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StartseiteBüchermarktSüße Erinnerung18.07.2004

Süße Erinnerung

Peter Kurzeck, "Ein Kirschkern im März"

Jeden Tag hin und her zwischen Bockenheim und Frankfurter Westend. Vater und Tochter - sie sehen Bettler, Ganoven, Pizzabecker, Skateboardfahrer, komische, lustige, traurige, besoffene Typen, liebeswerte Gestalten, an jeder Ecke ein neues Geheimnis. Vater und Tochter - sie kennen jedes Haus, jeden Secondhandladen, jedes Möbelgeschäft, sie finden ihren Weg durch die Stadt blind, sie sehen alles. Nichts kann ihnen passieren, er hat einen Schirm dabei. Zum Festhalten. Der Schirm - eines der Leimotive in diesem Roman.

Von Hajo Steinert

Reife Kirschen der Sorte "Altenburger Melone"  (AP)
Reife Kirschen der Sorte "Altenburger Melone" (AP)

Der erzählerische Ausgangspunkt In Peter Kurzecks Roman Ein Kirschkern im März ist das Jahr 1984. Der mit dem Autor identische Erzähler ist da schon vierzig Jahre auf der Welt. Er ist von Gießen nach Frankfurt gekommen, das Trinken hat er längst aufgegeben, zwei Romane waren zu diesem Zeitpunkt veröffentlicht, ein dritter ist in Arbeit. Kein Frühling. Er wird 1987 herauskommen. Es ist der Roman einer stillen, armseligen, kurzärmeligen Kindheit in den fünfziger Jahren in der hessischen Provinz. Geschrieben aus der Perspektive des ewigen Flüchtlingskindes. Peter Kurzeck ist 1943 in Tachau, Böhmen geboren, mitten im Krieg. Aber jetzt, im März 1984, ist Frühling. Trotz des Verlustes von Frau und Wohnung, trotz Armut und wenig Aussicht auf beruflichen Erfolg, was immer das für einen Schriftsteller heißen mag, dem es nicht um Honorare geht, der sie trotzdem dringend braucht.

Ein anderer Vater aus dem Kinderladen stellt dem vagabundierenden Schreiber von Büchern ("Flaneur" wäre zu vornehm) eine Mansarde in der Eppsteiner Straße zur Verfügung; ein Buchladen in Offenbach lädt ihn zu einer Lesung ein. Die Unsicherheit des Autors auf dem Stuhl, vor dem Tisch, vor dem Buch, ein Glas Wasser vor sich, die Zuhörer glotzen ihn an. Ein erzählerisches, geradezu satirisches Kabinettstückchen, dieses Kapitel aus dem Leben eines Schriftstellers, dem sein Beruf peinlich ist, und der sich danach sehnt, dazu zu gehören.

Aus dem Leben eines Schriftstellers. Das Kind, die Mansarde, die Lesung - und hin und wieder ein Espresso - das reicht für den Erzähler in Peter Kurzecks Roman Ein Kirschkern im März aus, um nicht in Resignation, Selbstmitleid, Depression zu verfallen. Es gibt bei Peter Kurzeck keine guten und schlechten Menschen. Er teilt die Welt nicht ein in böse und gut. arm und reich. Er teilt gar nichts ein. Deshalb ist er Schriftsteller geworden, nein: deshalb hat er zu Schreiben angefangen.

Alle Häuser in diesem Roman lächeln. Der Autor grüßt zurück. Ein Summen liegt in der Luft. Musik. Binen, Schwalben, der Bussard. Ein Blühen auf der Erde. Krokusse. Weissdorn. Forsythien. Oder einfach nur Gestrüpp. Peter Kurzecks "Ein Kirschkern im März" ist ein heiterer Roman. Der Autor ist nach allem, was er erlebt hat, mit der Welt versöhnt. Die Erlösung glitzert auf dem Asphalt: "Ein Kirschkern, sagte ich. Ich stand in der Sonne. Weiß und trocken der Kirschkern auf meiner Hand. So rund und vertraut, dass du ihn fast in den Mund nimmst. Ein Kirchkern im März."

Der Kirschkern - ein Zeichen des Überlebens. Den ganzen Herbst, den langen Winter über, unterm Schnee, hat er da gelegen, ausgespuckt womöglich von einem fröhlichen Kind, das mit der spitzen braunen Papiertüte seines Weges ging, glücklich in den September hinein. Jetzt geht der Schriftsteller seinen Weg, den Blick nach unten gesenkt, ab und zu bleibt er stehen, schaut nach oben, blinzelt, nur nicht starren. Er geht und geht, beim Gehen sieht er alles, beim Gehen fällt einem alles wieder ein. Peter Kurzeck nimmt alles wahr, er kann nicht genug kriegen von den Dingen, Bewegungen, Gerüchen, Farben, den Zeichen der Großstadt; Schreiben ist für ihn, wie er selbst einmal gesagt hat, eine "Galvanisier-Anstalt für Zeit, Erinnerungen und jede Art innerer Bilder".
Die Form von Peter Kurzecks Prosa ist der Monolog. Nach Thomas Bernhard, dem großen anderen Gehenden, ist Peter Kurzeck der größte Monologkünstler, den wir haben. Er geht nicht, wie Bernhard, ins Dunkle, er geht ins Helle. Täglich gibt er sich einen Ruck. Schreiben als Selbstentzündung: "Du suchst dir ein paar Wörter im Kopf zusammen, den Anfang von einem Satz, und machst dich auf den Weg. Aus dem Haus."

