Freitag, 15.12.2017
StartseiteCampus & KarriereFirmen investieren weniger in deutsche Hochschulen22.11.2017

Stifterverband-StudieFirmen investieren weniger in deutsche Hochschulen

Unternehmen haben lange jedes Jahr mehr Geld für Forschung an deutsche Hochschulen ausgegeben – bis jetzt, sagt eine neue Studie. Zum ersten Mal haben Firmen demnach mehr in Forschungseinrichtungen im Ausland investiert. Einer der Gründe hierfür: "die zunehmenden Transparenzgesetze", sagte Studienautor Matthias Winde im Dlf.

Matthias Winde im Gespräch mit Kate Maleike

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ein Vertreter steht mit wissenschaftlichen Mitarbeitern in einem Labor. (Imago / Science Photo Library)
Firmen schauen genau hin, ob sie in Forschung an deutschen Hochschulen investieren – vor allem, wenn ihnen die gesetzlichen Bedingungen nicht gefallen, denen sie sich dort unterwerfen müssen. (Imago / Science Photo Library)
Mehr zum Thema

Ergebnisse der Studie des Stifterverbands

Wissenschaftspapier "Es muss eine institutionelle Strategie geben"

Forschungs-Gutachten EFI Einiges erreicht, aber noch viel zu tun

Neue Exzellenzstrategie "Auf das Niveau der privaten US-Unis werden wir nicht kommen"

Gekaufte Forschung Gefährden Drittmittel und An-Institute die Wissenschaftsfreiheit?

Drittmittel an Universitäten Einfluss der Geldgeber auf die Forschung bleibt unklar

Kate Maleike: Für Forschung und Entwicklung an Hochschulen geben deutsche Unternehmen viel Geld aus, doch diese Drittmittel sind offenbar rückläufig. Zumindest hat das eine Analyse ergeben, die der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft heute veröffentlicht hat. Dort hat man sich die Zahlen des Statistischen Bundesamtes mal genauer angeschaut und festgestellt, dass erstmals seit 20 Jahren weniger Geld von deutschen Unternehmen an deutsche Hochschulen geht. Matthias Winde hat diese Analysen durchgeführt. Guten Tag!

Matthias Winde: Guten Tag, Frau Maleike!

Maleike: Was heißt das eigentlich genau in Zahlen?

Winde: Die Drittmittel von Unternehmen sind zum ersten Mal seit der Wiedervereinigung zurückgegangen. In den vergangenen 20 Jahren sind sie im Durchschnitt eigentlich immer um fünf Prozent jährlich gestiegen, und jetzt zum ersten Mal sehen wir einen Rückgang um zwei Prozent. Das ist insofern ganz erstaunlich, weil die Unternehmen über 61 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung ausgeben, und nur 1,4 Milliarden Euro davon kommen an Hochschulen an.

Maleike: Das heißt, wenn wir Sie richtig verstehen, ist es nicht so, dass die Unternehmen weniger in Forschung und Entwicklung tatsächlich ausgeben, sie geben es nur weniger an die Hochschulen.

Winde: Genau das ist der Fall. Das ist auch das, was uns beunruhigt. Die Unternehmen haben ihre F-und-E-Ausgaben, also ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung, um über sieben Prozent gesteigert, das sind vier Milliarden Euro, und im gleichen Jahr sind die Unternehmensdrittmittel an Hochschulen zurückgegangen um zwei Prozent.

These, Hochschulen würden ökonomisiert, sei nicht haltbar

Maleike: Dabei brauchen die Hochschulen diese Drittmittel dringend, weil sie ja in der Grundfinanzierung bundesweit eigentlich chronisch unterfinanziert sind. Sie sind als Stifterverband ja sozusagen eine Organisation, die für die Unternehmen und Stiftungen steht. 3.000 Mitglieder haben Sie bundesweit. Was hören Sie denn über die Ursachen? Warum wird weniger Drittmittel in die Hochschulen gegeben von Unternehmensseite aus?

Winde: Lassen Sie mich zunächst noch ergänzen, dass es tatsächlich so ist, dass sowohl die öffentlichen Grundmittel wie die öffentlichen Drittmittel stärker angestiegen sind als die Drittmittel von Unternehmen, und das bedeutet, dass diese These der Ökonomisierung der Hochschulen, dass die Unternehmen einen immer größeren Einfluss an den Hochschulen haben, eigentlich nicht zu halten ist, weil eben die öffentlichen Mittel viel stärker ansteigen als die Mittel der Unternehmen.

Woran liegt das? Es gibt aus unserer Sicht vier Gründe:

Der erste Grund ist sicher, dass die anderen Länder nicht geschlafen haben und große Investitionen in die Forschungsinfrastruktur, gerade in den Naturwissenschaften und den Technikwissenschaften, gelegt haben. Da ist einfach größere Konkurrenz da. Das gilt auch für den ganzen Bereich der Digitalisierung, in dem Unternehmen – man muss nur an Apple oder Google denken – zu großen Forschungsorganisationen geworden sind und damit auch attraktive Forschungspartner für andere Unternehmen, also viele Forschungs- und Entwicklungsaufträge vergeben die Unternehmen untereinander.

