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StartseiteKultur heuteSuhrkamp Verlag beantragt Gläubigerschutz27.05.2013

Suhrkamp Verlag beantragt Gläubigerschutz

Machtkampf geht in die nächste Runde

Die Geschäftsführung von Suhrkamp hat beim Berliner Amtsgericht ein Schutzschirmverfahren beantragt. Eine Sprecherin des Verlags betont, das Unternehmen sei trotzdem zahlungsfähig. Der Journalist Jörg Plath sieht darin einen neuen Schlag gegen Miteigentümer Hans Barlach.

Burkhard Müller-Ullrich im Gespräch mit Tanja Postpischil und Jörg Plath

Die Geschäftsführung unter Leitung von Ulla Unseld-Berkéwicz will den Verlag innerhalb von 3 Monaten sanieren (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)
Die Geschäftsführung unter Leitung von Ulla Unseld-Berkéwicz will den Verlag innerhalb von 3 Monaten sanieren (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)

Burkhard Müller-Ullrich: Jetzt aber doch zu Suhrkamp. Der "Spiegel" meldete heute, dass sich die beiden Anteilseigner – und ja, man kann schon sagen: Erzfeinde – Ulla Unseld-Berkéwicz und Hans Barlach dahin gehend annähern würden, dass sie nach einem dritten Miteigentümer suchten, sozusagen als Verbindungsmann. Davon ist aber in der Mitteilung, die der Verlag vor gut zwei Stunden veröffentlicht hat, keine Rede, sondern da heißt es: "Die Geschäftsführung des Suhrkamp Verlags hat heute beim zuständigen Amtsgericht Berlin-Charlottenburg einen Antrag auf Einleitung eines sogenannten Schutzschirmverfahrens nach dem Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen (kurz ESUG) eingereicht." Was um Himmels willen hat das zu bedeuten, habe ich vor ein paar Minuten die Suhrkamp-Pressesprecherin Tanja Postpischil gefragt. Hier ihr Statement:

Tanja Postpischil: Also im Prinzip ist es tatsächlich so, dass das Schutzschirmverfahren, was wir beantragt haben, kein klassisches Insolvenzverfahren ist. Es ist ein Verfahren, was den Verlag stärken soll, was ihn ein Stück weit sanieren soll und was ihn gut in die Zukunft bringen wird.

Müller-Ullrich: Wer hat das denn ausgeheckt?

Postpischil: Die Geschäftsführung.

Müller-Ullrich: Gut beraten durch wen?

Postpischil: Gut beraten durch ein gutes Team, was ihr zur Seite steht. Und Sie konnten ja auch in unserer Pressemitteilung lesen, dass es jetzt einen vom Gericht bestellten Sachwalter gibt und einen Generalbevollmächtigten, Dr. Frank Kebekus, der jetzt hier im Hause ist und den Prozess mit uns durchführen wird.

Müller-Ullrich: Der Prozess dauert, wenn ich es juristisch recht verstanden habe, drei Monate höchstens, das ist ja ein anspruchsvolles und sportliches Ziel.

Postpischil: Das ist tatsächlich ein sportliches Ziel, wir hoffen auch, dass es in drei Monaten erfolgreich zu einem Ende gebracht wird. Es kann natürlich immer noch Verzögerungen geben, das kann ich zum jetzigen Zeitpunkt gar nicht sagen.

Müller-Ullrich: Was bedeutet das denn für die Verlagsarbeit, was bedeutet das für die Autoren? Werden die Tantiemen normal ausgezahlt?

Postpischil: Ja. Also der Verlag ist nach wie vor voll zahlungsfähig, er ist komplett handlungsfähig, er gewinnt sogar ein Stück Handlungsfähigkeit zurück, und derzeit muss sich keiner Sorgen machen, dass Rechnungen nicht beglichen werden.

Müller-Ullrich: Haben Sie schon eine Reaktion von Hans Barlach?

Postpischil: Zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht.

Müller-Ullrich: Sagt die Suhrkamp-Pressesprecherin Tanja Postpischil.
Jörg Plath, Sie sind Literaturkritiker, Sie kennen sich im Verlagswesen aus, sie verstehen bestimmt auch was von Wirtschaft, aber haben Sie vor heute Nachmittag schon mal vom Schutzschirmverfahren nach dem ESUG gehört?

Jörg Plath: Bisher nicht, bisher nur von Insolvenzverfahren wie bei Eichborn und Aufbau, aber das ist ja auch neu, es gibt erst seit einem Jahr dieses Schutzschirmverfahren.

Müller-Ullrich: Was hat das denn jetzt mit Suhrkamp auf sich, was ist der Trick daran, warum wird so ein Bohei gemacht? Und wenn ich Insolvenz höre – das heißt, es ist doch fast so weit, oder?

