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"Spiele zwischen Deutschland und Italien sind immer dramatisch"

Der literarisch-philosophische Blick auf das EM-Halbfinale Deutschland-Italien

Hajo Steinert im Gespräch mit Sandra Schulz

UEFA EURO 2012 - Halbfinale Deutschland gegen Italien.
UEFA EURO 2012 - Halbfinale Deutschland gegen Italien. (picture alliance / dpa/Michael Reichel)

Die Italiener seien "beileibe nicht mehr Schurken", sagt Hajo Steinert. Ihr Spiel zeichne sich heute durch eine "Liebeserklärung an den Ball" aus, sagt der Literaturredakteur. Die deutsche Elf könne aus der Defensive heraus "vielleicht leichter aufspielen".

Sandra Schulz: Können Sie sich noch erinnern? Ein 4. Juli war das, 2006 in Dortmund. Das Ende des Sommertraums war das zum WM-Halbfinale 2006, als Italien Deutschland aus dem Turnier gekickt hat. Die Begegnung gilt als mehr als nur ein Fußballspiel. Heute Abend zum Halbfinale bei der Europameisterschaft ist es wieder so weit, Deutschland trifft wieder auf Italien - ein Gegner, der rein statistisch gesehen ein Angstgegner sein muss, denn noch nie hat die DFB-Elf einen Sieg gegen Italien geschafft. Das beste Ergebnis, das die deutsche Nationalelf gegen die Italiener je erzielt hat, es lautet, wir wollen es uns noch mal vor Augen führen, 0:0. Darüber müssen wir sprechen. Bei mir im Studio ist Hajo Steinert, Kollege aus unserer Literaturredaktion und Autor mehrerer Bücher zur Kulturgeschichte des Fußballs. Guten Morgen!

Hajo Steinert: Guten Morgen.

Schulz: Bei der Statistik schaut der wahre Fußballfan dann heute Abend lieber weg?

Steinert: Der wahre Fußballfan weiß zunächst mal, dass es bei Europameisterschaftsspielen und Weltmeisterschaftsspielen keine Siege für die deutsche Mannschaft gab, und die ersten Spiele, WM 1962 0:0, WM 1978 0:0, 1:1 gab es dann später 1988, EM 1996 0:0, und das war eigentlich immer eine trockene Zeit zwischen diesen beiden Mannschaften. Aber es ist mehr als nur Fußball, wenn Deutschland gegen Italien spielt. Das ist ein Theater, es ist große Oper, es ist ungeheuer spannend in diesem Jahr, weil die italienische Mannschaft ja einen Wandel vollzogen hat. Sie ist wieder dahin zurückgekehrt, wo sie mit dem Calcio im 16. Jahrhundert begonnen hat, nämlich Fußball als große Kunst zu verstehen.

Denken Sie nur an diesen genialen Elfmeter von Andrea Pirlo gegen die englische Mannschaft, das war eine Rückkehr zu Fußball als Sanftmut, eine Schmeichelei, eine Liebeserklärung an den Ball selbst, wahrscheinlich der erotischste Elfmeter aller Zeiten, der da geschossen wurde, der wieder die Sehnsucht nach Italien, nach der Verführungskunst und so weiter hervorgerufen hat. Und der Trainer der italienischen Mannschaft, Cesare Prandelli, hat ja auch von einer Kulturrevolution gesprochen, und damit geht die Geschichte der vielen Revolutionen, die wir haben, in eine neue Phase über. Nicht nur Mao Zedong kann dieses Wort auf sich beziehen, sondern eben auch der italienische Fußball. Er meint damit, dass man jetzt offensiv spielt, und die beiden offensivsten Mannschaften spielen jetzt in der Tat gegeneinander. Die Kunst der Italiener bestand ja in früheren Jahrzehnten oft darin - erinnern Sie sich, Frau Schulz, an das Spiel 1970, als man gegeneinander spielte; das Spiel ging dann in die Verlängerung und da zeichneten sich die italienischen Spieler dadurch aus, dass sie dauernd wie sterbende Schwäne auf den Rasen sanken und dem Tode geradezu entgegenflehten, sie haben markiert, wie wir das damals gesagt haben.

Und diese Schauspielkunst der Italiener hat ja die Italiener, die in den 60er-Jahren nicht nur die Gastarbeiter zu uns brachten, sondern auch das Fußballspiel ein bisschen populärer gemacht haben, brachte dann das deutsche Publikum gegen sie auf und es war immer so ein Feindbild da. Das ist allerdings nach diesen wunderbaren Spielen, auch nach dem 1970er-Spiel, verloren gegangen und man darf auf ein Spiel hoffen, das auf Augenhöhe stattfinden wird und vor allen Dingen auf künstlerischer Höhe, und da kann sich jeder drauf freuen, der Fußball als Schauspielkunst, der Fußball als Ästhetik sehen will, der Spaß hat am Spiel, und das Ergebnis ist da eigentlich sekundär.

Schulz: Sie haben gerade die Spielweisen verglichen. Ist denn der deutsche Fußball auch italienischer geworden?