Ein zweiter Punkt ist sicherlich, dass Unternehmen mittlerweile Vollkosten an den Hochschulen bezahlen müssen. Hochschulen sind verpflichtet, den Unternehmen Vollkosten in Rechnung zu stellen. Deshalb ist es in den letzten Jahren doch teurer geworden für die Unternehmen, an den Hochschulen zu forschen, und private Forschungseinrichtungen kommen immer häufiger bei Aufträgen zum Zuge, weil sie einfach schlankere Strukturen haben.

Firmen wollen nicht immer, dass ihre Forschung öffentlich wird

Maleike: Also daraus hören wir, es wird nicht in Deutschland investiert, sondern im Ausland.

Winde: Es wird auch im Ausland mehr investiert, aber auch vermehrt bei deutschen Unternehmen, die forscherisch tätig sind.

Maleike: Ist das ein aktueller Trend, der sich weiter, aus Ihrer Sicht, fortführen wird in den nächsten Jahren?

Winde: Im Augenblick haben wir jetzt erst mal diese erste Zahl, dass die Drittmittel zurückgegangen sind. Wir hoffen nicht, dass sich das wiederholen wird, aber ich denke schon, dass man dagegen etwas tun kann, gerade auch von gesetzlicher Seite aus.

Ein Punkt, weshalb es vermutlich in den vergangenen Jahren auch zurückgegangen ist, sind die zunehmenden Transparenzgesetze, die zum Teil die Unternehmen verpflichten, ihre Forschungsthemen, ihr Forschungsagenden, ihre Forschungsmethoden bei Kooperationen mit Hochschulen offenzulegen. Das ist beispielsweise in Bremen der Fall, und dort lässt sich ablesen, dass Unternehmen da nicht mehr mit Hochschulen forschen, wenn sie ihre aktuellen Forschungsthemen veröffentlichen müssen.

Maleike: Sensibler Bereich, vor allen Dingen wissen wir ja, dass es da auch um Industrieforschung geht und um Rüstungsforschung. Die Hochschulen haben ja in vielen Landesparlamenten und Gesetzen auch die Zivilklauseln eingeführt. Ist es das, was Sie mit Transparenz auch meinen?

Winde: Es gibt richtige Transparenzgesetze und Transparenzregister. Und angedacht war, dass es auch ein bundesweites Transparenzregister geben soll, wo Hochschulen alle Kooperationsprojekte mit Unternehmen veröffentlichen müssen, inklusive der Finanzierungs- und den Forschungsthemen, und das würde mit Sicherheit zu einem großen Rückgang der Forschung in Deutschland führen.

Hochschulen anderer Länder seien konkurrenzfähiger

Maleike: Aber finden Sie es denn eigentlich legitim, dass die Unternehmen sozusagen diesen Auslandsdrift machen, weil sie gegen die deutschen Gesetze sind oder sich eben zu stark beobachtet fühlen in ihren Forschungsprojekten?

Winde: Der Auslandsdrift wird jetzt nicht nur durch das Transparenzgesetz in Bremen und auch vielleicht in ein oder zwei anderen Bundesländern vorangetrieben. Der Auslandsdrift hängt viel damit zusammen, dass deutsche Unternehmen global aufgestellt sind, dass sie produzieren in anderen Ländern und dass sie auch in diesen anderen Ländern Forschung und Entwicklung betreiben für die Produkte vor Ort.

Das ist der erste große Faktor, der dort eine Rolle spielt, und der zweite große Faktor ist sicherlich, dass die Hochschulen in den anderen Ländern aufgeholt haben und mittlerweile auch konkurrenzfähig geworden sind und vielleicht sogar führend auf einigen Forschungsfeldern.

Maleike: Was heißt denn das jetzt für das Zusammenspiel von Hochschulen und Wirtschaft hier in Deutschland für die Zukunft?

Winde: Also ein wichtiger Bereich des Zusammenspiels ist eigentlich die Impulse für neue Forschung. Wir glauben, dass in diesem Thema Open Innovation ganz viel Musik ist. Die Open-Innovation-Bewegung von Unternehmen und Hochschulen haben noch nicht zusammengefunden, und …

Maleike: Was genau heißt das?

Winde: Das heißt, dass wir mehr Innovation Spaces, Labore, brauchen, in denen Hochschulen und Unternehmen ganz offen am Anfang der Innovationskette forschen und neue Forschungsideen entwickeln können, und solche Plattformen und so Crowdsourcing-Strukturen brauchen wir mehr an deutschen Hochschulen.

Maleike: Erstmals seit 20 Jahren sind die Finanzmittel von Unternehmen für Forschung und Lehre an deutschen Hochschulen zurückgegangen, und da muss man "deutsch" besonders betonen, weil nämlich das Geld unter anderem auch ins Ausland gegangen ist. Doktor Matthias Winde war das vom Stifterverband, und der Stifterverband hat die Analyse gemacht. Herzlichen Dank, Herr Winde!

Winde: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk