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StartseiteBüchermarktTestament zu Lebzeiten13.03.2006

Testament zu Lebzeiten

"Die Schrift des Desasters“ von Maurice Blanchot

"Die Schrift des Desasters" von Maurice Blanchot ist eine Art Testament zu Lebzeiten. Das Buch vereint Meditationen über den Holocaust, die Passivität, die Nichtausübung von Macht, Betrachtungen zur Etymologie, zum Schmerz, zur Trauerarbeit, zur Schlaflosigkeit und vieles mehr. Schließlich bietet es Monologe zu den ewigen Menschheitsproblemen Tod, Sterben, Suizid.

Von Bernd Mattheus

Maurice Blanchot starb 2003 in einem Vorort von Paris. (Stock.XCHNG / chris gordon)
Maurice Blanchot starb 2003 in einem Vorort von Paris. (Stock.XCHNG / chris gordon)

Noch die Tatsache seines Todes wollte er so lange wie möglich verborgen halten. Seine Vertrauten instruierte er, bis zum Zeitpunkt seiner Kremation und Bestattung Schweigen zu bewahren. Maurice Blanchot starb am 20. Februar 2003 im Alter von 95 Jahren in einem Vorort von Paris, wo er in äußerster Zurückgezogenheit lebte.

Das meiste von dem, was ich hier feststelle, hätte der Autor gewiss zurückgewiesen: "Der Schriftsteller, seine Biographie: er starb, lebte und starb", heißt es beispielhaft in der "Schrift des Desasters". Stets war die Vita dieses studierten Philosophen und Germanisten von der Aura des Geheimnisses umgeben. Blanchot gelang das Kunststück, bis ins hohe Alter ein Autor zu bleiben, von dem man kein Fotoporträt kannte. Das nährte gelegentlich Zweifel an seiner Existenz oder wenigstens seinem Fortleben. Spekulationen, die Blanchot gewiss amüsiert haben würden, da er so manches seiner Werke ohnehin als sowohl posthume wie auch anonyme Hervorbringung betrachtete, anders gesagt: das Buch als etwas Vielstimmiges, Kollektives.

Inzwischen kursieren drei Fotos Blanchots in der Öffentlichkeit: zwei des Studenten in Straßburg, eines des 80-Jährigen – abgeschossen von einem Paparazzo. So ereilte ihn das Schicksal Jerome David Salingers oder Thomas Pynchons, noch vom rätselhaften Comte de Lautréamont alias Isidore Ducasse fand sich ein Lichtbild. Blanchots Publizitätsscheu wäre freilich nicht als paranoider Reflex zu deuten, vielmehr beruht sie auf dessen Überzeugung, das sich das Antlitz des Autors im Geschriebenen verzehrt. Pointierter sagt es Blanchot selbst: "‘Ich‘ sterbe, bevor ich geboren werde."

Dennoch muss seine Lebensgeschichte, selbst wenn er sie vom Tod ausgehend denkt, eine bewegte genannt werden. Angesichts seiner stets fragilen Gesundheit sind seine intellektuellen Interventionen beträchtlich. Man zählt mehr als 400 Artikel sowie 21 Bücher – Romane, Erzählungen, Essaysammlungen, Fragmente – in weniger als drei Jahrzehnten. Er bringt wöchentlich, zu bestimmten Zeiten sogar täglich einen Artikel zu Papier. Nach einem abgebrochenen zusätzlichen Psychiatriestudium schreibt er zwischen 1931 bis einschließlich 1937 regelmäßig für die Presse der Rechtsextremen.

Um so mehr überrascht die Abkehr vom Verfassen politischer Polemiken – spätestens seit der Begegnung mit Georges Bataille 1941. Wie entschieden Blanchot nationalistischen Anwandlungen den Rücken gekehrt hat, manifestiert sich nicht zuletzt in seinen sporadischen politischen Interventionen im Frankreich de Gaulles: 1960 unterstützt er die Unabhängigkeitsbewegung Algeriens, gleichzeitig setzt er sich vier Jahre lang für die Herausgabe einer internationalen Zeitschrift ein, an der französische, italienische sowie deutsche Schriftsteller mitwirken sollten. Zu seinem Leidwesen kam das Projekt namens "Gulliver" nicht zustande. Im Mai ’68 wird er auf der Straße demonstrieren, anonyme Flugblätter schreiben, mit Studenten diskutieren.

