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StartseiteInterviewStewens hofft auf neuen Anlauf zum Verbot von Killerspielen20.11.2007

Stewens hofft auf neuen Anlauf zum Verbot von Killerspielen

Bayerische Familienministerin will Herstellung und Verbreitung unterbinden lassen

Angesichts der Meldungen über Pläne zu Amokläufen an deutschen Schulen dringt die bayerische Familienministerin Christa Stewens auf ein Verbot sogenannter Killerspiele für Computer. Die CSU-Politikerin verwies auf Erkenntnisse der Medienwirkungsforschung, wonach solche Spiele zur Verrohung von Kindern und Jugendlichen beitrügen.

Moderation: Friedbert Meurer

Christa Stewens. (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Christa Stewens. (Deutschlandradio / Bettina Straub)
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"Wollen wir nicht lernen?"

Friedbert Meurer: Am Telefon in München begrüße ich nun die bayerische Familienministerin Christa Stewens von der CSU. Guten Morgen, Frau Stewens!

Christa Stewens: Guten Morgen!

Meurer: Da es jetzt so viele Meldungen gibt: Wie groß ist die Gefahr, dass es nun die einen oder anderen Nachahmungen geben wird?

Stewens: Also, grundsätzlich ist natürlich die Gefahr, dass wir Nachahmungstäter haben, immer relativ groß, wobei man natürlich gleichzeitig auch, denke ich, den Schulen sagen muss, man darf jetzt nicht in Panik verfallen. Wichtig ist letztendlich, dass man in der Schule ein Klima schafft, das junge Menschen, wenn sie merken, dass ein Mitschüler ganz große Schwierigkeiten hat, ein Außenseiter wird, sozial isoliert wird, dass man dann mit den Lehrern, mit den Vertrauenslehrern redet und schaut, dass man diese jungen Menschen wieder in die Gesellschaft, in die Klassengemeinschaft mit reinnimmt, ihnen Hilfe anbietet durch Schulpsychologen oder Jugendsozialarbeit an Schulen.

Meurer: Noch kurz, bevor wir über Motive reden: Wie soll sich eine Schulleitung verhalten, wenn sie einen Hinweis bekommt?

Stewens: Ich denke, dass es ganz wichtig ist, dass man sich zum einen natürlich an die Jugendämter wendet, dass man sich an die Schulpsychologen wendet, ich weiß nicht, in Bayern haben wir die Jugendsozialarbeit an Schulen. Jugendsozialarbeit an Schulen bearbeitet dann die Probleme mit den Lehrern in der Klasse, aber bearbeitet auch gleichzeitig das gesamte Umfeld des Jugendlichen, das heißt Freunde, Eltern und so weiter, die Freizeit, die der Jugendliche hat, und seine Freizeitspiele sozusagen. Das sind dann sehr wirkungsvolle Methoden. Aber ich denke schon, als erstes wäre es mal wichtig, sich ans Jugendamt und an die Schulleitung zu wenden.

Meurer: Wie erleben Sie denn, Frau Stewens, das Klima an unseren Schulen, dass es zu solchen Ideen und Gedankenwelten in Schülern kommt, die ernsthaft planen, Mitschüler und Lehrer umzubringen?

Stewens: Also, ich denke, wir haben ein grundsätzliches Problem, dass wir natürlich, aber das hat es schon immer gegeben, Außenseiter an der Schule haben, die mit ihren Problemen als solche nicht zurechtkommen, die private Schwierigkeiten haben, Verlusterlebnisse, Niederlagen, und das führt dann sozusagen in Selbstmordgedanken, führt aber dann auch zu dem Gedanken, ein Attentat zu begehen, diejenigen, die einen in seinem Selbstwertgefühl gekränkt haben, die einen missachten, dass man die gerne töten möchte. Wir wissen ja durchaus, dass es einen Zusammenhang gibt - durch die Medienwirkungsforschung - mit der Mediengewalt, die durchaus dazu führt zu einer Desensibilisierung, zu einer Verrohung von Kindern und Jugendlichen. Und besonders gefährdet sind da natürlich Kinder und Jugendliche, die in ihrer eigenen Lebenswirklichkeit Gewalterfahrungen gemacht haben. Und da besteht dann natürlich die Gefahr bei diesen jungen Menschen, dass sie Gewalt als erfolgversprechenden Weg zur Lösung ihrer eigenen Konflikte akzeptieren und das sozusagen in ihr eigenes Verhalten übernehmen.

Meurer: Sie haben ja selbst im Bundesrat eine Initiative eingebracht, Killerspiele zu verbieten. Warum ist das so schwer?

