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StartseiteSport am Wochenende"Deutsche Politik sollte Sotschi boykottieren"08.12.2013

Sportpolitik"Deutsche Politik sollte Sotschi boykottieren"

Der neue Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter forderte die deutsche Regierung auf, während der Spiele nicht nach Sotschi zu fahren. Russland entwickle sich immer mehr in Richtung Diktatur.

Von Robert Kempe

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter fordert eine Debatte des Bundestages zur NSA-Affäre (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)
Grünen-Fraktionschef Hofreiter fordert politischen Druck auf Russland (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)

Anton Hofreiter ist neuer Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag. Er betont, dass der Sport auch nach dem unbefriedigenden Wahlergebnis und der damit verbundenen Neuausrichtung der Grünen unter seinem Vorsitz eine wichtige Rolle spielen werde.

“Nein, der Sport wird da nicht hintenrunterfallen, weil er von einer ganz besonderen gesellschaftlichen Relevanz ist. Weil er von hohem Interesse für uns als solches ist.“

Sagt Hofreiter und verweist auf die Diskussion rundum die Olympischen Spiele in München 2022. Der Bayer begrüßt das negative Votum im Bürgerentscheid. Vor allem die Skepsis vor Sportgroßorganisationen und die ungeklärte Landschaftszerstörung hätten die Bürger dazu bewogen.

Das kommende Sportgroßereignis gilt längst als ökologisches Desaster. In wenigen Wochen beginnen die Winterspiele im russischen Sotschi – ein milliardenschweres Investitionsprojekt des russischen Staates – über 30 Milliarden Euro. Die teuersten Winterspiele aller Zeiten.

Neben der Kostenausuferung und der Umweltzerstörung, belasten auch die innenpolitischen Zustände in Russland die Spiele in Sotschi. Vor allem die verschärfte Homosexuellen-Gesetzgebung und der Umgang mit Minderheiten sowie Oppositionellen sorgten zuletzt für massive internationale Empörung. Hofreiter fordert nun von der deutschen Politik den Spielen in Sotschi fern zu bleiben. Russland entwickle sich immer mehr in Richtung Diktatur.

“Sotschi ist hochproblematisch. Die Deutsche Politik sollte die Olympischen Winterspiele in Sotschi boykottieren. Man sollte nicht die Sportler dazu zwingen es zu boykottieren. Man sollte von Seiten der deutschen Politik Druck ausüben, dass Menschenrechte, Minderheitenrechte in Russland eingehalten werden. Man sollte sich nicht drauf verlassen, dass einfach so mit dem warmen Worten der Sport wird das Ganze schon richten. Wer bei den Olympischen Spielen in Sotschi gut aufgehoben wäre, wäre der Menschenrechtsausschuss, um das Ganze zu begleiten.“

Der Menschenrechtsausschuss des deutschen Bundestags – statt der üblichen Delegation deutscher Sportpolitiker. Auch Amnesty International regte zuletzt an, die Spiele in Sotschi zu nutzen, um auf  die Probleme in Russland aufmerksam zu machen. Hofreiter sieht auch den IOC-Präsidenten Thomas Bach in der Pflicht.

“Thomas Bach sollte Druck ausüben auf Russland, dass es da bestimmte grundlegende Änderungen gibt. Manche Dinge kann man nicht mehr ändern, da ist das Kind schon in den Brunnen gefallen - die extrem zerstörerische Art wie die Sportstätten errichtet worden sind. Man müsste Druck ausüben, dass die Menschen die zwangsumgesiedelt worden sind, dass die wenigstens vernünftige Entschädigungen kriegen, nämlich wenn ihre Häuser und ihre Heimat bereits zerstört ist, muss man wenigstens für einen Anspruch auf Entschädigung sorgen.“

Nächste Woche kommt in Lausanne die Führungsriege des IOC zusammen. Solche Themen werden dort erfahrungsgemäß nicht diskutiert. Und selbst wenn – es wird die Öffentlichkeit wohl nicht so schnell erfahren. Das IOC fordert die Presse auf, bei dem fünftägigen Meeting an vier Tagen nicht zu erscheinen. Man stellt auch keine Arbeitsmöglichkeiten für Journalisten zur Verfügung, teilte man mit. Langjährige Beobachter sind entsetzt.

Anton Hofreiter sieht bei Sportgroßorganisationen einen generellen Reformbedarf. Die grüne Sportpolitik in der letzten Legislaturperiode hatte auch dies immer wieder angemahnt.

Viola von Cramon, die bisherige sportpolitische Sprecherin der Fraktion, zog nicht mehr in den Bundestag ein. Grüne Sportpolitik unter von Cramon war meist engagiert und hatte durchaus Profil. Kritisch ging die Grüne mit dem organisierten Sport um, Freunde bei Funktionären machte sie sich damit nicht.

In neun Tagen will sich Angela Merkel mit den Stimmen der Großen Koalition zur Bundeskanzlerin wählen lassen. Dann sollen auch die Ausschüsse gebildet werden.

Unbekannt ist bisher, wer die Grünen im Sportausschuss des Bundestags vertreten wird. Auch Anton Hofreiter will noch keine Namen nennen.

“Die grüne Sportpolitik wird weiter Profil haben. Aber ich möchte jetzt nicht vorgreifen, weil die große Koalition so vor sich hintrödelt, bei ihrer Konstituierung, können wir uns auch noch nicht konstituieren und wollen dies auch noch nicht. Da wir noch nicht wissen, wie viele Ausschüsse gibt es insgesamt. Deswegen möchte ich der Fraktionsentscheidung nicht vorweg greifen, wer das dann am Ende machen wird. Aber es gibt eine ganz Reihe von Leuten, die es sich vorstellen können und die sicher mit großem Engagement und Interesse dabei sind.“

So leicht scheint die Findung eines Abgeordneten in der Fraktion aber  nicht zu sein. Bisher hat sich noch niemand richtig ins Spiel gebracht, heißt es aus Fraktionskreisen. Auch zu drängenden sportpolitischen Fragen, äußerte sich die Fraktion zuletzt selten.

Wichtig wäre, dass auch der neue Vertreter der Grünen im Sportausschuss zu den kritischen Köpfen gehört. Denn Sportfreunde sitzen im Sportausschuss bekanntlich genug.

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