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StartseiteForschung aktuellStrahlenkrankheiten nach Fukushima12.03.2012

Strahlenkrankheiten nach Fukushima

Wie stark hat es die japanische Bevölkerung getroffen?

Gesundheit.- Die Explosionen im Kernkraftwerk von Fukushima haben große Mengen Radioaktivität freigesetzt. Nun ziehen Forscher eine erste Bilanz. Darin sieht es derzeit so aus, dass schnelle Evakuierungen hohe Verstrahlungen in der Bevölkerung verhindert haben.

Von Dagmar Röhrlich

Ein Mann misst mit einem Geigerzähler in Fukushima die Strahlung. (picture alliance / dpa / Takehiko Kambayashi)
Ein Mann misst mit einem Geigerzähler in Fukushima die Strahlung. (picture alliance / dpa / Takehiko Kambayashi)

Als in Fukushima die Reaktoren explodierten, zog ein Forscher der Universität Hiroshima über die Dörfer, um die nicht sofort evakuierten Menschen zu beruhigen: Sie seien sicher. Viele glaubten ihm - bis die Regierung eine Woche später erklärte, dass sie sich auf die Evakuierung vorbereiten sollten. Da war das Misstrauen geweckt:

"Vertrauen kann man über Jahrzehnte aufbauen, und das kann man in Sekunden verlieren",

meint Wolfgang Weiss vom Bundesamt für Strahlenschutz und Leiter des UN-Komitees UNSCEAR. Der Fehler des Forschers war kein Einzelfall. So wurden die japanischen Experten von hohen Belastungswerten etwa in der Milch überrascht. Als kontaminierte Lebensmittel im Handel auftauchten, war der Vertrauensverlust ebenfalls erheblich. Eilig wurden Laboratorien eröffnet und Messverfahren festgelegt. Dabei zeigte sich, dass nach den verkündeten Verzehrverboten Lebensmittel kaum zur Belastung der Bevölkerung beigetragen haben. Die Belastung kam durch die Bestrahlung von außen:

"Wenn wir uns ansehen, was in Japan zur Strahlenexposition im ersten Jahr beiträgt, dann ist es die externe Exposition durch Cäsium, nicht die Lebensmittel. Wenn sie zehn Millisievert haben, bringen die Lebensmittel ein oder zwei Millisievert. Und das wird im zweiten Jahr noch weniger sein."

Der Vertrauensverlust rächt sich: Die Menschen haben Angst vor Krebs, trauen offiziellen Stellen nicht mehr. Dabei sind die gesundheitlichen Folgen von Fukushima längst nicht so gravierend wie die von Tschernobyl.

"Also bei Tschernobyl hatten sie ja über 20 Tote, die wegen der hohen Exposition gestorben sind."

In Fukushima starb niemand bei den Rettungstrupps durch akute Strahlenbelastung. Allerdings hätten einige Arbeiter in der Anfangszeit viel Radiojod eingeatmet:

"Die ersten vier Wochen, und das zeigen die hohen Werte der einzelnen, da gab es mit Sicherheit Defizite, was den Strahlenschutz angeht. Sonst hätten die nicht so hohe Schilddrüsendosen bekommen können."

Die Betroffenen werden beobachtet, ebenso wie die anderen Arbeiter, die mit den Aufräumarbeiten der Havarie zu tun haben. Eine weitere Risikogruppe von Fukushima sind die Kinder. 360.000 sollen ihr Leben lang systematisch untersucht werden. Der Grund: Nach Tschernobyl erkrankten bislang 7000 Menschen, die 1986 noch Kinder waren, an Schilddrüsenkrebs:

"Die Japaner haben sehr früh eine Gruppe von 6000 Kindern ausgemessen, und die Daten, die lassen nicht darauf schließen, dass wir eine Situation haben, bei der wir erhöhte Schilddrüsenkrebse bei den Kindern erwarten werden."

Nur bei einem Kind lag die Belastung höher, im Grenzbereich, wo vielleicht erste Auswirkungen möglich sind. Unklar ist außerdem, wie sich in den Wochen nach dem GAU das Radiojod in der Umwelt verteilt hat und welche Effekte das haben kann. Auskunft darüber soll eine Gesundheitsstudie bringen:

"Die Japaner haben einen Fukushima-Health-Survey aufgelegt. Zu dem Health Survey gehören insgesamt zwei Millionen Menschen, die praktisch ihr ganzes Leben nachuntersucht werden."

Der Aufwand der Studie ist groß: Sie umfasst Fragebögen, mit denen erhoben wird, wo sich die Betroffenen nach der Katastrophe wann aufgehalten haben, was sie gegessen haben. Dazu kommen radiologische Ganzkörper- und Schilddrüsenuntersuchungen.

"Die ersten beziehungsweise Rekonstruktionen, die auf der Grundlage von Lebensbeschreibungen in den Tagen und Wochen nach dem Ereignis fußen, sind inzwischen veröffentlicht und anhand dieser Ergebnisse sieht man, dass die Exposition in der Bevölkerung zu einem großen Teil unter fünf Millisievert liegen, maximal wären bis zu 15 Millisievert."

Diese Belastung falle in die Kategorie "Niedrigstrahlung", deren Langzeiteffekte umstritten sind. Erst ab 100 Millisievert zeigt sich ein statistischer Effekt: Darunter geht er im Rauschen der Statistik unter, denn das durchschnittliche Krebsrisiko eines Japaners liegt ohnehin bei etwa 40 Prozent - und dieses Lebensrisiko wird durch den GAU erhöht:

"Aber das heißt nicht, der oder jener ist nun, weil er zehn Millisievert bekommen hat, daran gestorben. Sein Lebensrisiko hat sich geändert."

Quantifizieren lässt sich in dieser Kategorie Niedrigstrahlung das radiologische Risiko der Bevölkerung also nicht. Die Angst der Menschen ist jedoch real - und die psychischen Folgen sind das größte Problem einer Nuklearkatastrophe. Auch das ist eine Erkenntnis aus Tschernobyl. Viele Vertriebene leiden unter Stress und Depressionen und ernähren sich ungesünder, rauchen und trinken mehr - Faktoren, die das Krebsrisiko steigern können.

Links bei dradio.de:

Zum Themenportal "Ein Jahr nach Fukushima"

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