Montag, 18.12.2017
StartseiteKoran erklärt Ein zentrales Instrument zum Verstehen des Korans04.08.2017

Sure 2 Vers 106Ein zentrales Instrument zum Verstehen des Korans

Der Koran ist nicht selbsterklärend. Vieles muss hinterfragt, interpretiert und erläutert werden. Viele Aussagen im Text lassen sich andernfalls in keinen logischen Zusammenhang bringen. Ein zentrales Instrument zum Verstehen des Korans ist die Abrogation.

Von Prof. em. Dr. Kees Versteegh, Universität Nijmegen, Niederlande

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Das Buch "Koran erklärt". (Suhrkamp)Zu unserer Sendereihe ist ein Buch "Koran erklärt" im Suhrkamp-Verlag Berlin erschienen, herausgegeben von Deutschlandradio-Intendant Dr. Willi Steul. (Suhrkamp)

"Wenn wir einen Vers (aus dem Wortlaut der Offenbarung) tilgen oder in Vergessenheit geraten lassen, bringen wir (dafür) einen besseren oder einen, der ihm gleich ist. Weißt du denn nicht, dass Gott zu allem die Macht hat?"

Dieser Vers beinhaltet den wichtigsten Hinweis im Koran auf das Prinzip der Abrogation. Dieses Prinzip heißt auf Arabisch "naskh" und bedeutet wörtlich: Tilgung, Ersetzung. Es beschreibt Gottes Entscheidung, eine Regel durch eine neue abzulösen. 

Teaserbox zur Sendereihe "Koran erklärt" im Deutschlandfunk

Die Sendereihe Koran erklärt als Multimediapräsentation

Die Botschaft des Islams im Ganzen, so kann man sagen, abrogiert alle früheren Offenbarungen Gottes an andere Gemeinschaften. Muslime glauben, dass das Christentum und das Judentum wahrhaftige Religionen repräsentierten, dennoch seien sie durch eine bessere - nämlich den Islam - ersetzt worden. Somit stellt der Islam für Muslime die letzte Offenbarung Gottes an die Menschheit dar.

Kees Versteegh (priv. )Cornelis H.M. Versteegh, genannt Kees, ist einer der international bedeutendsten Arabisten. (priv. )Das Prinzip der Abrogation findet aber auch innerhalb des Korans Anwendung. Gemäß dem eingangs zitierten Vers, gebietet Gott den Gläubigen manchmal, etwas zu tun, und dann offenbart er zu einem späteren Zeitpunkt ein neues Gebot, das dieses frühere aufhebt.

Das Prinzip der Abrogation stellte die Theologen vor ein Problem. Sie konnten nicht glauben, dass sich der göttliche Wille ändern sollte. Deshalb argumentierten sie, Abrogation solle nicht auf die Verse selbst angewendet werden, sondern nur auf deren Inhalt.

Für Rechtsgelehrte war das Problem weniger drängend, da sie mit der Verfahrensweise vertraut waren, dass sich Regelungen auch ändern können. Für das islamische Recht wurde die Abrogation zu einem wesentlichen Bestandteil. Für Korankommentatoren wurde ihr Studium unverzichtbar. Wenn zwei unterschiedliche Regeln nebeneinander existierten, war es zwingend erforderlich zu wissen, in welcher chronologischen Reihenfolge sie offenbart wurden. Jeder offenkundige Widerspruch konnte dann so aufgelöst werden, dass eine Regel die ältere ist und durch die neuere ersetzt wurde.

Ein Beispiel: Anfänglich teilte Mohammed den Gläubigen mit, Gott wolle,  dass sie sich beim Gemeinschaftsgebet in Richtung Jerusalem aufstellten. Nach der Auswanderung nach Medina aber brachte Mohammed eine Offenbarung (Sure 2 Verse 142 bis 143), wonach sich die Gläubigen beim Gebet in Richtung Mekka wenden sollten.

In Sure 2 Vers 184 heißt es, man dürfe eine Verletzung der Fasten-Pflicht kompensieren, indem man für jeden Tag, an dem man das Fasten gebrochen hat, einen armen Menschen speist. Der nachfolgende Vers 185 erwähnt diese Möglichkeit nicht mehr. Er wird daher von einigen Korankommentatoren als Abrogation des vorherigen Verses verstanden. Ihnen zufolge wurde die Möglichkeiten der Kompensation getilgt.

Ein weiteres Beispiel: Zu Beginn von Sure 9 wird ein zeitlicher Aufschub im Kampf gegen die Ungläubigen bekannt gegeben. Nach Ablauf der Frist soll der Kampf wieder aufgenommen werden. 

Korankommentatoren vertraten die Ansicht, nach Ablauf dieses Aufschubs seien alle existierenden Verträge mit den Ungläubigen annulliert. Mithin seien alle früheren Verse abrogiert, die von Versöhnung und Waffenruhe zwischen Muslimen und Nichtmuslimen sprechen.

Dieser Interpretation folgen allerdings nicht alle Korankommentatoren. Wie die meisten anderen Forderungen, die auf Basis einer Abrogation erhoben wurden, wurde auch diese Gegenstand von Diskussionen.   

Die Diskussionen dauern bis heute an und werden inzwischen im Internet fortgeführt. Auf der einen Seite stehen die Hardliner, die behaupten, alle Verse, die Gewaltlosigkeit predigten, seien abrogiert, und allen Muslimen obliege es, den Dschihad gegen die Ungläubigen zu führen. Auf der anderen Seiten stehen die Gemäßigten, die diese Abrogation ablehnen und betonen, die Botschaft des Islams sei eine der friedlichen Koexistenz.

Bei der Audioversion handelt es sich um eine aus Gründen der Sendezeit leicht gekürzte Fassung dieses Textes. 

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