Stewens: Ja, Ursache ist natürlich auch wieder die Medienwirkungsforschung, wir wissen natürlich ganz genau, dass diese Killerspiele zur Verrohung und Desensibilisierung der Kinder und Jugendlichen beitragen. Wir haben bei der Kinderpornografie, da haben wir ja ein Verbot, und wir haben in Bayern eine Internetpolizei, und wir kommen natürlich ganz anders im Bereich der Kinderpornografie an die Hersteller - übrigens auch an das Ausland - heran, wenn wir tatsächlich ein Herstellungs-, Verbreitungsverbot haben.

Ja, Sie fragen, warum ist das so schwer? Weil sich offensichtlich hier in ganz Deutschland die Meinung noch nicht so durchgesetzt hat, dass wir wesentlich erfolgreicher sein werden, wie übrigens auch im Bereich der Kinderpornografie, übrigens dann auch weltweit, wie bei den Killerspielen. Wie gesagt, wir wollen bei diesen ganz schrecklichen Killerspielen, da wollen wir ein Herstellungs-, Verbreitungsverbot, und wir wollen natürlich auch bei den realen Killerspielen ein Verbot im Bereich des Ordnungswidrigkeitenrechtes. Aber ich hoffe, dass wir im Bundesrat und auf deutscher Ebene auch mit der Bundestagsfraktion hier noch sehr intensiv diskutieren können und werden, vielleicht kommen wir doch noch mal zu einem Herstellungs- und Verbreitungsverbot.

Meurer: Es sagen eben viele: Es gibt Millionen Internetspiele, es gibt Millionen Jugendliche, die spielen am PC, an der Playstation, wo auch immer, und es passiert nichts.

Stewens: Das ist richtig. Es ist ja auch durchaus bedrückend, dass ein Großteil der Eltern, 70 Prozent der Väter und 30 Prozent der Mütter, nicht wissen, womit sich ihre Kinder im Kinderzimmer beschäftigen. Wir wollen ja im Grunde auch nur ein Herstellungs-, Verbreitungsverbot, wo wir wirklich diese Gewaltverherrlichung haben, gerade bei den Killerspielen, die zum Beispiel in Amerika bei der Armee benutzt werden, damit die Hemmschwelle zum Töten abgesenkt wird bei den Menschen. Das sind heutzutage ganz normale Spiele, mit denen sich unsere Kinder und Jugendlichen in ihren Kinderzimmern beschäftigen dürfen. Ich denke schon, vielleicht hat jetzt die Kölner Erfahrung doch einmal wieder die deutsche Bevölkerung aufgerüttelt und auch den Gesetzgeber aufgerüttelt, vielleicht kommen wir jetzt ein bisschen, werden wir jetzt mit unserer bayerischen Bundesratsinitiative erfolgreicher.

Meurer: Von der virtuellen Welt zur realen Welt - liegt es vielleicht auch am enormen Leistungsdruck an deutschen Schulen, das sagt jetzt die Gewerkschaft GEW, also dass auch die Schüler spüren, wer in der Schule versagt, der hat für das ganze Leben seine Chancen verspielt?

Stewens: Ich denke nicht, dass es am Leistungsdruck an unseren Schulen liegt, den Leistungsdruck hatten wir übrigens schon immer in den Schulen. Ich bin ja selber nun Mutter von sechs Kindern, und da müssen sich Eltern natürlich auch in dem einen oder anderen Fall mal fragen, sind denn die Kinder tatsächlich auf der richtigen Schule, wenn sie einem so enormen Leistungsdruck ausgesetzt sind. Denn normalerweise, denke ich schon, dass unsere Kinder Schule doch auch gut bewältigen können. Und ich bin auch der festen Überzeugung, dass wir nicht einen übergroßen Leistungsdruck an unseren Schulen haben.

Meurer: Ist es vielleicht sogar so, dass solche Amokpläne sogar eher an den höheren Schulen entstehen?

Stewens: Ich glaube ja, es sind ja immer Gymnasien, auch in Erfurt war es ein Gymnasium. Ich glaube eher, dass die Auseinandersetzung mit Außenseitern gerade an höheren Schulen durchaus radikal passiert. Ich denke, dass hier auch gerade solche Schüler durchaus dann wirklich in die Ecke gestellt werden und dass die Auseinandersetzung verbal, wie sie oft dann in solchen Schulen geführt wird, durchaus sehr stark verletzend sein kann. Und deswegen muss hier wirklich auch ein guter Schulpsychologe mit hereingenommen werden, um diese Probleme zu bewältigen.

Meurer: Die bayerische Familienministerin Christa Stewens, heute Morgen früh bei uns im Deutschlandfunk. Frau Stewens, schönen Dank und auf Wiederhören.

Stewens: Dankeschön, Wiederhören.

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