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StartseiteInterview"Es gibt offenbar keine Regeln mehr"02.08.2014

Sprachentwicklung"Es gibt offenbar keine Regeln mehr"

Höhner-Frontmann und Buchautor Henning Krautmacher kritisiert die Sprache und die Schreibweisen in E-Mails, Facebook und SMS. Mal würde nur groß-, mal nur kleingeschrieben. Zudem würden Abkürzungen das Verstehen erschweren. Bei dieser Art der Kommunikation würde die Sprache doch sehr leiden, sagte er im DLF.

Hennig Krautmacher im Gespräch mit Jürgen Liminski

Das Bild zeigt den Sänger Henning Krautmacher mit dem Moderator Jürgen Liminski kurz nach einem Interview. (Deutschlandradio / Marco Bertolaso)
Henning Krautmacher, Musiker bei den Höhnern (rechts), engagiert sich unter anderem bei der Stiftung Lesen. (Deutschlandradio / Marco Bertolaso)
Weiterführende Informationen

Informationstechnologie - 30 Jahre E-Mail in Deutschland (Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 31.07.2014)

Die Sprache und Schreibweise verändere sich. Krautmacher vermutete, dass das auch von einer Menge Bequemlichkeit herrühre. Er kenne Leute, die eine SMS schreiben und dabei nicht auf die Groß- und Kleinschreibung achten würden.

Lesen fördere nicht nur Bildung, sondern auch Kreativität, ist  Krautmacher überzeugt. Ein gebildeter Mensch könne sich dadurch besser informieren und gehe im sozialen Gefüge mit Menschen ganz anders um. "Damit ist Bildung - und insbesondere Lesen und Schreiben können - in der Tat ein gutes Hilfsmittel gegen Gewalt." 

Der Musiker ist als Botschafter der Stiftung Lesen in Deutschland unterwegs und liest unter anderem in dieser Funktion in Kindergärten vor.


Das Interview in voller Länge:

Jürgen Liminiski: Das neue Wir-Gefühl im Weltmeisterland Deutschland ist nicht nur dem Bundestrainer Joachim Löw und der deutschen Nationalmannschaft geschuldet, beigetragen haben dazu auch die Höhner, "Steh auf, mach laut!", das neue Lied der Kölner Musikgruppe, jeder kennt es. Frontmann Henning Krautmacher ist auch sonst gerne laut, wenn es um gute Bildung und gepflegte Sprache geht. Der gelernte Heilpädagoge setzt sich seit Jahren lautstark für das Lesen ein, und darüber wollen wir jetzt mit ihm reden. Guten Morgen, Herr Krautmacher!

Henning Krautmacher: Guten Morgen! Ja, "Steh auf!" war das Stichwort. Steh früh auf, hätte man vielleicht heute noch dazusetzen müssen. Es ist Urlaubszeit, und da steht man ja eigentlich nicht so ganz so früh auf. Heute ist es mir eine große Freude und Ehre, hier dabei sein zu dürfen und auch über "Steh auf!" zu reden.

Liminiski: Herr Krautmacher, Sie scheinen dem Land Glück zu bringen. Immer, wenn Sie mit dem Lied der WM unterwegs waren, ist Deutschland Weltmeister geworden, egal ob mit der Hand oder dem Fuß.

Krautmacher: In der Tat, ja, wir scheinen irgendwie ballaffin zu sein und Glück zu bringen. Den Handballern haben wir 2007 die Weltmeisterschaft beschert, oder seien wir mal so bescheiden, wir durften dabei sein, und in diesem Jahr, 2014, noch einmal – ein tolles Gefühl.

Krautmacher sorgt sich um die Sprachentwicklung

Liminiski: Es dauert nicht mehr lang, dann hört man auch in Köln wieder "E Leeve lang", ein Leben lang singen, ein Lied der Höhner, das im Kölner Fußballstadion gerne angestimmt wird. Es artikuliert auch das Gefühl von Verbundenheit, Geborgenheit, Verbindlichkeiten - Eigenschaften und Werte, die sich in zahlreichen Liedern Ihrer Band wiederfinden. Diese Werte stehen bei der Twitter- und WhatsApp-Empörungsgemeinde nicht ganz oben. Ist in den Blogs und sozialen Netzwerken Oberflächlichkeit angesagt, hat das auch mit der Sprache zu tun?