Perter Kurzeck hat nicht, wie einst Peter Handke, wenn der durch sein Paris ging, einen gespitzten Bleistift in der Anzugsjacke, um alles aufzuschreiben. Peter Kurzeck trägt eine vergammelte Wildlederjacke. Der Erzähler notiert nicht, es notiert in ihm. Nachts, wenn das Kind, an das er immerzu denken muß, im Bett liegt, schreibt er alles auf. Federleicht. Zwanghaft. Penibel. So viel, so schnell, dass er Satz für Satz auf die Verben verzichtet. Der Leser denkt sie sich selbst. Hilfsverben mag der Autor überhaupt nicht. "Ist" und "hat" - weglassen, weglassen, ruft es in ihm. Diese radikale Verbvermeidung ist es, die seine Prosa so unvergleichlich macht.

Die aus Anlass von Literaturpreisen in die Welt gesetzten Vergleiche mit Alfred Döblin (weil Kurzeck ein Großstadtpoet ist), mit James Joyce (weil Kurzeck aus der zeitlichen Perspektive eines einzigen Tages heraus erzählen kann) und mit Marcel Proust (weil auch Kurzeck die "verlorene Zeit" sucht) sind oberflächlich und gut gemeint. Sie treffen den Kern von Kurzecks Schreiben nicht.

Die Simultaneität fotografisch genau wiedergegebener Wahrnehmungen wird überlagert und unterlagert von den Erinnerungen, die jeder Blick, jedes "objet trouvé" in ihm auslöst. Ein Kirschkern im März ist nicht einfach ein Buch der Erinnerungen, sondern darüber hinaus ein Buch der Erinnerung an Erinnerungen. Genauer: Der Erzähler erinnert sich nicht nur an das Jahr 1984, sondern wie er sich in diesem Jahr an das Früher erinnert. An die Nachkriegszeit, die fünfziger, die sechziger Jahre. An 1977, als der von einer Sehnsucht nach einem anderen Leben gepackte junge Mann von Gießen nach Frankfurt zog, wo es an jeder Ecke wenigstens eine Telefonzelle gibt, um mit der Welt in Kontakt zu bleiben.

Der Leser gerät in einen beispiellosen Sog der Erinnerungen. Es sind Erinnerungen an eine Kindheit in Böhmen, an eine andere Sprache, die der Autor nicht vergessen will, Erinnerungen an Schreiben, Rechnen, Heimatkunde, an eine andere Landschaft, an die Mutter, an die Flucht nach Staufenberg in Oberhessen, an die Blicke heraus aus dem "Flüchtlingsfamiliendachgeschoßnachkriegsküchenfenster", das Schneidebrettchen aus Buchenholz, den Geruch von böhmischer Mehl-Kraut-Kohlsuppe, an die Dorfeinwohner: "Lauter Menschen, die in der Literatur nicht vorkommen." Es sind Erinnerungen an eine Zeit, da in Gießen die Bauern von Acker und Vieh nicht mehr leben konnten und in die Gießereien schwitzen gehen ("von der Hütt aufs Feld und vom Feld auf die Hütt."), an das letzte Schuljahr, als er beschloss - wie ein Jugendlicher das so für sich beschließt - "Schriftsteller" zu werden, an die Reisen nach Griechenland, an die Rituale der alltäglichen Liebe mit Sibylle, an die Jahre, als eine Matratze, ein Stuhl, ein Schreibtisch zum Leben noch ausreichten, an die Jahre auch, als das Arbeiten nichts mit einem selbst zu tun hatte. Kaum vorstellbar, dass Peter Kurzeck einmal als Personalchef bei der US-Army angestellt war.

Erinnerungen und Gegenwart werden bei Peter Kurzeck nicht gegeneinander gestellt. Die Übergänge sind fließend. Die Gegenwart ist schon im Augenblick des Aufschreibens Erinnerung, und die Erinnerung ist im Moment des Aufschreibens, der für den Leser der Moment des Lesens ist, eine Gegenwart. Es geht bei Kurzeck nicht um das Eins-nach-dem-Anderen. Schreiben ist bei ihm eine Kreisbewegung, seine Kreise ziehen spiralförmig über eine gerade Linie von links nach rechts, die Redundanz hat Methode. Der Roman ist wie ein Gitarrensolo von Eric Clapton, als er mit "Cream" noch 2o Minuten lang "Spoonful" spielte.

Halt findet Kurzecks Leser bei den Leitmotiven, sei es am Regenschirm, bei einem Espresso oder an irgend einem anderen ständigen Lebensbegleiter des Autors. Zu denen auch wir gehören, die Kurzecks Bücher lesen und lesen, und nicht genug von ihnen kriegen können. "Also ist morgen auch noch ein Tag!" So hört "Ein Kirschkern im März" auf. Kann ein Buch tröstlicher enden?

Peter Kurzeck
Ein Kirschkern im März
Stroemfeld/Roter Stern, 282 S. , EUR 19,80

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