Plath: Ja, ich würde auch sagen, das ist so weit, dass sie ein kleines Insolvenzverfahren, eines, das relativ vorteilhaft ist für die jetzige Geschäftsführung, sie wird nicht abgesetzt durch einen Verwalter, einen Insolvenzverwalter, sondern sie kann weiterarbeiten, sie hat weiter keine Einschränkungen zu befürchten, sie wird mit dem Sachverwalter, so heißt das, einen Insolvenzplan oder nein, einen Sanierungsplan erarbeiten, und man kann sagen, dass sich da die Geschäftsführung einfach den Sachwalter und das Gericht ins Haus holt, um zu einem neuen Schlag gegen Barlach auszuholen – also eine juristische Mediation, nachdem die anderen Mediationen, von denen ja die Rede war, nach langen, langen Jahren der Blockade und der Kampfpolitik in diesem Hause alle versagt haben. Sie erinnern sich an Michael Naumann, der hat Barlach den Mann mit der Fahrradklingel genannt, und dann war es zu Ende mit seiner Mediation, alles gescheitert. Das Geld fehlt auch, mit dem einer der Geschäftsmiteigentümer, einer der Gesellschafter, der zugleich auch der maßgebliche Geschäftsführer ist, den anderen auszahlen könnte.

Müller-Ullrich: Wir haben auch versucht, eine Antwort von Hans Barlach zu bekommen, aber wir konnten ihn heute Nachmittag nicht erreichen und es gab noch keinen Rückruf. Aber was bedeutet das jetzt noch mal konkret für die Autoren? Das ist mir immer noch nicht ganz klar, heißt das, drei Monate lang tun wir so, als ob noch alles in Ordnung sei?

Plath: Ja, in drei Monaten kann man, glaube ich, einiges erreichen, wenn man versucht, diese Blockade innerhalb des Hauses zu lösen, denn darum geht es ja vor allen Dingen. Für die Autoren heißt das, glaube ich, erst mal nichts. Man muss eben gucken, was in drei Wochen dann steht. Es heißt für die Autoren insofern auch nichts, als weiterhin das Geld, das ja nach dem letzten Gerichtsurteil in Frankfurt am Landgericht, der Gewinn nämlich von den Jahren 2010 und 2011, ausgezahlt werden muss an die Gesellschafter, also an Barlach und an die Familienstiftung, 8,2 Millionen Euro sind das, dass dieses Geld erst mal im Haus bleibt und man weiter wirtschaften kann. Das wäre offenbar schwierig gewesen, deswegen heißt es zu Anfang in der Pressemitteilung, die Wirtschaftsprüfer haben es nicht erlaubt, den Verlag so fortzuführen, wenn das Geld ausgezahlt werden würde.

Müller-Ullrich: Also diese pendente Zahlung, diese 8,2 Millionen, die haben das Haus runtergerissen, denn zur Jahreswende hat es ja noch geheißen: Alles in Ordnung, die Bücher sehen gut aus, das Geschäft läuft prächtig.

Plath: Ja, das glaube ich auch, die Gewinne sind ja auch da in den Jahren 2010 und '11 auf jeden Fall, wahrscheinlich auch in '12, aber das Geld, das sonst ausgezahlt wird an die Familienstiftung und bisher auch an die Medienholding ist ja in der Regel auch wieder reinvestiert worden, das ist ja nun durchaus fraglich, ob Barlach das Geld wieder investiert hätte.

Müller-Ullrich: Aber nach dem Ablauf von drei Monaten kann es sein, dass es dann richtig schiefgeht, das ist ja auch ein risikoreiches Spiel jetzt.

Plath: Das stimmt, das ist ein Spiel erst mal auf Zeit, aber nur auf kurze Zeit, und dann ist es so, dass nach drei Monaten ein Sanierungsplan stehen muss, und ein Schuldenmoratorium mit den Gläubigern ausgehandelt sein muss. Der Hauptgläubiger ist natürlich Barlach, darum wird es vor allem gehen, und wenn der dem nicht zustimmt, dann geht das Unternehmen in die Insolvenz, aber nicht in die normale, also wie wir es erlebt haben bei Aufbau oder bei Eichborn, sondern in ein Insolvenzplanverfahren, und das heißt, dass der davor von der Geschäftsführung, die ja von Ulla Berkéwicz geleitet wird, ausgearbeitete Sanierungsplan durchgeführt wird. Das heißt, dass das Unternehmen nicht einfach verkauft werden kann, und nicht einfach zerschlagen werden kann, sondern dass dann durchgeführt wird, was Ulla Berkéwicz und ihre Geschäftsführung ausgearbeitet hat, und das wäre natürlich wahrscheinlich auch eine Stärkung ihrer Position gegenüber Barlach.

Müller-Ullrich: Jörg Plath, vielen Dank für die Auskünfte zu den jüngsten Entwicklungen in der Suhrkamp-Seifenoper, hätte ich jetzt fast gesagt, aber es ist ja viel zu ernst!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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