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StartseiteBüchermarktSprachlos07.09.2009

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John Griesemer: Herzschlag. Arche Verlag

In seinem Roman "Herzschlag" wählt Schriftsteller John Griesemer die New Yorker Theaterszene als Handlungmilieu. Der Autor will zeigen, dass Schauspieler oft nicht das Klischee des halb verrückten Egomanen erfüllen, dass ihnen anhaftet.

Von Johannes Kaiser

Der Broadway: In "Herzschlag" beleuchtet Autor John Griesemer die New Yorker Theaterszene.  (AP Archiv)
Der Broadway: In "Herzschlag" beleuchtet Autor John Griesemer die New Yorker Theaterszene. (AP Archiv)

"Mein Gott, was für ein Desaster"

Der amerikanische Schriftsteller John Griesemer über seinen Schauspielerroman"Herzschlag"

Der Autor hat jahrelang selbst auf der Bühne von Off-Theatern am Broadway gestanden, ist ausgebildeter Schauspieler. Die Erfahrung, ständig vorsprechen zu müssen und nur selten eine Rolle zu bekommen, hat ihm geholfen, auch mit den Ablehnungen seiner Manuskripte fertig zu werden und nie aufzugeben. Das zahlte sich aus, seine Geschichten wurden peu á peu veröffentlicht. Und auch sein Debütroman 'Niemand denkt an Grönland' konnte, wenn auch nach Ewigkeiten, schließlich erscheinen. In der Zwischenzeit hatte er bereits seinen zweiten Roman 'Rausch' beendet. Während der Erstling kaum Beachtung fand, wurde der zweite zu einem internationalen Erfolg, der es ihm ermöglichte, die Schauspielerei aufzugeben und fortan nur noch vom Schreiben zu leben.

Auf den Geschmack des Schreibens war John Griesemer bei der US-Army gekommen, als er Anfang der 70er-Jahre mit ein bisschen Flunkerei Journalist einer Batallionszeitschrift während seines Deutschlandeinsatzes wurde. In die Staaten zurückgekehrt, wurde er erst Journalist, bevor er dann zur Schauspielerei wechselte. Doch das Schreiben hatte ihm so viel Spaß gemacht und zwischen den Engagements gab es so viel freie Zeit, dass er sich fortan nebenher Geschichten nur für sich allein ausdachte, ein Privatvergnügen im stillen Kämmerlein, eigentlich nie zur Veröffentlichung gedacht. Dabei half ihm die Schauspielkunst.

""Wenn wir an einem neuen Stück arbeiteten, dann war es meine Aufgabe als Schauspieler, herauszufinden, was hat meine Figur vor und wie will sie es erreichen, wie passt das zum Rest der Stücks. Als Schauspieler wird einem ständig gesagt, dass man sich vor allem um die Schwierigkeiten kümmern muss, die die Figur zu überwinden hat, um das zu bekommen, was sie will. Das war für mich wie eine Enthüllung. Ich begann, Einiges von dem, was ich als Schauspieler gelernt hatte, auf mein Schreiben zu übertragen: Was will diese Figur, welche Schwierigkeiten werden sich ihr in den Weg stellen. Und damit kontrollierte ich das Drama, denn es ist stets viel interessanter, wenn es Hindernisse zu überwinden gilt, große wie kleine."

Die Lektionen im Schauspielunterricht und auf der Bühne hat John Griesemer in seinen Romanen beherzigt. Überhaupt ist die Schauspielkunst stets anwesend, auch wenn in den beiden ersten Büchern die New Yorker Theaterszene nur eine kleine Nebenrolle spielt. Diesmal jedoch hat sie der Autor in den Mittelpunkt seines neuen Romans "Herzschlag" gestellt. In der Hauptrolle erleben wir den Schauspieler Noah Pingree, den auf der Bühne während seiner neusten Produktion ein Schlaganfall trifft. Er wird ins Krankenhaus eingeliefert, überlebt zwar, muss sich aber fortan damit auseinandersetzen, dass ihm Beweglichkeit und Sprache abhanden gekommen sind. Er ist halbseitig gelähmt - für einen Schauspieler eine dramatische Behinderung.

