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StartseiteForschung aktuellStrahlende Antriebe27.07.2010

Strahlende Antriebe

Beitragsreihe "Rückblicke auf die Zukunft"

Energie.- Als in den 50er-Jahren die ersten Atomkraftwerke gebaut wurden, war die Euphorie groß: Man sah in der Atomkraft die Energiequelle der Zukunft, nicht nur gut für die Stromerzeugung. Auch Autos, Schiffe und Raumschiffe sollten eines Tages mit einem Nuklearantrieb ausgerüstet werden.

Von Frank Grotelüschen

Das deutsche atomgetriebene Schiff "Otto Hahn" vor Kapstadt und dem Tafelberg. (GKSS)
Das deutsche atomgetriebene Schiff "Otto Hahn" vor Kapstadt und dem Tafelberg. (GKSS)

Anfang der 50er Jahre. Es ist noch gar nicht lange her, da hat man die spalterische Kraft des Atoms entdeckt – und zunächst mal in ihrer zerstörerischen Variante zur Anwendung gebracht, der Atombombe. Doch nun schaut die Welt mit strahlendem Optimismus nach vorn. Die Atomkraft, das scheint sicher, sollte sich auch für friedliche Zwecke trefflich nutzen lassen, in Kraftwerken etwa, oder:

"Nuclear power in locomotives, ships and very large airplanes may all revolutionize future transportation on land, sea and air!"

Die Kernkraft als Motor für Transportvehikel. Eine Revolution zu Lande, zu Wasser und zur Luft, so sah es der US-Propagandafilm "A is for Atom" aus dem Jahre 1953. Da wäre etwa das Auto mit Atomantrieb. 1958 stellt Ford seinen Nucleon vor – ein Konzeptfahrzeug, dessen Reaktor zwischen den Hinterrädern aufgehängt ist. Eine Uranfüllung soll für 8000 Kilometer reichen, dann muss an einer Atom-Tankstelle aufgefüllt werden.

Ford baut ein Modell im Maßstab 3:8; allerdings ohne Kernreaktor. Auch andere schmieden am Atomkonzept: Der französische Autohersteller Simca mit seinem Fulgur, oder der US-Konzern Studebaker mit dem Astral. Doch es bleibt bei futuristischen Designstudien. Bald schon sieht man ein, dass ein Reaktor niemals so klein, leicht und billig gebaut werden kann, als dass er unter eine Motorhaube passen würde. Mit einer anderen Vision kommen die Ingenieure deutlich weiter.

"Ich könnte vielleicht für meinen Sohn prophezeien, dass der nur noch auf Kernenergieschiffen um die Welt fahren wird. Und die Ölschiffe werden im Deutschen Museum stehen wie die Kohleschiffe heute!"

Es ist 1964, und in Kiel läuft die Otto Hahn vom Stapel – 170 Meter lang, 16 Knoten schnell, Tragfähigkeit 15.000 Tonnen. Konstruiert wurde der Atomfrachter von der eigens gegründeten Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schifffahrt, kurz GKSS. Geschäftsführer Manfred von zur Mühlen verspricht sich viel.

"Einmal werden die Brennstoffkosten in absehbarer Zeit niedriger sein können als bei Schiffen mit konventionellen Antrieben. Es gibt noch einen zweiten Vorteil: Wenn Sie eine lange Reiseroute nehmen, so muss ein konventionelles Schiff 3000 Tonnen Bunkeröl mitführen. Ein Atomschiff braucht über den Atomreaktor hinaus keinen Brennstoff mitzuführen."

Das Herz ist ein Druckwasserreaktor, Leistung 38 Megawatt, sagt Konstrukteur Erich Bagge.

"Er enthält Wasser als Kühlmittel. Dieser Reaktor wird das Wasser in seinem eigenen Kessel dazu benutzen, um dort schon Dampf für den Antrieb der Turbinen zu erzeugen."

1968 sticht die Otto Hahn als Erzfrachter in See. Mit an Bord sind bis zu 40 Wissenschaftler, sie überwachen den Reaktor. Zehn Jahre später hat der Frachter 650.000 Seemeilen abgespult und 80 Kilogramm Uran verbraucht. Doch dann erklärt die GKSS die Mission für beendet. Technisch gesehen sei das Projekt zwar ein Erfolg gewesen, meinen die Fachleute. Wirtschaftlich aber haben sich die Hoffnungen nicht erfüllt. Der Kernreaktor als Frachtschiff-Antrieb ist schlicht zu teuer. Es gibt ihn heute nur auf einer Handvoll von U-Booten, Eisbrechern und Flugzeugträgern.

Bleiben die wohl hochfliegendsten Pläne: Raketen mit Atomantrieb. Ein Projekt mit bezeichnendem Namen: Raumschiff Orion.

"Das war ein Projekt, bei dem ein 4000 Tonnen schweres Raumschiff mit Atombombenantrieb gebaut werden sollte. Es sollte zu Saturn und Jupiter fliegen. Das ganze Projekt dauerte von 1957 bis 1965 und war streng geheim",

sagt der US-Wissenschaftshistoriker George Dyson. Die Rakete, groß wie ein Hochhaus, sollte 2000 bis 3000 kleine Atombomben an Bord haben, die eine nach der anderen gezündet werden sollte, um das Raumschiff anzutreiben.

"Es hätte allein 800 Atombomben gebraucht, um in die Erdumlaufbahn zu kommen. Danach wäre das Raumschiff dann fünf Jahre zum Saturn unterwegs gewesen."

"Die US-Air-Force baute ein paar kleine Modelle, die natürlich nicht mit Atombomben angetrieben wurden, sondern von chemischen Sprengsätzen. Sie konstruierte ein System, das alle Viertelsekunde einen Sprengsatz zündete."

Die Versuche klappen mehr schlecht als recht. Nur ansatzweise gelingt es den Tüftlern, die Explosion in die gewünschte Richtung zu lenken, sodass die Modellraketen nach oben steigen. Und dann gibt es da noch ein paar heikle Fragen: Was ist mit den gewaltigen Strahlungsmengen, die beim Start der Orion in die Atmosphäre geschleudert würden? Und wie soll man verhindern, dass Passanten erblinden, weil sie direkt in die Explosionsblitze der startenden Rakete blicken? 1964 jedenfalls steigt die NASA bei Orion ein, um bald darauf eine Entscheidung zu treffen.

"Das Hauptquartier der NASA stoppte das Projekt. Es sagte schlicht und einfach: Halt, das Projekt Orion ist hiermit beendet."

Denn schließlich hat die US-Raumfahrtbehörde damals etwas viel besseres vor:

Noch im selben Jahrzehnt will sie einen Mann auf dem Mond herumhüpfen sehen.

Zur Beitragsreihe "Rückblicke auf die Zukunft"

Weitere Links zum Thema "Atomantrieb"
Video: A is for Atom (1953)

Atomschiff:
Datensammlung zum Versuchsschiff für Atomenergie "Otto Hahn"

Atomauto:
Der "Simca Fulgur" von 1958
The Atomic Automobile
Ford Nucleon Concept Car
Simca Fulgur von 1958
Studebaker Astral - One Wheel Atomic Concept Car

Atomrakete:
Project Orion: Its Life, Death, and Possible Rebirth
Nuclear Rocket Board: Discussion of the use of Nuclear Technology for getting into space

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