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Dienstag, 23.01.2018
StartseiteForschung aktuellStreit um Baseler Deklaration03.01.2011

Streit um Baseler Deklaration

Tierversuche sollen auch für Grundlagenforschung erlaubt bleiben

Medizin.- Forscher, die Versuche mit Tieren durchführen, genießen oftmals kein hohes Ansehen. Doch nun haben die betroffenen Wissenschaftler eine Deklaration veröffentlicht, in der die Notwendigkeit von Tierversuchen in der biomedizinischen Forschung betont wird.

Von Folkert Lenz

Weiße Mäuse in einem Tierversuchslabor in der Universität von Colorado, USA (AP)
Weiße Mäuse in einem Tierversuchslabor in der Universität von Colorado, USA (AP)

Dass Forscher – zudem Naturwissenschaftler – so etwas wie ein politisches Statement abgeben, ist heutzutage eher ungewöhnlich. Doch der Druck auf die biomedizinische Forschung und ihre Tierversuche wird stärker und stärker. Aber Experimente mit Tieren blieben auch in Zukunft unverzichtbar, heißt es in der Deklaration von Basel – zum Beispiel, um bei den meisten der 30.000 Krankheiten des Menschen die Ursachen angehen zu können und nicht nur Symptome zu bekämpfen.

"Viele Menschen sind sich schlicht nicht darüber im Klaren, dass die Medizin keineswegs etwa an ihrem Ende steht, sondern ganz am Anfang ihrer historischen Entwicklung. Die meisten Krankheiten können wir eben nicht heilen. Vieles können wir allenfalls lindern. Und manches auch gar nicht behandeln",

sagt der Bremer Hirnforscher Andreas Kreiter. Wegen seiner Versuche mit Makakenäffchen wird der Chef des Zentrums für Kognitionswissenschaften an der Universität Bremen seit langem angefeindet – vor allem von der Politik. Das Landesparlament – die Bürgerschaft – hatte im März 2007 einen Ausstieg aus den Affenversuchen beschlossen. Im Herbst 2008 untersagten dann die Behörden eine Fortführung von Kreiters Experimenten. Der Streit darüber schmort seitdem vor dem Verwaltungsgericht. Die Universität Bremen will – wenn nötig – bis vor das Bundesverfassungsgericht ziehen, denn sie sieht die Wissenschaftsfreiheit bedroht.

Obwohl ähnliche Versuche zum Beispiel am Göttinger Primatenzentrum ohne großes Aufsehen laufen, bemängeln Kritiker dagegen in Bremen die hohe Belastung der Äffchen und lehnen die Versuche auch aus ethischen Gründen ab. Eine Argumentation, die der Rektor der Bremer Universität, Wilfried Müller, nicht gelten lassen will:

"Man muss dazu sagen, dass Behörden kein eigenes Recht auf Bewertung der ethischen Vertretbarkeit haben. Sondern sie haben nur das Recht, die Plausibilität der Argumente von Herrn Kreiter zu überprüfen. Auf der Grundlage unserer Verfassung haben staatliche Behörden kein eigenes Bewertungsrecht im Hinblick auf die ethische Vertretbarkeit."

Große Probleme in der Öffentlichkeit haben die Bio-Forscher wohl auch deshalb, weil sie – vielleicht zu leichtfertig – in der Vergangenheit versprochen hatten, mithilfe der Tierversuche Medikamente oder Therapien gegen Epilepsie, die Parkinson-Krankheit oder Demenz entwickeln zu können. Doch die schnellen Erfolge blieben aus. In der Deklaration von Basel betonen die Hirnforscher, Molekularbiologen und Zoophysiologen deshalb auch die Notwendigkeit weiterer Grundlagenforschung. "Viele physiologische Prozesse wie Lernen und Gedächtnis sind noch nicht vollständig verstanden", heißt es da. Grundlagenforschung werde keineswegs zum Spaß oder Amüsement gemacht, wie es die Tierversuchsgegner kolportierten, so auch Andreas Kreiter.

"Tatsächlich ist Grundlagenforschung die zentrale Grundlage dafür, dass wir überhaupt einen medizinischen Fortschritt, der nennenswert ist, bekommen. Denn sie liefert uns das Wissen, das wir brauchen, um eben Krankheiten zu verstehen. Nur wenn wir eine Krankheit verstehen, können wir auch vorschlagen, wie man sie heilen kann."

Vor der Kritik an der Grundlagenforschung fürchten sich die Wissenschaftler am meisten. Denn wenn greifbare Resultate ausbleiben, ist der Sinn der Tierexperimente nur schwer vermittelbar. So hat auch die Tierversuchskommission in Zürich Primatenversuche an der Universität und der Eidgenössischen Technischen Hochschule gestoppt. Das Argument: Ein relativ kleiner Nutzen des zu erwartenden Erkenntnisgewinns stehe einer hohen Belastung der Tiere gegenüber.

Der Züricher Neuroinformatiker Kevan Martin wollte Behandlungsmethoden für Schlaganfallpatienten erforschen. Er legte Beschwerde gegen die Entscheidung ein. Doch auch das Schweizer Bundesgericht als höchste Instanz bewertete die Versuche vor etwas mehr als einem Jahr als "unverhältnismäßig". In der Baseler Erklärung rufen die Wissenschaftler nun zu "mehr Vertrauen, Transparenz und Kommunikation in der Tierforschung" auf. Vor allem aber wollen Andreas Kreiter und seine deutschen und Schweizer Kollegen wohl nicht mehr als Buhmänner dastehen.

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