"Natürlich schuf das für diesen Mann ein Riesenproblem, aber ich sah das auch als wertvolle Krise, denn sie bringt ihn dazu, noch mal auf sein ganzes Leben zurückzuschauen, weil er es fast verloren hat. Es führt ihn zurück bis in seine Kindheit, wie er aufgewachsen ist und sich in einer sehr berühmten Schauspielschule im New York der 50er-Jahre herumtrieb. Das war das goldene Zeitalter des Theaters. Nach dem Krieg gab es am Broadway jede Nacht mehr als 50 Vorstellungen und große Dramatiker des amerikanischen Theaters wie Arthur Miller, Tennessee Williams schrieben Stücke, die auf die Bühne kamen. Leute wie Marlon Brando fingen damals an und wir konnten sie auf der Bühne erleben. Ich fand das faszinierend. Das war eine großartige Zeit."

John Griesemer erweckt sie in seinem Roman erneut zum Leben, denn der junge Noah ist mitten drin in der Off-Broadway Theaterszene. Dass er später selbst auf die Bühne steigt, ist dem Zufall zu verdanken, dass seine Mutter, allein erziehend, einen Job als Sekretärin an einer angesehenen Broadway-Schauspielschule gefunden hat. Die wird von der prominenten Schauspiellehrerin Dorothea geleitet. Der Junge, auf der Schule ein kompletter Versager, lernt beim heimlichen Zuschauen so viel, dass Dorothea ihn eines Tages selbst auf die Bühne holt. Noah erinnert sich noch gut an all die erwachsenen Schauspieler, denen er damals begegnete. Für John Griesemer eine gute Gelegenheit, um zu zeigen, wie die Welt der Schauspieler in der Realität aussieht:

"Die Figuren in Büchern oder Filmen über das Theater sind oftmals egomanische Leute, flamboyant, verrückt. Da kann es zum Beispiel um die Geschichte einer Aufführung gehen, die sich als Katastrophe herausstellt und die Personen zerbrechen und fallen übereinander her. Wir lieben das, rutschen an die Stuhlkante und schütteln den Kopf: Mein Gott, was für ein Desaster. Oftmals sind das wunderbare Geschichten, aber sie stellen die Welt des Theaters als Groteske dar. Das gehört ganz bestimmt mit dazu, nur erfährt man wenig darüber, was es bedeutet, ein Schauspieler zu sein und diese Arbeit zu leisten. Mich hat diese Welt fasziniert, sie hat mir viel bedeutet und ich wollte die Leute mit in sie hineinnehmen und die Schauspieler ein bisschen anders zeigen als nur als halbverrückte Egomanen. Die gehören dazu, aber es gibt auch eine Bruder- und Schwesternschaft, die ihr Leben, ihr Herz und ihre Seele dafür geben, Stücke auf die Bühne zu bringen, Menschen, von denen wir vielleicht nie etwas hören, aber hingebungsvolle und echte Künstler."

John Griesemer ist erfahren genug, um zu wissen, dass der Schauspieleralltag allein nicht spannend genug für einen Roman ist. So lässt er seinen Protagonisten, den jungen Noah, Zeuge eines Dramas werden. Dessen Tante Stephanie, alkoholabhängig, ist an der Schauspielschule engagiert. Sie hat eine Affäre mit ihrem Kollegen Ike. Beide sind begnadete Akteure auf der Bühne. Niemand kann ihnen das Wasser reichen. Doch Ike hat an einer langfristigen Beziehung kein Interesse. Als er ein Angebot bekommt, in einer Fernsehserie mitzuspielen, verschwindet er nach Hollywood.

"Als Kind habe ich Steve McQueen immer verehrt. Er war für mich der coolste Schauspieler überhaupt. Auch wenn er kein so besonders guter Schauspieler war, so hatte er ganz bestimmt ein besonderes Charisma. Einige der Dinge, die Ike unternimmt, basieren denn auch auf Geschichten, die ich über Steve McQueen gelesen habe. Er hatte einen guten Start, aber er wurde eines dieser egomanischen Hollywood Monster. Jenseits der Leinwand war es sicherlich verdammt schwer, mit ihm klarzukommen. Also sagte ich mir, packt das doch auch mit ins Buch. Mich interessiert diese Art von Charisma und was es aus einem macht, wenn man es hat. Das gehört mit zum Theater und wir gehen ins Kino, um solche Menschen zu sehen. Sie lösen etwas in uns aus, aber sie zahlen auch dafür, dass sie so sind."