Krautmacher: Ja, es hat jedenfalls mit der Entwicklung der Sprache zu tun, so denke ich. Aber allein die Tatsache, dass wir auch heute drüber sprechen und der Kölner schon bald über das neue Karnevalsmotto mit dem Thema konfrontiert wird, nämlich "social jeck". Die Narren besinnen sich auch auf diese Vernetztheit, die natürlich geboten wird durch das Internet, durch die Möglichkeiten, SMSe zu schreiben oder im E-Mail-Verkehr oder in Facebook, in Blogs sich zu unterhalten. Das Problem dabei ist halt nur – und das beklage auch ich so ein bisschen –, dass die Sprache doch sehr, sehr leidet. Es gibt offenbar keine Regeln mehr. Erst vor wenigen Tagen gab's auf der Kinderseite einer großen Kölner Tageszeitung die Titelzeile "Regeln helfen uns zu verstehen". Vor mehr als 100 Jahren, ich glaub, 1880 war es, Konrad Duden, der diese Regeln ein für alle Male für ganz Deutschland hat gültig gemacht, und inzwischen hat man das Gefühl, es geht wieder den Bach runter. Und das ist schade.

Veränderung unserer Sprache und unserer Schreibweise

Liminiski: Das hat vielleicht auch mit den Gefühlen zu tun. Haben sich in den letzten Jahrzehnten die, ich sag mal, die Orte der Gefühlskultur verlagert? Früher war es die Familie, der Freundeskreis, der Ort, wo man Gefühle offen darlegte und ausdrückte, heute scheint es das Internet zu sein oder die Fanmeile.

Krautmacher: Gefühle hat's ja schon immer gegeben, und ich denke, die Generationen unterscheiden sich da auch so ein bisschen. Das Ganze entwickelt sich möglicherweise in einer Wellenform, mal rauf, mal runter, aber Gefühle wird's immer geben und über Gefühle wird immer geredet und insbesondere auch gesungen werden – ich weiß, von was ich spreche. Das hat aber, glaube ich, nicht unbedingt was mit der Veränderung unserer Sprache und unserer Schreibweise zu tun. Ich glaube, da ist eine ganze Menge Bequemlichkeit angesagt. Ich kenne eine ganze Reihe von Leuten, wenn die eine SMS schicken, dann gibt's keine Groß- und Kleinschreibung mehr, da wird entweder alles großgeschrieben, weil es so einfach ist, diese Shifttaste gedrückt zu halten, oder es wird alles klein geschrieben. Es gibt diese Abkürzungen - eine gute Freundin von uns neigt dazu, inzwischen ihre eigene Form von Abkürzungen auch zu kreieren, und das ist mitunter ganz schön schwierig, eine SMS oder überhaupt eine Nachricht, die über das große, weite Netz ankommt, von ihr zu verstehen.

Liminiski: Sie haben eben gerade die Musik erwähnt, das ist in der Tat nicht Ihre einzige Leidenschaft, Sie haben auch ein Kinderbuch geschrieben. Wie kam es denn dazu?

Krautmacher: Ganz einfache Geschichte, hat auch wieder mit der Musik zu tun. Ich freue mich jedes Jahr wie Bolle drauf, mit der Jungen Sinfonie Köln zusammenzuarbeiten, ein großes sinfonisches Orchester, mit dem wir auch "Höhner-Classic" machen. Und irgendwann, vor vielen, vielen Jahren, hat man mich gefragt, ob ich denn mal den Klassiker "Peter und der Wolf" sprechen wolle, das Orchester spielt die Musik - und ich fühlte mich geehrt, in so einer Liste wie ... Peter René Körner halt, Willy Millowitsch und ganz andere namhafte Menschen durften den Sprecher schon mimen, und ich dann auch. Dabei ist es aber nicht geblieben, ich hab danach noch einige musikalische Märchen gesprochen, "Karneval der Tiere", "Peer Gynt", und irgendwann hat mich dann der Ehrgeiz gepackt, und gemeinsam mit dem Orchesterleiter Günter Hässy haben wir dann ein musikalisches Märchen geschrieben, und ich hab den Text dazu verfasst, die Geschichte von Barthel, dem Bär, eine Geschichte über Makrokosmos und Mikrokosmos, vertont von der Jungen Sinfonie, von Günter Hässy.

