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StartseiteKoran erklärt Tradition und Vernunft im Widerstreit01.07.2016

Sure 2 Vers 269Tradition und Vernunft im Widerstreit

Tradition und Vernunft führen in allen Religionen seit Langem einen Kampf um die Hoheit. Daraus entstanden die verschiedenen Strömungen von fundamentalistisch über orthodox bis reformtheologisch. Die wichtigsten Mittel dieser Auseinandersetzung im Islam sind Koran, Sunna und der menschliche Verstand. Der hier erläuterte Koranvers gibt Aufschluss darüber, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen.

Von Prof. Dr. Bülent Uçar, Universität Osnabrück

"Er gibt die Weisheit, wem er will, und wem da Weisheit gegeben wurde, dem wurde hohes Gut gegeben; doch niemand bedenkt dies außer denjenigen, die Verstand haben."

Wir haben verlernt, den Glauben mit Weisheit anzunehmen, mit Hingabe zu vertiefen und mit Liebe zu praktizieren. Die Muslime unserer Zeit sind geneigt, ihre persönlichen Vorstellungen von Gut und Böse als maßgeblich zu sehen. Sie verabsolutieren gerne ihre eigenen Erfahrungen als verbindliche Größen für Wertefragen und Glaubensangelegenheiten wie auch für die konkrete Lebenspraxis.

Teaserbox zur Sendereihe "Koran erklärt" im Deutschlandfunk

Die Sendereihe Koran erklärt als Multimediapräsentation

Abweichende Positionen werden oft als häretisch und abtrünnig beziehungsweise als extremistisch und reaktionär abgestempelt. Der Bezug auf das "Allâhu a’lam" – also die Überzeugung davon, dass Gott es am besten weiß - ist verloren gegangen.

Bülent Uçar (priv.)Bülent Uçar lehrt am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück. (priv.)Trotz aller Verschiedenheit verbindet die Muslime der Bezug auf eine Instanz, die sie im Diesseits auf verschiedene Normen verpflichtet und sie hierdurch rechtleitet: Es handelt sich dabei um das "kitab", wie es im Arabischen heißt: den Koran als zusammengehöriger Korpus aller göttlichen Offenbarungen in concreto für die Muslime unserer Zeit

Im eingangs zitierten Vers wird eine weitere Komponente eingeführt: "hikma", als Weisheit übersetzt, wird häufig neben dem "kitab" genannt. "Hikma" deutet darauf hin, dass zusätzlich zur expliziten göttlichen Botschaft noch etwas anderes im Leben der Menschen besteht.

In der traditionellen Exegese wurde "hikma" häufig der Sunna gleichgesetzt, dem nachahmenswerten Verhalten des Propheten Mohammed. Ein anderer - eher von muslimischen Philosophen präferierter Zugang - verband mit "hikma" die Erkenntnisse, welche der Mensch mit Hilfe der Ratio - also seines Verstandes - ermitteln konnte.

Meines Erachtens bildet das keinen Gegensatz. Vielmehr ergänzen sich Sunna und Ratio. So wird durch die Sunna und all jene Gelehrten, die in dieser Tradition stehen, die Glaubenspraxis, die in den Texten steckt, also der "lebende, vermenschlichte Koran" von Generation zu Generation erfahrbar gemacht und weiterentwickelt.

Der Text alleine ist also nicht die normative Bezugsgröße. Er ist lediglich die Quelle, aus der Normen abgeleitet werden. Die Erkenntnisse der Gelehrten und die Traditionen geben dem Ganzen eine dynamische Komponente. Über diesen Anschluss an den Gelehrtendiskurs wird ein anachronistischer Zugang zum Glauben verhindert. Ebenso wird eine eklektizistische Beliebigkeit in der Textrezeption verhindert, wie wir es heute bei bestimmten Reformtheologen wie auch extremistischen Gruppierungen, etwa der IS-Terrormiliz, methodologisch ähnlich beobachten können.

Der Rückgriff alleine auf die Texte bietet noch keine Gewähr für einen ser iösen und methodisch sauberen Zugang. Diese Art des Quellenverständnisses und der Ableitung von konkreten Normen war den muslimischen Gelehrten bis in die Moderne auch weitgehend fremd.

Zudem bietet die Einrahmung durch die plurale Tradition alleine noch keine ausreichende Absicherung. Denn Traditionen sind nicht davor geschützt, notwendige und legitime Entwicklungen zu verpassen.

Daher kann als Korrektiv die menschliche Ratio an dieser Stelle eingreifen und mögliche Fehlentwicklungen im Gesamtgefüge anmahnen. Die Ratio ist zwar unabhängig, wird sich aber in dem skizzierten Kontext bewegen aus "kitab" - also dem Koran -, "hikma" - der Weisheit - und Sunna beziehungsweise der Gelehrtentraditionen. In diesem Sinne kann man die Ratio nach meinem Ermessen sehr wohl als koranisch legitimierten Teil der "hikma" bezeichnen.

Diese "hikma" haben wir heute verlernt. Muslime benötigen legitime, innovative Entwicklungen innerhalb der etablierten Traditionen. Die Wiederbelebung der Sunna und der Ratio, also des Verstandes bilden keine Widersprüche. Sie sind vielmehr zwingende Notwendigkeit.

Doch: "Allâhu a'lam" - Gott weiß es am besten!

Die Audioverdion musste aus Gründen der Sendezeit leicht gekürzt werden.

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