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StartseiteDeutschland heuteEnttäuscht und kampfbereit17.11.2017

Stellenabbau bei Siemens BerlinEnttäuscht und kampfbereit

Pfeifen, trommeln, Wut: Vor der Siemenszentrale protestieren Mitarbeiter gegen den geplanten Stellenabbau. Allein in Berlin sollen 870 Jobs gestrichen werden - weil der Konzern Veränderungen verschlafen hat, sind sich die Siemensianer sicher. Doch nicht nur die Arbeitsplätze sind in Gefahr.

Von Anja Nehls

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Beschäftigte des Siemens-Werks nehmen am 17.11.2017 in Berlin an einer Kundgebung der Gewerkschaft IG Metall gegen die geplante Stellenstreichung des Industriekonzerns teil. (dpa / Gregor Fischer)
Siemens ist der größte industrielle Arbeitgeber in Berlin - entsprechend besorgt sind die Mitarbeiter (dpa / Gregor Fischer)
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Die Mitarbeiter des Dynamowerks von Siemens in Berlin Spandau kämpfen um ihre Arbeitsplätze. Unterstützt von den Siemensianern aus den anderen Berliner Siemens Werken.

"Ich bin der liebe Uwe aus dem Schaltwerk und ich stehe hier, weil wir sind eine Familie, ein Team und wir müssen zusammenhalten."

11.600 Menschen arbeiten in Berlin für Siemens in fünf Werken, wie dem Gasturbinen- oder Messgerätewerk, dem Dynamo- oder Schaltwerk und dem Werk für Bahntechnik.

Siemens: Nachfrage für Gasturbinen gesunken

900 Arbeitsplätze in Berlin sind jetzt in Gefahr, davon 300 im Gasturbinenwerk in Berlin Moabit und 570 im Dynamowerk, wo unter anderem auch Motoren für Kreuzfahrtschiffe und U-Bootantriebe hergestellt werden. Begründet wird der geplante Stellenabbau mit einem Rückgang der Nachfrage vor allem bei den Gasturbinen für Kraftwerke und großen Elektromotoren für die Industrie, sagt Janina Kugel die Personalchefin von Siemens bei einer Veranstaltung der Nürnberger Zeitung.

"Und in diesen Geschäften hochdefizitär sind und vor allem, dadurch, dass die Veränderungen strukturell sind, auch keine nahe Erholung sehen, sondern überhaupt gar nicht und dementsprechend einfach nur darüber nachdenken müssen, wie wollen wir das anpassen."

Und das, wo Siemens noch vor kurzem eine Steigerung des Nettogewinns im vergangenen Geschäftsjahr um über 11 Prozent im Vergleich zum Jahr davor verkündet habe, kritisiert Klaus Abel von der IG Metall. Der Markt sei weiterhin vorhanden, er habe sich lediglich verändert.

"Es bedarf Innovationen, da gibt es viele Vorschläge von den Kolleginnen und Kollegen dazu, was neue Technologien betrifft und ich erwarte vom Unternehmen, gerade wie Siemens, 6,5 Milliarden Gewinn, dass sie in die Zukunft investieren und nicht einfach sagen, da gibt es einen bestimmten Rückgang an Nachfrage auf dem Markt und dann schließe ich eine Fertigung und schmeiße die Leute raus."

Konzernleitung hat Veränderungen verschlafen

Für den Wirtschaftsstandort Berlin wäre das eine Katastrophe, so Abel. Und die Probleme seien hausgemacht, sagen die Mitarbeiter.

"Man hätte im Vorfeld früher reagieren müssen, aber wie immer hat man einige Sachen verschlafen und das ist ein Skandal. Automatisierung kostet Arbeitsplätze, das ist klar, aber es wird ja nicht mal investiert, es wird ja nicht mal der Versuch unternommen, neue Produkte, neue Möglichkeiten hierher zu schaffen - Wir haben schon immer mit Veränderungen gelebt, das ist ganz normal, früher haben wir mit Stabelektrode geschweißt, heute schweißen wir mit Laserstrahl, aber das muss vernünftig gehandhabt werden, in einigen Produkten sind Weltmarktführer."

Siemens ist der größte industrielle Arbeitgeber in der Stadt. Unterstützung bekommen die Mitarbeiter deshalb von der Berliner Landesregierung. Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Popp von den Grünen gegenüber dem RBB:

"Natürlich erwarten wir auch, dass nicht nur einseitig Arbeitsplätze abgebaut werden, sondern auch investiert wird in die Standorte, Zukunftstechnologien, das Thema Digitalisierung ist beispielsweise ein wichtiges Thema, sollte für Siemens auch ein wichtiges Thema sein, um eben auch neue Arbeitsplätze nach Berlin zu holen."

100 Jahre Erfahrung vor dem Verlust

Ganz so einfach geht ein Stellenabbau bei Siemens außerdem nicht, so Klaus Abel von der IG Metall.

"Wir haben ja ein Abkommen, so genannt Radolfzell 2, wonach betriebsbedingte Kündigungen und auch Werksschließungen ausgeschlossen sind. Ich habe keinen Eindruck, dass da wirklich schon ein Plan dahinter steht von Siemens. Also entweder versuchen sie es über Altersteilzeit, Abfindung oder versuchen einfach, das Abkommen zu kündigen und dann wären wir natürlich arbeitskampffähig, das wird jetzt ein langer Prozess der Auseinandersetzung sein."

Die Mitarbeiter heute sind vor allem erst einmal enttäuscht. Das Dynamowerk und die Siemenshauptverwaltung stehen sich genau gegenüber, daneben sind das Schaltwerk und das Messgerätewerk, der Teil von Berlin Spandau heißt Siemensstadt, die Verlängerung der Straße heißt Siemensdamm. Ein Konzern verlässt seinen Stadtteil, befürchten die Mitarbeiter.

"Alles denkmalgeschützt. Hier hängt 100 Jahre Erfahrung in Siemensstadt, Fachwissen, was verloren geht, manche Sachen kann man nicht aufschreiben, die werden überliefert, von Mund zu Mund."

Die Siemensianer wollen für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze kämpfen. Einen Streik schließen sie nicht aus.

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