Sonntag, 17.12.2017
StartseiteBüchermarktStudieren in Männerkleidung20.04.2006

Studieren in Männerkleidung

Martin Klugers Roman "Die Gehilfin"

Schon auf den ersten Seiten seines neuen Romans meint man die Zeichnungen Heinrich Zilles vor Augen zu haben, der den Berliner Autor Martin Kluger auf die Idee brachte, Zeit und Milieu dieses "Raffael der Hinterhöfe" zum Ausgangspunkt seines neuen Romans zu machen. Seine Protagonistin wird in den armen Berliner Nordosten des 19. Jahrhunderts hineingeboren, doch ihr eigentlicher Geburtsort ist die Universitätsklinik Charité, an der ihr Vater auf der Tuberkulosestation Krankenpfleger ist.

Von Dorothea Dieckmann

Tuberkulosebehandlung (AFP)
Tuberkulosebehandlung (AFP)

Da Henriettas Mutter bei der Geburt stirbt, wird das Krankenhausgebäude ihr zweites Zuhause:

Die riesige, rotsteinerne Krankenstadt, die Hallen und Säle, die endlosen Flure, die Verliese und Dachausgucke wurden ihr Palast ... Beweise, beweisen, wo ist der Beweis, lauteten die Parolen im Palast, und die Kranken verstanden bloß Bahnhof. Henriettas Neugier und Schaulust waren größer als ihr Hunger, sie verzichtete lieber auf Backpflaumen statt auf Kehlkopfspiegelungen, Beinamputationen, Abortausräumungen, und am aufregendsten war der Pathologiesaal, wo Geheimrat Virchow unter einer längst stehen gebliebenen Uhr ... seinen Studenten erklärte, warum die nackten Toten tot waren. Die Zellen waren schuld, die Zeit und die Zelle, erklärte er. Vulnerant omnes, ultima necat, lautete die Inschrift im morschen Holz der Uhr.

Alle Stunden verwunden, die letzte tötet: Henriettas Wissensdurst entwickelt sich zu einem Kampf gegen die Zeit. Als Maskottchen des großen Pathologen und Forschers Rudolf Virchow hortet sie heimlich Wissen - fragend, beobachtend, lesend, herumschnüffelnd. Heinrietta will schnell erwachsen werden. In der vor Entdeckerlust und Fortschrittsbegeisterung vibrierenden Atmosphäre versucht sie, in die expandierende Medizinforschung jener Jahrzehnte einzusteigen, von der die Frauen, zumindest die aus den armen Schichten, ausgeschlossen sind - und damit jener Teil der Gesellschaft, für den sich der Autor interessiert.

" Man darf nie vergessen, dass in dieser Zeit bis in die zwanziger Jahre hinein die Frauen - jedenfalls die, die versuchten, sich in diese Sachen hineinzubewegen, Wissenschaft, was weiß ich was, abgeschmettert wurden. ... Und die hatten eben kein Gehirn, wie Möbius sagte, damals, und darüber auch ein viel beachtetes Buch schrieb. Die hatten einfach angeblich weniger Gehirn als die Männer. Kleine Fußnote: Als Möbius starb, wurde sein Gehirn gewogen, und es war wesentlich leichter als das jeder Frau, die je gelebt hatte, das ist wirklich festgestellt worden. Es ist eine, finde ich, Spiegelung der Verhältnisse, wie sie waren für eine Unterschichten-Frau, der eigentlich nur blieb, in der Fabrik zu arbeiten und zu heiraten."

Auch als die Heranwachsende das Vertrauen des Bakteriologen Robert Koch gewinnt und als seine inoffizielle Laborgehilfin an der Entdeckung des Tuberkulosevirus beteiligt ist, wird ihr von all den berühmten und mächtigen Onkels der entscheidende Schritt - der Einstieg in die akademische Laufbahn - verweigert. Sie darf weiter aushelfen, lernen aber soll sie den Beruf der Krankenwärterin.

Henrietta blieben die Mikroskope, der Traum, das Kleinste groß zu sehen, und die Bücher. Waren die Bücher nicht die allerbesten Lokomotiven, wiesen sie nicht den Weg zu den Gedanken, ihren eigenen Gedanken? Auch wenn sie immer wieder auf Angestrichenes und Notate und Eselsohren stieß, die sagten: hier waren wir, die Männer, und wer bist du?

Kontrastiert mit dem Elend der Großstadt, deren bewegtes Chaos gleichermaßen als geographische und Seelenlandschaft erscheint, entfaltet Kluger ein schillerndes Bild der damaligen Forschergemeinschaft. Es sind sowohl fiktive Gestalten als auch historische - darunter der Stabsarzt Emil von Behring und der jüdische Serologe Paul Ehrlich, der politische Reformer Virchow und der reaktionäre Eugeniker Cesare Lombroso. Durch Henriettas Perspektive werden die Mechanismen sichtbar, die die Wissenschaft an die Macht und zugleich von der menschlichen Natur abkoppeln, von den Gefühlen und Träumen, den realen Lebensbedingungen, ja selbst vom Tod.