"Ich finde es ganz wichtig, dass es Muttersprachen gibt"

Liminiski: Nun ist Sprache sozusagen das Antlitz des Geistes, so nennt es Schopenhauer, gilt das auch – ich höre bei Ihnen ein bisschen den Kölner Dialekt – gilt das auch für den Dialekt? Wie lesen Sie Ihren Kindern vor, in Kölsch!

Krautmacher: Das passiert mitunter auch, weil es gibt ja eine ganze Reihe von Büchern, die Köln-Krimis, die ich allerdings nicht meinen Kindern vorlese, oder eins meiner Lieblingsbücher von Alfred Hasemeier, der in den 50er-Jahren als Polizist in Köln tätig war und so ein paar spektakuläre autobiografische Geschichten aufgeschrieben hat, und da wird mitunter auch Kölsch gesprochen in der wörtlichen Rede. Und da freue ich mich dann auch immer sehr, wenn ich dann meine Muttersprache anwenden kann. Und Muttersprache ist das Stichwort: Ich finde es ganz wichtig, dass es Muttersprachen gibt, selbst wenn ich jetzt gerade im Moment bemüht bin, Hochdeutsch zu sprechen. Die Menschen, die uns jetzt in Süddeutschland zuhören oder im Norden oder im Osten, werden merken, da ist ein Rheinländer im Spiel. Und das ist gut so, dass man das erkennt. Es ist in der Tat das Antlitz des Menschen in der akustischen Form. Ist doch schön, wenn man jemanden an der Sprache schon erkennt.

"7,5 Millionen sogenannte funktionale Analphabeten in Deutschland"

Liminiski: Sie setzen sich für die Stiftung Lesen ein, eine Stiftung Singen läge vielleicht näher – warum lesen oder warum nicht im Internet lesen?

Krautmacher: Auch hier war wieder der Zufall Auslöser für diese inzwischen sehr intensive Zusammenarbeit. Ich bin in der Tat inzwischen als Lesebotschafter unterwegs für die Stiftung Lesen. Angesprochen wurde ich damals von einer Mitarbeiterin, ob ich nicht ab und zu, wenn wir auf Tour sind, in dem ein oder anderen Kindergarten, in der Vorschule etwas vorlesen möchte, einfach um als gutes Beispiel dazustehen. Es gibt nämlich ein Problem in Deutschland, und das Problem ist: 7,5 Millionen sogenannte funktionale Analphabeten – eine unglaubliche Zahl, wie ich meine. Und wenn man dann hört, dass es auch daran liegt, dass Eltern ihren Kindern in Kleinstkindertagen zu Hause nichts mehr vorlesen, und zwar fast die Hälfte der Eltern in Deutschland, 47 Prozent, dann ist das für mich völlig alarmierend. Und da war es selbstverständlich, dass ich gesagt hab, ich geh mit gutem Beispiel voran. Und so mach ich's auch heute noch, ab und zu findet man mich irgendwo in einem Kindergarten – und da muss ich immer um die Gunst der Kinder kämpfen, weil man muss ja erst mal die Zuneigung gewinnen. Aber wenn man sie mal gewonnen hat, dann gehen diese Kinder nach Hause und sagen nicht, da war dieser berühmte Typ da von den Höhnern, die kenne mich überhaupt nicht, die gehen nach Hause und sagen, da war so ein Mann, vielleicht sagen sie auch so'n Onkel, der hat uns was vorgelesen, Mama, Papa, kannst du das auch mal machen. Wenn das passiert, dann ist das ein großartiger Erfolg.

Liminiski: Lesen als Vorbildfunktion, vielleicht aber auch, um die Fantasie anzuregen, um eine eigene Welt zu schaffen, und nicht nur eben die Welt, die einem geboten wird?

Krautmacher: Das ist, glaube ich, das Allerwichtigste, was man damit erreichen kann, dass nicht vorgefertigte Ergebnisse, vorgefertigte Lösungen nur gelernt werden von Kindern. Es gibt ja inzwischen auch Bemühungen - nicht nur in Deutschland, sondern weltweit - oder Gedanken darüber, ob unser Bildungssystem, so wie es im Moment funktioniert, richtig und in Ordnung ist, dass also unsere Kinder, unsere Schülerinnen und Schüler einfach nur was auswendig lernen müssen. Wenn sie mal lesen können und ihre eigenen Fantasien einsetzen können, Dinge zu kreieren und ihren eigenen Vorlieben folgen, das, was sie wirklich gerne lernen würden, dann - so zumindest die Theorie - würden wir in unserem Bildungssystem viel, viel schneller vorankommen.

Liminiski: Ist das nur eine Frage des Bildungssystems, vielleicht aber auch der Elternkompetenz?

Krautmacher: Es ist immer auch die Elternkompetenz, die eine wichtige Rolle spielt. Im Moment glaube ich erst mal, übersteigt es die Fantasie von vielen Menschen. Die meisten werden sagen, wat wollen die, ist doch alles in Ordnung, wir müssen uns alle an diese Regeln halten, wir müssen nach dem vorgegebenen Schema etwas erlernen. Es ist ja auch erst mal recht schwierig nachzuvollziehen, wenn jemand sagt, dass es falsch ist, wenn man etwas Vorgegebenes nur, ja, auswendig lernt. Besser ist ja, wenn man es sich selber erarbeitet, wenn man es, ja, versteht.

Liminiski: Geht's hier auch um Kreativität? Das brauchen wir.

Krautmacher: Unbedingt, unbedingt, darum geht es. Kreativität, Fantasie, das hängt ja unmittelbar zusammen, und die wird eben nicht gefördert, wenn man nur stupides Wissen vorgibt und sagt, hier, da steht's, das ist verbrieft, in Stein gemeißelt, lern es auswendig, und das musst du immer abrufbereit haben. Das stimmt ja auch nicht. Vieles Gelernte, was wir im Laufe unserer Schulzeit erlernt haben, hat uns sicherlich nicht geschadet, aber rufen wir doch überhaupt nicht mehr ab.

Liminiski: Und das könnte durch Lesen von Büchern - darum geht's ja auch - durch Lesen von Büchern gefördert werden, glauben Sie?

Krautmacher: Ja, ich glaube, dass die Bücher, die man liest, ja immer der persönlichen Auswahl unterliegen, und dass man nur das zur Hand nimmt, was einen auch wirklich interessiert. Und alles, was einen persönlich zutiefst interessiert, wird einem auch viel leichter von der Hand gehen, es wird viel leichter erlernbar sein. Und in dem Moment wird man automatisch kreativ oder kreativer und entwickelt möglicherweise ganz neue Theorien und Fertigkeiten, Kenntnisse, die den Einzelnen doch weit nach vorne bringen.

"Ein gutes Hilfsmittel gegen Gewalt"

Liminiski: Wer kreativ ist, braucht keine Gewalt, um sich auszudrücken, emotionale Bindung schaffen durch Lesen und Vorlesen in der Familie. Ist denn Lesen und Vorlesen eine Form auch der Gewaltprävention? Sie setzen sich ja auch gegen Gewalt und Rassismus ein.

Krautmacher: "Arsch huh, Zäng ussenander", so ist der große Oberbegriff, wenngleich das Ganze ein bisschen hart klingt, aber damit prägt es sich auch gut ein. Und in der Tat, jetzt in den letzten Monaten und Jahren wurde das Thema Bildung immer stärker in der Diskussion, weil wir allesamt davon ausgehen, dass ein gebildeter Mensch, einfach durch die Tatsache, dass er sich besser informieren kann, ganz anders im sozialen Gefüge mit seinen Mitmenschen umgeht. Und damit ist Bildung und insbesondere lesen und schreiben können in der Tat ein gutes Hilfsmittel gegen Gewalt.

Liminiski: Lesen als Mittel gegen die Sprachverrohung und Sprachverkümmerung, auch gegen Gewalt. Das war Henning Krautmacher, Frontmann der Musikgruppe Die Höhner, der sich für das Lesen und Vorlesen und für eine gepflegte Sprache stark macht. Besten Dank fürs Gespräch, Herr Krautmacher!

Krautmacher: Ich danke auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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