Jenseits dieser letzten Phase des politischen Engagements ist er längst zu einer Autorität der internationalen Literaturkritik geworden. Er lektoriert für Gallimard, ist Mitglied mehrerer Preisjurys. Louis-René des Fôrets, Robert Antelme, Marguerite Duras, Michel Foucault, Jacques Lacan, Jacques Derrida, Emmanuel Levinas zählen zu seinen Freunden. Beckett, Gilles Deleuze, Roland Barthes, Jean-Luc Godard, Pierre Klossowski schätzen seine Werke. Selbst Martin Heidegger äußerte sich lobend über seine Hölderlin-Studie – wobei er allerdings Blanchots Namen mit demjenigen Batailles verwechselte.

"Die Schrift des Desasters", 1980 erstmals erschienen, stellt Blanchots letzte größere Buchveröffentlichung dar. Den 403 Fragmenten waren jeweils 1962 sowie 1973 andere Fragmentesammlungen vorausgegangen, "Warten Vergessen" und "Le pas au-dèla" (Der Schritt darüber hinaus) betitelt. "Desaster", diese Schrift des Unheils oder der Katastrophe, reflektiert durchaus auch eine Krise des Autors, das heißt eine Zeit erneuter Gesundheitsprobleme, die mit Arbeitsüberlastung einschließlich unfreiwilliger Isolation einhergehen. Ein letztes Mal beugt er sich über jene Autoren, mit welchen er sich seit Jahrzehnten auseinandergesetzt hat. Seien es nun Dichter, seien es Philosophen, Literaturwissenschaftler oder Psychoanalytiker. Mal entzünden sich die Fragmente an einer Abhandlung über primären Narzissmus, so Serge Leclairs "Ein Kind wird getötet", mal stellen sie grundlegende Begriffe des Philosophierens Georges Batailles in Frage, wie die Verschwendung, das Nichtwissen, die Überschreitung.

Weniger intensiv lässt sich der Autor auf Erfolgstitel der Zeit ein, gedacht an die "Rhizomatik" Deleuze und Guattaris, an die "Fragmente einer Sprache der Liebe" von Roland Barthes. Lakonisch merkt er zu dessen Buch an:

"Deshalb gibt es zweifellos keine Sprache der Liebe, außer der Liebe in ihrer Abwesenheit, 'gelebt‘ im Verlust, im Altern, das heißt im Tod."

"Die Schrift des Desasters", eine Art Testament zu Lebzeiten, vereint Meditationen über den Holocaust, die Passivität, die Nichtausübung von Macht, Betrachtungen zur Etymologie, zum Schmerz, zur Trauerarbeit, zur Schlaflosigkeit und vieles mehr, schließlich Monologe zu den ewigen Menschheitsproblemen Tod, Sterben, Suizid. Gleichwohl trifft zu, was Jacques Derrida in seinem Nekrolog hervorhob:

"In allen Schriften, die er dem Tod gewidmet hat, das heißt im Grunde in seinem gesamten Werk (...), bleiben das Morbide und das Letale dem Timbre oder der musikalischen Tonalität seines Sprechens fremd."

Bei Blanchot lesen wir:

"Das Desaster wäre auch dieser immer unverfügbare Anteil skeptischer Fröhlichkeit, die den Ernst (zum Beispiel des Todes) über allen Ernst hinausgehen lässt und gleicherweise das Theoretische leicht macht, indem sie uns nicht darauf vertrauen lässt."

Skepsis und paradoxales Denken halten sich die Waage. Um nur zwei Beispiele zu zitieren:

"Wer kritisiert oder das Spiel ablehnt, hat sich schon ins Spiel begeben."

Eine souveräne Existenz wird somit in den Bereich des Illusorischen verwiesen. Die Revolte durchgestrichen. Nichts anderes besagt der Aphorismus:

"Ohne das Gefängnis wüßten wir, daß wir alle bereits im Gefängnis sind."

Nicht wenige Passagen im "Desaster"-Buch belegen, dass der Autor nach einer angemessenen Replik auf Adornos provokative Frage suchte, wie man nach Auschwitz noch Gedichte schreiben könne. Blanchot wählte folglich keine diskursive Annäherung an das Thema, sondern das Bruchstück als Ebenbild der Katastrophe.

Der Autor, den Derrida in seinem Nachruf als einen der "größten Denker und Schriftsteller unserer Zeit" bezeichnet, war kurz vor Ende des Krieges knapp einer willkürlichen Exekution durch die Deutschen entgangen. Der kurze Bericht des Schriftstellers zu diesem Ereignis schließt mit den für sein Leben programmatischen Worten:

"Einzig bleibt das Gefühl von Leichtigkeit, das der Tod selbst ist, oder, um es genauer zu sagen, der Augenblick meines Todes fortan in der Schwebe."

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