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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturStar-Ökonom plädiert für ein Ende der Sparpolitik14.05.2012

Star-Ökonom plädiert für ein Ende der Sparpolitik

Paul Krugman: "Vergesst die Krise! Warum wir jetzt Geld ausgeben müssen", Campus Verlag

Der Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugmann ist vor allem durch seine harte Kritik an der Wirtschaftspolitik George W. Bushs bekannt geworden. In seinem neuen Buch fordert der streitbare Wissenschaftler von den Regierungen, die Sparprogramme zu entsorgen - und endlich wieder Geld auszugeben.

Von Jörg Münchenberg

Der US-Ökonom Paul Krugman
Der US-Ökonom Paul Krugman

Das Timing für das neue Buch von Paul Krugman könnte kaum besser sein. Europa ächzt weiter unter der Schuldenkrise. Immer lauter wird deshalb der bisherige Sparkurs in Frage gestellt. Die klammen Eurostaaten brauchen auch eine Wachstumsperspektive, so die Stimmen nicht nur aus Paris, Athen, Madrid und Rom. Selbst der früher so strenge Internationale Währungsfonds fordert inzwischen zusätzliche Wachstumsimpulse. Gleichzeitig kommt die US-Wirtschaft nicht in Schwung, bleibt die Arbeitslosigkeit mit zuletzt 8,3 Prozent aus amerikanischer Sicht viel zu hoch. Obwohl die Finanzkrise dort schon wieder mehrere Jahre zurückliegt. Das aber könne die Politik nicht länger akzeptieren, betont Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman, der sein neues Buch "Vergesst die Krise!" ausdrücklich als konkrete Handlungsanweisung verstanden wissen will. Es geht darum, Druck für einen überfälligen politischen Kurswechsel auszuüben – so Krugman auch vor einigen Tagen in einem Interview mit dem us-amerikanischen National Public Radio:

"Es ist derzeit qualitativ wie zu Zeiten der Großen Depression. Die Zeit, die wir die Große Depression nennen, beinhaltete zwei Rezessionen und zwei wirtschaftliche Aufschwünge. Aber die Arbeitslosigkeit war insgesamt hoch und die US-Wirtschaft blieb weit unter ihren Produktionskapazitäten. Und es gab viel menschliches Leid, auch als es der Wirtschaft wieder besser ging. Das beschreibt ganz gut den aktuellen Zustand der Wirtschaft. Es ist nicht so schlimm wie in den 1930er-Jahren. Aber wir haben eine nachhaltige Periode mit einer extrem schlechten Wirtschaftslage. Aber das muss nicht sein. Wir dürfen das nicht einfach akzeptieren."

In seinem Buch stellt der streitbare Wirtschaftsnobelpreisträger den bisherigen Bemühungen der US-Politik ein miserables Zeugnis aus, von den rüden Attacken auf die forschenden Kollegen ganz zu schweigen. Und wer sich gegen den von Krugman verehrten britischen Ökonomen John Maynard Keynes und dessen Theorien von der starken Rolle des Staates in wirtschaftlichen Krisenzeiten stellt, der muss sich auf beißende Kritik und hämische Polemik einstellen. Von "akademischen Sturmtruppen der Republikaner" ist da beispielsweise die Rede und als Leser fragt man sich wiederholt, welche alten Rechnungen da noch beglichen werden müssen. Oder ob Krugman, der zuweilen ziemlich oberlehrerhaft daherkommt, am Ende schlicht nicht bereit ist, andere akademische Empfehlungen als die eigenen zu akzeptieren.

Aber auch US-Notenbank-Chef Ben Bernanke muss sich harsche Kritik gefallen lassen. Obwohl er das gemacht hat, was Krugman fordert: die Märkte mit Liquidität zu überschwemmen. Kaum besser ergeht es US-Präsident Barack Obama. Zwar hatten die Demokraten mit dem sogenannten American Recovery and Reinvestment ACT 2010 ein 787 Milliarden Dollar schweres Konjunkturpaket auf den Weg gebracht. Doch Krugmans Urteil fällt vernichtend aus: zu zögerlich und natürlich viel zu wenig:

"Wir hatten einen epischen Finanzschock. Und dieser Schock war deutlich größer als der in den 1930er-Jahren. Und wir haben darauf mit einer ziemlich moderaten Politik geantwortet, die für diesen Schock bei weitem nicht ausgereicht hat. Und erschwerend kommt dazu: als die Maßnahmen dann ausgelaufen waren, gab es auch keinerlei steuerliche Anreize mehr."

Also müssten es schon Billionen von Dollar sein, die der Staat zur Bewältigung der schweren Krise in die Hand nimmt, fordert Krugman, unbeirrt dem klassischen keynsianischen Denkansatz verpflichtet. Die Sprache des Buches ist dabei eingängig, die Argumentation auch für Laien gut verständlich, selbst wenn Krugman bisweilen auch mal etwas tiefer in die wirtschaftstheoretische Welt eintaucht. Der grundlegende Ansatz: Nachfrage ist letztlich alles. Wenn diese nicht mehr funktioniert und alle sparen, obwohl die Zinsen niedrig sind und ausreichend Liquidität vorhanden ist, dann muss der Staat einspringen – unterstützt von der Notenbank, die sich bei der Inflationsbekämpfung zurückhält. Nur durch staatliche Konjunkturprogramme könnten die notwendigen Jobs geschaffen werden. Sparprogramme dagegen verringerten die Wirtschaftsleistung. Eine Folge: weniger Steuereinnahmen und Mehrausgaben für soziale Hilfsprogramme. Der Defizitabbau in Notzeiten, so der Vordenker der amerikanischen Linken, würde sich also kaum lohnen, dafür aber viel kosten.

"Wenn die Wirtschaft wieder stark genug ist; wenn die Notenbank die Zinsen wieder anheben kann, um hohe Inflationsraten oder eine Überhitzung der Wirtschaft zu verhindern: Dann kann man auch staatliche Defizite abbauen, ohne dass die Arbeitslosigkeit steigt. Zumal die Notenbank die Zinsanhebung auch verschieben kann. Aber da sind wir noch lange nicht. Erst wenn sich die Wirtschaft erholt hat, dann macht der Defizitabbau Sinn, aber nicht zum jetzigen Zeitpunkt."

Empfehlungen, die man gerade in Deutschland nicht gerne hören wird, auch wenn der Druck für eine Kurskorrektur – weg vom harten Spardiktat - gerade auch in Europa zuletzt merklich gewachsen ist. Die Analyse von Krugman weist hier durchaus die Richtung: der bedingungslose Abbau des Haushaltsdefizits, das strikte Zusammenstreichen von staatlichen Ausgaben – das allein wird die schwere Krise nicht lösen. Doch ebenso wenig milliardenschwere Konjunkturprogramme und Zentralbankbillionen, wie es Krugman empfiehlt - getreu dem Motto: was kümmern mich jetzt die gigantischen Schuldenberge von morgen. Zumal die Staatsdefizite sowohl in den USA als auch in Europa schon jetzt schwindelerregende Höhen erreicht haben. Die Forderung der Keynesianer, in guten Zeiten für schlechte vorzubeugen, hat noch fast jede Regierung konsequent ignoriert. Und auch der Rat von Krugman, eine höhere Inflation zuzulassen, um damit indirekt die öffentliche Hand zu entschulden – letztlich auf Kosten der Sparer - dürfte nicht überall auf Beifall stoßen.

Unter dem Strich bietet also das neue Buch nur bedingt Orientierungshilfe. Wirtschaftliche Zusammenhänge, Ursachen und Wirkung werden zwar verständlich und anschaulich erklärt. Ebenso in einem Kapitel die Konstruktionsfehler der gemeinsamen europäischen Währung. Doch die Schlussfolgerungen und Empfehlungen folgen jeweils streng der keynsianischen Tradition. Spätestens hier ist es dann eine Glaubensfrage und damit die Entscheidung der Leser, wem sie eher folgen wollen: Keynes und damit Krugman, die die überragende Rolle des Staates in der Krise hervorheben. Oder aber jenen wie beispielsweise Ludwig Ehrhardt, der es sinngemäß so formuliert hat: Wohlstand kommt nicht vom Staat oder aus der Notenpresse, sondern er muss zunächst einmal erwirtschaftet werden.


Paul Krugman: "Vergesst die Krise! Warum wir jetzt Geld ausgeben müssen."
Campus Verlag, 272 Seiten, 24,99 Euro
ISBN: 978-3-593-39729-0

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