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StartseiteNachrichten vertieft"Warum nicht gleich aus den Organen ein Ersatzteillager machen?"16.10.2014

Streit über "Social Freezing""Warum nicht gleich aus den Organen ein Ersatzteillager machen?"

Facebook und Apple wollen Mitarbeiterinnen unterstützen, wenn sie ihre Eizellen einfrieren lassen. So sollen junge Frauen mehr Zeit für den Karrierebeginn haben und die Entscheidung über Kinder aufschieben können. Viele Zeitungskommentatoren sind entsetzt. Es gibt aber auch andere Stimmen.

Verschiedene deutsche Tageszeitungen liegen zur Presseschau bereit. (Jan Woitas, dpa)
Die Kommentatoren der Zeitungen streiten über "Social Freezing" bei den US-Firmen-Facebook und Apple. (Jan Woitas, dpa)

Die WESTFALEN-POST aus Hagen erklärt:

"In der globalisierten Wirtschaft muss der Mensch funktionieren. Junge Frauen können schwanger werden. Mütter sind unberechenbares Karrierematerial, weil die Kinder ungelegen krank werden. Diese Störfaktoren wollen Technologiekonzerne wie Facebook und Apple künftig ausschließen. Bis zu 16.000 Euro wollen sich die US-Konzerne nun die neue 'Mitarbeitermotivation' pro Kopf kosten lassen. Vermutlich ist das billiger, als Betriebskindergärten zu gründen."

Kritische Töne schlägt auch die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG an:

"Arbeit ist das ganze Leben. Steht es so ungefähr nicht schon in der Bibel? Dann nehmen die Heilsbringer von Apple, Facebook und Co. das sehr wörtlich. Deshalb jetzt das großzügige Angebot von Konzernen aus der schönen neuen Welt, ihren Mitarbeiterinnen das Einfrieren ihrer Eizellen zu bezahlen. Es ist kein Zufall, dass die Internet-Giganten an vorderster Front stehen. Im Kampf um die vermeintlich besten Talente erwecken sie die Illusion, Herr über das Leben zu sein - als ob es eine Garantie gäbe, ein Kind einfach zehn Jahre später zur Welt zu bringen. Leben als Anschaffung. Warum nicht gleich aus den Organen verdienter Mitarbeiter ein Ersatzteillager machen?"

Die LANDESZEITUNG aus Lüneburg hebt hervor:

"Nicht jede Idee der Visionäre von Apple und Facebook verdient das Etikett Vision. Der Chef bezahlt das Einfrieren von Eizellen, damit seine weiblichen Angestellten das Ticken der biologischen Uhr ignorieren können. Das suggeriert dreierlei: 1. Das Leben sei in Gänze komplett planbar. 2. Frauen können nur wie ein Mann Karriere machen, also ohne Babypause. 3. Auf die Biographien seiner Mitarbeiter hat ein Unternehmen genauso Zugriff wie auf die Festplatte eines Computers. Hier offenbart sich eine vielleicht Nerd-typische Lebensfremdheit. Das Leben sollte sich nicht volkswirtschaftlichen Notwendigkeiten beugen, sondern umgekehrt."

Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG stellt heraus:

"Es ist ein Angebot, das die Unternehmen machen. Nicht mehr, nicht weniger. Niemand wird dazu gezwungen, es anzunehmen. Es eröffnet den Frauen eine zusätzliche Option. Eine Befürchtung ist, dieses Angebot könnte Druck auf die Frauen ausüben, es doch bitte auch anzunehmen. Den ohnehin umstrittenen Internetkonzernen zu unterstellen, sie wollten so Frauen zwingen, das Kinderkriegen zu verschieben, kommt in Deutschland gut an, ist aber falsch. Apple und Facebook möchten gute Mitarbeiterinnen halten, indem sie ihnen etwas bieten."

"Die Methode lenkt vom eigentlichen Problem ab", heißt es im FLENSBURGER TAGEBLATT:

"Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist noch immer eine gewaltige Baustelle. Frauen sollten sich gar nicht erst die Frage stellen, ob sie das Kinderkriegen für den Job aufschieben wollen. Mit guter Betreuung und flexiblen Arbeitsmodellen sollte Familienplanung in den Berufsalltag integriert werden. Damit Nachwuchs keine Belastung, sondern eine Bereicherung ist."

Der amerikanische BOSTON GLOBE sieht den Vorstoß weit weniger kritisch:

"In beiden Firmen steht das Angebot nicht isoliert da, sondern ist eingebettet in umfassende Strategien für Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Dazu gehören auch längere Elternzeiten und ein finanzieller Beitrag zur Kinderbetreuung. Das Einfrieren von Eizellen ist eine wertvolle Option für diejenigen Frauen, die das wollen. Die Firmen im Silicon Valley reagieren damit auf die Bedürfnisse der jungen, technologie-affinen weiblichen Arbeitskräfte, die sie anziehen und an sich binden möchten."

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