80, 90 Jahren ein säkulares Land ist, und das ist wichtig. Eine Religion kann nur in einem säkularen Staat sein, nur für Bürger sein, die im Privaten ihre Religion leben. Wir leben im 21. Jahrhundert. Kein Europäer kann sich vorstellen, wie das ist, wenn eine Religion genau das abschafft, die Säkularität abschafft und sich zur Wahrheit erklärt, das heißt, den Alltag bestimmt. Kein Mensch kann sich das vorstellen. Wie soll das sein? Am Bosporus sitzen Frauen verschleiert, die ihre Cola unter ihren Schleier schieben und so trinken müssen und die Männer in Gruppen überall auf Plätzen zum Beispiel ihren Alltag leben. Wie soll so der Islam eigentlich gelebt werden? Das ist gerade in der Türkei nicht so verstanden worden. Religion ist eine Privatsache. Genau das kippt um. Es wird zur Politik, es wird zur Diktatur und es bestimmt den Alltag von jedem Menschen.

"Ich finde, dass die EU nach wie vor noch sehr schwach reagiert"

Büüsker: Welche Möglichkeiten haben denn die Menschen in der Türkei, sich überhaupt im Moment über politische Verhältnisse zu informieren? Wir haben gehört, dass mehrere Webseiten nicht mehr besuchbar sind, dass einige Medien gar nicht mehr senden können. Wie informieren sich die Menschen?

Kelek: Es gibt immer noch die Möglichkeit übers Internet, aber auch ich habe kaum noch Kontakt zu meinen Verwandten und Familie, die auch leider sehr betroffen sind von Entlassungen. Zum Beispiel diese Entlassungen, das ist eine ökonomische Vernichtung der Säkularen, das heißt, einer Bildungsschicht, das heißt einer Mittelschicht, die ihrer Existenz beraubt wird. Das ist auch eine Form von Vernichtung und von mundtot machen der Menschen. Man versucht natürlich auf anderen Ebenen sich zu finden. Aber das eigentliche Problem ist, dass die Türkei ja keine wirkliche Opposition hat. Das war das, was mich auch am meisten enttäuscht hat und resigniert hat in der Türkei. Wir haben zwei große Parteien wie die CHP oder die MHP, aber die setzen leider nicht auf Schutz des Einzelnen oder Verbindung der Völker, sondern weiterhin leider auf türkischen Nationalismus. Auch als Herr Erdogan versucht hat, das mit Putin und auch seine ganze wirtschaftliche Schwäche, die er hat, wieder geradezubiegen, hieß es zum Beispiel von Kilicdaroglu - das ist der Vorsitzende der CHP -, dass die Türkei ihre Ehre verloren hätte. Wir haben es auch mit einer Opposition zu tun, die nicht die Türkei in die Moderne führt und die Bevölkerung zusammenführt, sondern wieder auf eine andere Form spalten möchte. Das ist das, was sehr traurig ist.

Büüsker: Sie haben die Entlassungen angesprochen, die für die Menschen unglaublich schwierig sind, weil sie sie in schwierige wirtschaftliche Verhältnisse schicken. Muss man vor dem Hintergrund befürchten, dass diese Menschen, die vielleicht auch liberalen Kräfte, die Türkei verlassen werden?

Kelek: Ich hoffe nicht, weil die Türkei hat auch eine Mittelschicht und eine Gesellschaft wird von der Mittelschicht getragen, die auch ein bürgerliches Leben leben. Wenn diese Menschen gehen sollten, sehe ich, dass die Türkei in Richtung wie Ägypten oder andere arabische Länder wird, ohne eine Mittelschicht, ohne ein bürgerliches Leben zum Beispiel, was grauenhaft wäre.

Büüsker: Wie muss die EU jetzt reagieren?

Kelek: Ich finde, dass die EU nach wie vor noch sehr schwach reagiert, keine Bedingungen setzt, auch mit diesem Begriff Demokratie. Wie sollen wir das eigentlich verstehen, dass das geklärt werden muss? Wenn jemand demokratisch gewählt ist, dann hat er auch die Pflicht, als Demokrat zu regieren, und wenn er zum Diktator sich erklärt, dann muss ihm dieses Wort überhaupt abgesprochen werden. Ganz klare Bedingungen, sonst Abbruch.

Büüsker: … sagt Necla Kelek. Vielen Dank für das Gespräch, Frau Kelek!

Kelek: Ich danke Ihnen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk