Donnerstag, 23.11.2017
StartseiteCampus & KarriereReden Parteien und Wähler aneinander vorbei?24.08.2017

Sprache in WahlprogrammenReden Parteien und Wähler aneinander vorbei?

In ihren Wahlprogrammen setzen viele Parteien ein sprachliches Niveau ein, das nicht zu ihrer Wählerschaft passt. Die Sprachforscherin Franziska Ott von der Uni Köln nannte im Dlf als Beispiel unter anderem die Linke: Sie verwende eine komplexe Sprache, ihre Wählerschaft weise aber ein eher niedriges Bildungsniveau auf.

Franziska Ott im Gespräch mit Markus Dichmann

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Parteimitglieder verteilen am 10.06.2017 vor Beginn des Bundesparteitages der Linken in Hannover (Niedersachsen) Plakate. Noch bis zum 11.06.2017 stimmt Die Linke auf ihrem Parteitag die Kernpunkte ihres Wahlprogramms für die Bundestagswahl ab.  (picture alliance / dpa / Peter Steffen)
"Für alle" will die Linke sprechen - doch stimmt dafür auch die sprachliche Komplexität des Wahlprogramms? (picture alliance / dpa / Peter Steffen)
Mehr zum Thema

Nachrichten leicht Nachrichten in leichter Sprache

Kräfteverhältnisse vor der Wahl Alles Merkel – oder was?

Bundestagswahl 2017 Hip, desinteressiert? Parteien verlieren Wählernachwuchs

Blinde Flecken im Wahlkampf Die unbequemen Themen

Agenturen im Wahlkampf Die Kanzlermacher

Markus Dichmann: Zwei Studenten auf ihrem Weg in den Bundestag - "Campus und Karriere" hier im Deutschlandfunk. Der Beitrag hat die Frage aufgeworfen, an wen sich Politik heute eigentlich wendet, an welche Altersgruppen, an welche Milieus und auch an welchen Bildungsstand. Genau diese Frage hat auch eine Untersuchung von Studierenden der Universität Köln behandelt, und eine der Forscherinnen kann ich jetzt in der Sendung begrüßen, nämlich Franziska Ott. Guten Tag, Frau Ott!

Franziska Ott: Hallo, guten Tag!

Wie wird das sprachliche Niveau ermittelt?

Dichmann: Sie haben untersucht, welchem Bildungsniveau die Wahlprogramme von CDU, SPD, Grünen, Linker und FDP und AfD sprachlich entsprechen. Und zwar anhand verschiedener Bemessungsskalen. Können Sie mal grob erklären, wie das funktioniert?

Ott: Wir haben mittels einer softwaregestützten Inhaltsanalyse zwei Indizes ermittelt, mit denen wir die sprachliche Komplexität der Wahlprogramme erfasst haben. Das war zum einen der Flesch-Index und zum anderen die Wiener Sachtextformel. Wobei der Flesch-Index die durchschnittliche Satzlänge und die durchschnittliche Silbenlänge pro Wort ermittelt, je niedriger der Wert, desto anspruchsvoller der Text. Das heißt, dass ein Wert über 80 sehr anspruchslos wäre, etwa ein Werbetextniveau, und ein Wert unter 35 sehr schwierig, wie zum Beispiel eine Doktorarbeit. Die Wiener Sachtextformel ermittelt noch dazu den Anteil ein- und mehrsilbiger Wörter und Fremdwörter.

Dichmann: Also zwei Skalen, mit denen sozusagen die Komplexität von Sprache gemessen werden kann. Und zu welchem Ergebnis sind Sie dann gekommen, welche Partei ist zum Beispiel die, die die komplexeste Sprache verwendet?

Ott: Die komplexeste Sprache verwendet die Linke tatsächlich mit einem Flesch-Index von 33,6 und einer Wiener Sachtextformel von 14.

Dichmann: Und welche verwenden die unkomplizierteste Sprache?

Ott: Da haben wir mit unserer Analyse die AfD ermittelt, die einen Flesch-Index von 41,2 und eine Wiener Sachtextformel von 10 hat.

Dichmann: Okay, das heißt also, die komplexeste Sprache bei der Linken, die unterkomplexeste bei der AfD. Heißt auch, dass die beiden Parteien, die man gemeinhin so als große Volksparteien bezeichnet, also CDU und SPD, dass die, was das sprachliche Niveau angeht, also auch so in der Mitte der Bevölkerungsschicht liegen?

Ott: Ja, die CDU und die SPD erreichen tatsächlich laut unserer Analyse beide Mittelwerte. Das passt zur ausgewogenen Wählerschaft genau wie zu dem Anspruch, die breite Masse zu erreichen.

Hohes sprachliches Niveau bei den Linken

Dichmann: Dann in einem zweiten Schritt, Frau Ott, haben Sie untersucht, ob das adressierte Bildungsniveau, das Niveau der verwendeten Sprache, auch mit dem tatsächlichen Bildungsniveau der Wähler übereinstimmt. Das würde ja dann zum Beispiel bedeuten, dass die Linke auch die formal gebildetste Wählerschaft haben müsste. Stimmt das?

Ott: Da gab es tatsächlich eine große Diskrepanz. Gerade bei der Linken, da sie tatsächlich bei der Wählerschaft ein eher niedriges Bildungsniveau aufweist. Das heißt, es wählen tatsächlich viele Arbeiter, Arbeitslose und sozial Schwächere die Linke, obwohl das Wahlprogramm eben sprachlich am komplexesten ist.

Dichmann: Die AfD hatten Sie erwähnt als Partei, die ein sehr einfaches sprachliches Niveau in ihrem Wahlprogramm verwendet hat. Passt das zur Wählerschaft?

Ott: Das passt tatsächlich besser, obwohl nicht nur die untere Bildungsschicht AfD wählt, sondern die AfD auch noch die mittlere Bildungsschicht mitanspricht, in ihrer Wählerschaft zumindest.

Dichmann: Bisher haben wir zum Beispiel aber noch nicht über FDP und Grüne gesprochen. Gibt es für die beiden Parteien Auffälligkeiten in den Untersuchungsergebnissen?

Ott: Bei den Grünen ist es tatsächlich so, dass das Wahlprogramm sehr einfach zu verstehen ist, also, die Komplexität ist nicht sehr hoch. Allerdings ist die Wählerschaft in der Regel sehr gebildet, das heißt, auch da gibt es eine Diskrepanz.

Warum machen die Grünen auf "unterkomplex"?

Dichmann: Könnte man denn zugespitzt formulieren, dass dort vielleicht sprachlich die Wählerschaft für ein bisschen dümmer verkauft wird, als sie ist?

Ott: Ja, das ist vielleicht etwas hart formuliert, vielleicht möchten die Grünen auch einfach ... Also, wir haben uns da gedacht, dass die Grünen vielleicht gerne ihre Wählerschaft erweitern würde, ihre Zielgruppe etwas erweitern würde. Und bei der FDP war das so, dass die Wählerschaft mit der Analyse übereinstimmt. Die FDP hat ein relativ anspruchsvolles Wahlprogramm und auch die Wählerschaft ist relativ hoch gebildet.

Dichmann: Studierende der Universität Köln haben das sprachliche Niveau der Wahlprogramme von sechs großen zur Bundestagswahl antretenden Parteien untersucht und mit der tatsächlichen Wählerschaft abgeglichen. Eine der Forscherinnen war Franziska Ott, gerade bei uns in "Campus und Karriere". Danke, Frau Ott!

Ott: Dankeschön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk