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StartseiteEine WeltISIS und die Weltkriegsgrenzen26.07.2014

Sykes-Picot-AbkommenISIS und die Weltkriegsgrenzen

Die Kämpfer der Terrororganisation ISIS wollen einen islamischen Gottesstaat und deshalb die von Europäern im Ersten Weltkrieg gezogenen Grenzen von der Landkarte tilgen. Und sie mahnen dabei zur Einhaltung ein alten europäisches Versprechen.

Von Björn Blaschke

Vermummte, mit Raketenwerfern und Maschinengewehren bewaffnete Männer stehen vor einer Mauer. (picture alliance / dpa / Mohammed Jalil)
Die Kämpfer von ISIS wollen einen Gottesstaat im Nahen Osten (picture alliance / dpa / Mohammed Jalil)

Lawrence von Arabien - er ist der tragisch-romantische Held, der unser Bild von den Auseinandersetzungen des Ersten Weltkrieges im Nahen Osten bis heute prägt: Unter seiner Führung erhoben sich die Araber gegen die Osmanen, die an der Seite Deutschlands standen. El-Awrence, wie die Araber den britischen Agenten nannten, hatte ihren Stammesführern ein Versprechen gegeben: Dass die Araber, deren Gebiete seit Jahrhunderten von den Osmanen besetzt waren, nach dem Ende des "großen Krieges" einen eigenen Staat erhalten würden. Die Araber kämpften gegen türkische und deutsche Truppen - als angebliche Verbündete der Briten. Doch die Krone verriet ihre Waffenbrüder: Spätestens ab 1915 arbeitete sie an Plänen, die das Ziel der Araber, einen eigenen Staat zu bekommen, ignorierten.

Regelmäßig trafen sich der britische Politiker Mark Sykes und der französische Diplomat Francois-Georges Picot. Für die Zeit nach dem Ende des Osmanischen Reiches verteilten sie dessen östliche Gebiete: Eine imposante Fläche von Tel Aviv bis zum Persischen Golf; von Ost-Anatolien bis zum Suezkanal, mehr als anderthalb Millionen Quadratkilometer; 20 Millionen Einwohner: Muslime, Christen und Juden; Türken, Kurden und Araber. Sykes und Picot zogen mit dem Lineal die Grenzen der heutigen Staaten im Nahen Osten und schrieben sie in einem nach ihnen benannten Abkommen im Mai 1916 fest.

Den Arabern einen unabhängigen Staat versprochen

Der Verrat an den Arabern schwarz-auf-weiß. Den Juden in der Diaspora versprachen die Briten anderthalb Jahre später dagegen ernsthaft eine Heimstatt; einen eigenen Staat - mit der sogenannten Balfour-Deklaration. Sykes-Picot und Balfour - zweierlei Einschnitte, die für den Nahen Osten bis heute enorm wichtig sind, wie Ayyad al-Qazzaz sagt, ein arabisch-stämmiger Wissenschaftler, der im kalifornischen Sacramento Soziologie lehrt:

"Wenn man sich ansieht, was sie gemacht haben, als der erste globale Krieg begonnen hatte: Sie haben den Arabern einen unabhängigen Staat versprochen. Den Juden haben sie ebenfalls eine Heimstatt versprochen. Und dann schlossen sie das Sykes-Picot-Abkommen, mit dem sie die arabische Welt nach ihrem Geschmack und ihren Interessen aufteilten. Ohne Rücksichtnahme auf die Interessen der Menschen."

Für nichtig erklärt wurde das Sykes-Picot-Abkommen kürzlich von Terroristen des Al-Kaida-Zweiges ISIS, Islamischer Staat im Irak und (Groß-)Syrien, womit Palästina, Libanon, Teile Jordaniens und eben Syrien gemeint sind. ISIS-Kämpfer hatten schon vor Monaten einige syrische Städte unter ihre Kontrolle gebracht. Dann - im Juni - eroberten die sunnitisch-muslimischen Extremisten im Irak Städte wie Mossul und Tikrit; sie ermordeten hunderte, vielleicht tausende Gegner und drohten der schiitisch-muslimischen Regierung in Bagdad, auch in die irakische Hauptstadt einzumarschieren.

Vor Kurzem erst wurde aus ISIS "IS": Die Islamisten riefen einen Islamischen Staat, ein Kalifat, aus, der von Abu-Bakr al-Baghdadi geführt wird - dem selbsterklärten rechtmäßigen Nachfolger von Prophet Mohammed als Führer der Muslime. In einem Video erklärte einer der Kämpfer, die eben einen irakisch-syrischen Grenzposten besetzt hatten:

"Das hier ist die sogenannte Grenze von Sykes-Picot - wir haben sie nie akzeptiert und wir werden sie nie akzeptieren. Wir werden hoffentlich auch die anderen Grenzen aufbrechen - so Gott will."

Wasser- und Ölquellen im Blick

Möglich wurde der schnelle Vormarsch der Islamisten aus mehreren Gründen. Wichtig ist dabei die "Ent-Staatlichung" der Staaten. Al-Kaida-Gruppen können dort leichter Fuß fassen, wo die Institutionen des jeweiligen Staates nicht mehr funktionieren; seine Autorität schwindet; Sicherheitskräfte haben sich als unfähig erweisen; Korruption und Willkür herrschen. Und je weniger ein Staat Herrschaft auszuüben im Stande ist, desto wichtiger werden wieder Jahrtausende alte Strukturen: Stämme; Clans; Familien-Bande, die ihren Angehörigen Sicherheit bieten; im Falle von Krankheit, Hunger, Arbeitslosigkeit, Alter.

Fast eine Ironie der Geschichte: Dass die ISIS-Kämpfer heute quasi als Terror-Pendler zwischen Syrien und Irak unterwegs sein können, verdanken sie in der Konsequenz dem Sykes-Picot-Abkommen von 1916: Die beiden Unterhändler hatten damals bei ihren Grenzziehungen Wasser- und Ölquellen im Blick, aber sie nahmen keinerlei Rücksicht auf ethnische Zugehörigkeiten und Stammesstrukturen. Deshalb leben die Stämme bis heute verteilt auf verschiedene Länder - von Libanon, über Syrien und Jordanien bis in den Irak und nach Saudi-Arabien. Mit Bindungen, die über alle nationalstaatlichen Grenzen und all die Jahrzehnte hinweg bestehen geblieben sind.

Grenzlinien von Sykes und Picot durchlässiger geworden

Praktisch bedeutet das: Sucht ein Al-Kaida-Kämpfer aus Syrien bei einem Cousin im Irak Hilfe, so wird er die erhalten. Ein familiäres Netzwerk, das Al-Kaida gelegen kommt: Sie und ihre Zweige folgen selbst einer transnationalen, islamistischen Ideologie mit dem Ziel, einen religiösen Staat zu schaffen, der die Gemeinschaft der Gläubigen, die Umma, vereinen soll. An diesem Punkt überschneidet sich die grenzüberschreitende Ideologie von Al-Kaida mit den grenzüberschreitenden Stammesstrukturen der nahöstlichen Groß-Region.

Hundert Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges und den sich daraus ergebenden neuen, künstlich geschaffenen nationalstaatlichen Territorien sind die Grenzlinien von Sykes und Picot durchlässiger geworden, stehen womöglich in der Perspektive sogar zur Disposition. Dieser Prozess aber bedroht als erstes den engsten Verbündeten des Westens in der Region: Israel. Weil Al-Kaida Israel niemals so nahe war wie heute - mitsamt dem Kernpunkt ihrer Ideologie, die Heiligen Stätten zu befreien sowie die westlichen "Kreuzritter" und die Zionisten von dort zu vertreiben. Jener ISIS-Kämpfer in dem offenbar an der irakisch-syrischen Grenze gedrehten Video lässt da kein Missverständnis aufkommen:

"Wir wollen Palästina befreien. Und wir wollen in Jerusalem beten."

Diese Entwicklung aber bedroht in einem zweiten Schritt auch uns. In Europa.

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