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StartseiteKoran erklärt Die Legende der Siebenschläfer im Koran03.11.2017

Sure 18 Vers 18Die Legende der Siebenschläfer im Koran

Junge Männer retten sich vor der Christenverfolgung in eine Höhle, wo sie von Gott behütet Jahrhunderte lang schlafen. So geht die Legende der Siebenschläfer. Das uralte Motiv des langen Schlafs, übrigens auch bei Dornröschen verarbeitet, findet sich ebenso im Koran - um der jungen islamischen Gemeinde die Idee der Wiederauferstehung nahe zu bringen.

Von PD Dr. habil. Hermann Kandler, Universität Mainz

Weiterführende Information

Das Buch "Koran erklärt". (Suhrkamp)Zu unserer Sendereihe ist ein Buch "Koran erklärt" im Suhrkamp-Verlag Berlin erschienen, herausgegeben von Deutschlandradio-Intendant Dr. Willi Steul. (Suhrkamp)

"Du hältst sie für wach, während sie schlafen."

Dieser Versauszug steht für eine elementare theologische Fragestellung der Zeit des frühen Islams - und auch des Christentums: nämlich die nach der Wahrhaftigkeit der Auferstehung.

Teaserbox zur Sendereihe "Koran erklärt" im Deutschlandfunk

Die Sendereihe Koran erklärt als Multimediapräsentation

Sie, also diejenigen, die schlafen, sind die "Ashāb al-kahf", zu Deutsch: die Gefährten der Höhle. Im Christentum sind sie als die "heiligen Siebenschläfer" bekannt.

Hermann Kandler im Porträt. (priv. )Hermann Kandler ist Privatdozent an der Universität Mainz. (priv. )Es ist die Sage von sieben jungen Männern, die aus Furcht vor Verfolgung durch den römischen Kaiser in eine Höhle flüchten. Dort verfallen sie in einen Jahrhunderte währenden Schlaf, bis sie zurzeit des christlichen Kaisers Theodosius des Zweiten wieder erwachen.

Als einer der Gefährten mit veralteten Münzen zum Brot holen in die Stadt geschickt wird, wird er dort als Fremder erkannt und dem Herrscher vorgeführt. Jener sieht im Wiedererwecken der sieben Jünglinge einen Beweis für die Wiederauferstehung von Leib und Seele.

In dieser Legende wurde damit das uralte Motiv des "langen Schlafes", das sich zum Beispiel auch bei Dornröschen wiederfindet, neu verarbeitet. Und genauso wie die christliche Tradition übernahm der Koran diese Geschichte, um der jungen islamischen Gemeinde die Idee der Wiederauferstehung nahezubringen, die im Islam die Belohnung für die Rechtgläubigkeit ist.

Die Aussage, dass man glaubt, sie seien wach, während sie eigentlich schliefen, drückt jedoch nicht nur Gleichzeitigkeit aus, sondern auch einen scheinbaren Widerspruch: einerseits die Schläfer, weder tot noch lebend, andererseits die Betrachter, die diese als wach ansehen. War die Wiederauferstehung also ein Zwischenstadium und musste metaphysisch gedeutet werden oder war sie tatsächlich eine Art Wachschlaf?

So sieht es zum Beispiel der islamische Gelehrte Ibn Kathîr und erinnert dabei an den Wolf, der während des Schlafes ein Auge geöffnet hat, um sich vor Unheil zu schützen. Dem Mystiker Rûmî dagegen gilt dieser Schlaf "mit wachem Herzen und offenen Augen" als Beweis größter Gottesnähe.

Ein Zeichen dafür, dass die Jünglinge tatsächlich schliefen, war für die Korankommentatoren auch, dass im weiteren Verlauf des Verses gesagt wird: "Wobei wir sie nach rechts und nach links umkehren."

Für den Mystiker Ibn Arabî entspricht das Wenden der Schläfer indes dem jüngsten Gericht, in dem des Menschen gute Taten, hin zur Rechten, und böse Taten, hin zur Linken, beurteilt werden.

Die gesamte koranische Legende in 18. Sure erstreckt sich über die Verse 9 bis 26. Sie ist eng an ihre christliche Vorlage angelehnt, auch wenn sie wie oft im Koran nur bruchstückhaft vorliegt.

Dennoch gibt es Abweichungen: zum Beispiel hinsichtlich der Zahl der Schläfer und eines erwähnten Hundes. Vers 22 besagt: "Man wird sagen, drei mit ihrem Hund vier. Man sagt auch fünf mit ihrem Hund sechs."

Die Vermutung liegt nahe, dass sich die islamische Tradition bewusst von der christlichen der sieben Schläfer absetzen wollte. Spätere islamische Überlieferungen nennen auch Gruppen von bis zu neun Personen.

Den Hund als Wächter der Schläfer kennt die christliche Legende überhaupt nicht.

Auch die Dauer des Schlafes weicht ab. Nach christlicher Tradition währte sie 190 oder 372 Jahre. In Vers 25 heißt es indes: "Und sie verweilten 300 Jahre und neun dazu".

Auch der Ort der Handlung, Ephesos in der christlichen Version, ist nicht festgelegt. Während der Zeit der islamischen Eroberungen entstanden da, wo es in den neu eroberten Gebieten Höhlen gab, islamische Wallfahrtsorte zu Ehren der Gefährten der Höhle. Heute jedoch ist nur noch Tarsus in der Türkei von überregionaler Bedeutung.

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