Die Vergangenheit ist für Noah auf dem Krankenbett wieder sehr präsent. Damals erlebte der Junge mit, wie Ike einfach verschwand und eine bitter enttäuschte Stephanie zurückließ, die von ihm schwanger war. Wie sich später herausstellt, hat sie ein behindertes Kind zur Welt gebracht, es allerdings gleich weggegeben. Stephanie fällt aus der Welt, wird sogar heroinabhängig und landet schließlich in der Gosse.

"Einige haben mich gefragt, wie autobiografisch das ist und ich muss gestehen, dass manches tatsächlich auf autobiografischen Informationen beruht. Meine Mutter hatte eine Schwester, die als Musikerin ein Naturtalent war, aber sie hatte ein trauriges, enttäuschendes Leben, führte keine glückliche Ehe, trank sich letztlich zu Tode. Sie war stets ein sehr mit Problemen belasteter Mensch. All dieses enorme Talent, das meine Tante als Musikerin hatte, habe ich dieser Schauspielerin gegeben, die ihr eigenes Leben nicht in den Griff bekommt und nur mit Mühe ihre Kunst. Das Chaos in ihrem Leben beginnt alles zu überrollen, auch ihre Kunst."

Während Noahs Rekonvaleszenz meldet sich Stephanies behinderter Sohn. Er möchte seinen Vater finden und Noah soll ihm dabei helfen. Sie spüren ihn auch auf – eine der dramatischen Szene des Buches.

Doch nicht nur der 'Ich' Erzähler erfährt mit dem Schlaganfall eine persönliche Katastrophe, auch die Stadt, in der er lebt. New York wird vom Terroranschlag des 11. September 2001 auf die beiden Twin-Towers des World Trade Centers erschüttert. Die Parallele, die John Griesemer aufbaut, ist unübersehbar.

""Als ich am Roman arbeitete, war mir der 11. September noch sehr frisch im Gedächtnis. Ich war zufällig am 11. in New York. Damit änderte sich alles, wir lebten jahrelang im Schatten oder vielmehr in der Abwesenheit dieser Gebäude. Das gehörte also mit dazu. So viele Menschen, die ich in New York kenne, Schauspieler, Menschen, die dort leben, mussten sich damit auseinandersetzen und viele hatten Angst davor, was als nächstes geschehen könnte. Natürlich hat sich das auf die Arbeit an meinem Buch ausgewirkt. Es sollte zu Noahs Leben mit dazugehören und ja, man kann die Metapher nicht leugnen: der Angriff auf sein Gehirn und die Attacke auf die Stadt - das ist eine Parallele, gewiss. Ich habe damit auch ein wenig gespielt. Wenn Noah die Leute von der Attacke reden hört und wie sich das Leben verändert hat und wie elend sich jeder fühlt, bezieht er das als egozentrischer Schauspieler auf sich: Oh, die reden über mich. Das halte ich für typisch für Schauspieler. Alles, worüber die Leute auch reden, beziehen sie auf sich."

Krankheit wie Terroranschlag sind beides Ereignisse, die man lernen muss zu bewältigen. So wie Noah versucht, wieder auf die Beine zu kommen, sich seiner selbst zu vergewissern, mühsam wieder sprechen und gehen lernt, so hat auch New York lernen müssen, mit dem Schock fertig zu werden. Es gibt eine Postkarte aus dieser Zeit, von der Stadtverwaltung verteilt, auf der steht zu lesen: "even heroes need to talk" mit einer Telefonnummer zur psychologischen Beratung. Der Roman ist solch ein Versuch, mit einem Ereignis klar zu kommen, dass die USA sprich Noah im Selbstverständnis erschüttert und aus der Bahn geworfen hat.
Familienkrisen und Schauspielerdramen, Vergangenheitsbewältigung und Zukunftssicherung nach Schicksalsschlägen – all dies steckt in dem Roman. Er hat ein paar Längen, wenn er sich zu sehr in das Schauspielermilieu mit all seinen Marotten und Eifersüchteleien begibt. Typisch amerikanisch ist die Haltung seines Helden, der nie aufgibt, gegen sein Schicksal ankämpft und schließlich auch am Ende des Buches im wahrsten Sinne des Wortes wieder auf die Beine kommt, das heißt wieder auf der Bühne steht. Ein faszinierender Einblick in die Welt des Theaters.

John Griesemer: Herzschlag, aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens Arche Verlag, Zürich 2009, 432 Seiten, 25 Euro

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