Steinert: Nein, italienischer geworden ist er nicht. Der deutsche Fußball ist ein Fußball, der sich in der Tradition des Sports, wie wir ihn in Deutschland kennen, strategiebewusst, taktisch sehr bewusst aus einer klaren Abwehrhaltung heraus entwickelt hat. Aber es ist ein bisschen auch spanischer Fußball, der für revolutionäre Spielzüge gesorgt hat, dieses Klein-Klein-Spiel, Überzahlspiel schaffen und dann sich die Bälle zuschieben, nach vorne gehen. Das wäre sozusagen die europäische Avantgarde im Fußball, was die Spanier machen. Die Deutschen sind immer berechenbarer, dagegen sind die Italiener überhaupt nicht mehr berechenbar und das macht diese Mannschaft so spannend und mir hat sie ungeheuer gut gefallen im Spiel gegen England. Man weiß nie, wie sie eigentlich antreten, und gerade in einer Zeit, da der italienische Fußball ja von Skandalen beschattet wird - denken Sie nur an die vielen Wettskandale, es gibt Ermittlungsverfahren, Verhaftungen und so was im Fußball -, und da kommt mitten hinein jetzt eben diese Kulturrevolution des Fußballs. Da darf man sehr gespannt sein, wie sich die deutsche Strategie des Fußballs, die deutsche Souveränität dagegen zu behaupten weiß.

Schulz: Eben durch diesen Wettskandal ist Italien jetzt stärker als vielleicht vorher auch schon in diese Schurkenrolle reingeraten. Welche Rolle wird das denn spielen?

Steinert: Ja die Schurken sind sie für viele Deutsche immer noch. Sie sind die Schurken, seitdem Marco Materazzi den französischen Spieler Zinedine Zidane so provoziert hat, dass er sich nur mit einem Kopfstoß wehren konnte. Da waren die Italiener Schurken. Die waren auch schon 1962 Schurken, bei der Weltmeisterschaft dort. Da wurde dreimal die Polizei aufs Spielfeld bei der WM gerufen, als die Italiener gegen die Chilenen zu hart eingestiegen sind. Immer wieder gab es solche Dinge, auch bei der Weltmeisterschaft in Deutschland fiel dann der eine oder andere Spieler auf. Einer hat es gar geschafft, einen Amerikaner so zu verletzen, dass er drei Stiche am Kopf haben musste - Rossi hieß der Spieler damals.

Also die Italiener sind jetzt beileibe nicht mehr Schurken, denken Sie nur an diesen Andrea-Pirlo-Elfmeter. Das ist für mich das Sinnbild vielleicht eines neuen italienischen Fußballs: Sanftmut, Ästhetik, Spielfreude, Liebeserklärung an den Ball, Schmeichelei und der Charme, geradezu wie italienisches neues Design war das geschossen, ein Tor mit einer Eleganz, wie ihn nur italienischer Designerschuhe vielleicht haben.

Schulz: Jetzt haben wir viel über Italien gesprochen, was wir natürlich heute auch tun müssen. Trotzdem: Die Begegnung Italien-Deutschland, das ist ein Klassiker. Welchen Beitrag leistet denn das deutsche Team dazu, dass das eben dieser Klassiker ist?

Steinert: Das deutsche Team hat eben noch nicht, wie Sie gesagt haben, gewonnen und die Deutschen haben das Glück, dass sie aus der Defensive heraus jetzt spielen dürfen, und es wird interessant sein, dass sie jetzt wirklich zum ersten Mal eigentlich wirklich die Favoriten sind in einem Spiel. Die ganze Welt redet von der Stärke der deutschen Mannschaft und aus der Defensive heraus lässt sich vielleicht leichter aufspielen. Spiele zwischen Deutschland und Italien sind immer dramatisch, sind immer spannend, die Geschichte spielt auch immer mit hinein und diese verschiedenen Temperamentsausbrüche, zu denen die Spieler und auch die verschiedenen Spielsysteme in der Lage sind, und die Italiener werden sich natürlich auch wieder an den Deutschen ein wenig laden, man wird sie wieder ein bisschen provozieren, man wird sie ein bisschen locken und man weiß ja auch um die Dominanz in den vergangenen Jahrzehnten, was die Spielergebnisse angeht.

Schulz: Sollte die deutsche Mannschaft es heute Abend tatsächlich schaffen, Italien zu schlagen, dann wäre der Mythos ja gebrochen. Wäre das auch schade?

Steinert: Das ist kein Mythos. Es war einfach eine schiere Realität, dass sie verloren haben. Fürs nächste Mal hätte das in der Tat dann ein bisschen an Tragik verloren, Tragik ist ja nun mit Niederlage auch verbunden, es wäre nicht schade. Mir ist es persönlich ganz egal, wie das Spiel ausgeht, ich möchte nur hohe Fußballkunst sehen, ich möchte ein dramatisches Spiel sehen mit Schauspielerei, mit vielen Klängen, mit viel Musik von den Rängen, Anfeuerungen und dergleichen mehr.
Und wenn Sie mich wahrscheinlich auch fragen wollten nach dem Tipp, den man haben könnte - das ist ja eigentlich die Standardfrage, die man bis zum Erbrechen bisweilen hören muss in den letzten Wochen von Reportern im Fernsehen und sonst wo -, aber ich habe doch eine Lieblingsvorstellung: Das wäre ein Elfmeterschießen ausnahmsweise Mal. Beide Mannschaften haben die ersten vier Elfmeter hineingeschossen, dann kommt dieser Fußballkünstler, Elfmeterkünstler Andrea Pirlo und muss schießen, und da wäre ich gespannt, wie unser Torhüter Manuel Neuer reagiert, ob der den bekommt. Das wäre so ein Wunschfinale, wie ich es mir wünschte. Wer am Schluss gewinnt, ist mir persönlich nur eine sekundäre Angelegenheit.

Schulz: Und wer früh raus muss, der kann sein Schlafdefizit dann gleich noch ein bisschen ausbauen, wenn wir heute schon wieder Elfmeter gucken müssen.

Deutschlandfunk-Literaturredakteur, Fußballmelancholiker Hajo Steinert hier bei uns in den "Informationen am Morgen", mit Erinnerungen an 1970 und dem Ausblick auf das Halbfinale eben heute Abend, Deutschland-Italien.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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