Sie kannte den Tod von klein auf in all seiner Vielfalt ... Das Murmeln und Stöhnen hinter den Rabitzwänden, die namenlosen blutigen Embryonen in den Kloaken, die Lungenspucker und Schnapsleichen auf den Kellertreppen, die mit letzter Kraft im Unrat der Höfe harkenden Krallen der Hungerkinder, der müde, grauschwarze Gaul des Totenwagens, selber mit einem Huf schon in der Abdeckerei. ... Auf der Ersten Medizinischen ... war ein kühler, sachlicher Blick unmöglich, rotteten sich die Krankheitserreger auf den Objektträgern zusammen und kletterten am Mikroskop hoch direkt ins Gemüt des Betrachters.

" Dieser Roman ist selbstverständlich ein wissenschaftskritischer Roman, anders kann man ihn heute auch nicht schreiben. ... Es gibt ein wichtiges Zitat, was belegt ist von Paul Ehrlich: Wissen hält nicht länger als Fisch - das ist ein sehr kluger jüdischer Humorsatz, der den Ton vorgibt, und später, am Ende des Romans, erkennt Henrietta ja, und das war mir schon wichtig, dass die Menschheit durch die Wissenschaft überhaupt nicht vorangekommen ist, sondern dass der Mensch, wie sie sagt, sich tarnt, und der Erreger, also die Dummheit oder die Unmenschlichkeit, sich eben tarnt und dass man sie nicht unter das Mikroskop legen kann und mit Medikamenten oder Erforschungen heilen kann."

Ein Teil der Erzählkunst des Autors besteht darin, diese Widersprüche mitten durch seine Hauptfigur hindurch zu ziehen, statt sie als Jeanne d'Arc der männerdominierten Medizin zu stilisieren. Henrietta selbst vergisst über ihrem Eifer die eigene Freundin aus den ärmlichen Kindertagen. Sie versucht, die Liebe für ihre Zwecke zu benutzen, bevor sie bitter dafür bezahlt. Sie studiert in Männerkleidung und entlarvt sich selbst, veröffentlicht anonym, gerät in die Abhängigkeit ihrer Gegner und verstrickt sich immer tiefer in die eigenen, im Hinterhofdschungel erlernten Strategien. Damit gerät auch der Leser in den zusehends beschleunigenden Strudel der Intrigen und versteckten Koalitionen. Warum dieser Umschlag vom anfänglich episch breiten ins zeitraffende, lücken- und sprunghafte Erzählen?

" Mein Ziel war es natürlich, den inneren Rhythmus dieser Figur, die ein sehr besonderes Verhältnis zur Zeit hat, das sie auch thematisiert - sie glaubt ja, wenn sie über Brücken geht, ist sie schon zwei Jahre älter geworden - dass ich einfach darstellen wollte, wie eben in einem Leben, da ich ja das ganze Leben dieser Frau erzähle von der Geburt bis zum Tod - wie in einem Leben die Wahrnehmung der Zeit sich verändert. ... Es ist nicht der Erzähler, der jetzt sagt: ich beschließe mal, hier jetzt fünf Jahre zu überspringen, sondern es ist letztlich die Figur. ... Aber an sich ist es ein durcherzähltes Leben, eben aus ihrer Sicht. Es gibt, soweit ich weiß, wenig Auktoriales, das heißt, es ist schon eine Ein-Frau-Show."

Eine Motivierung könnte das anziehende Erzähltempo allerdings auch im ambivalenten Fortschritt selbst finden. Während das Leben dieser Vorkämpferin, die man auf ihren ersten Schritten kennen und lieben gelernt hat, in abrupten Bildern verflackert, bricht auch das neue, das zwanzigste Jahrhundert an und rast mit dem Krieg in eine schnellere, technischere, noch gewalttätigere Epoche. Und schon als die Diakonisse Mariechen stirbt, mit deren Hilfe Henrietta zur Welt kam, ist die Ära vor der Bakteriologie nur noch Legende:

Virchow ordnete eine Minute Schweigen an, eine Minute gedachte die Charité der alten Zeit, als die Welt noch aus Haferbrei und Dunkelheit bestand und die Ärzte den Mond anheulten und die Bazillen stille Post spielten und darauf warteten, entdeckt zu werden.

Diese farbige, so verspielte wie eindringliche Poesie macht die Lektüre der "Gehilfin", über die bewegende Geschichte hinaus, zu einem seltenen ästhetischen Erlebnis. Auch wenn die Erzählökonomie nicht über die gesamte Strecke einzuleuchten vermag, beweist dieser hintergründige historische Roman erneut die außergewöhnlichen Fähigkeiten eines reifen, sprachgewaltigen Romanciers.

Martin Kluger:
"Die Gehilfin"
(DuMont Verlag)

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk