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StartseiteCampus & KarriereTeufelswerk Evolution19.09.2006

Teufelswerk Evolution

Amerikanische Forscher versuchen die Schöpfungsgeschichte zu beweisen

Freud, Marx und Rousseau sind verdorbene Nachkommen von Charles Darwin, die Erde ist 6000 Jahre alt und einen Urknall gab es natürlich nicht. Die 40 Forscher des ICR-Instituts in San Diego bestehen auf dem Wortlaut der Bibel. Denn schließlich will auch US-Präsident George Bush, dass Schöpfungsgeschichte und Evolutionstheorie in den Lehrplänen gleich behandelt werden.

Von Beatrice Uerlings

Die Bibel ist für die ICR-Forscher das alleinig gültige Lehrbuch. (AP)
Die Bibel ist für die ICR-Forscher das alleinig gültige Lehrbuch. (AP)

Zwei Minuten vor Sendebeginn, beim Radiosender des ICR, wird keine Kirchen-, sondern sphärisch anmutende Computermusik gespielt. Am Mikrophon sitzen auch keine Priester, sondern Biologen, Physiker und Mathematiker. Institutsdirektor John Morris will es so. Seine Mitarbeiter sollen ihre Kreuzzüge nicht für die Religion, sondern gegen die, wie er sagt, "schlechte Wissenschaft" führen. Jeden Tag gehen sie auf Sendung, um das naturwissenschaftliche Weltbild durch die biblische Schöpfungsgeschichte auszuhebeln.

"Ich bin kein Theologe, sondern Wissenschaftler! Als solcher kann nicht akzeptieren, dass Galaxien, Sterne und Menschen durch den Urknall entstanden sein sollen, denn Explosionen schaffen nun mal keine Ordnung. Das ist ein Naturgesetz. Außerdem: Kein seriöser Wissenschaftler käme etwa auf die Idee, einen Fernsehapparat dem Zufallsprinzip zuzuordnen. Aber mit der Schöpfung passiert das andauernd, obwohl ihr Design viel komplexer ist! "

Der Vatikan hält Gottesglaube und Evolutionstheorie seit 1996 für miteinander vereinbar und möchte die Genesis eher symbolisch verstanden wissen. Die 40 Forscher des ICR bestehen dagegen weiterhin auf dem Wortlaut der Schrift. Die Biologen versuchen zu beweisen, dass Gott alle Kreaturen am 5. und 6. Tag erschaffen hat; die Geologen durchkämmen den Grand Canyon nach Anzeichen für die große Flut; Larry Hartman ist für die bibeltreue Datierung des Erdzeitalters zuständig: Der Physiker war vor seiner Karriere am ICR 15 Jahre lang beim Pentagon beschäftigt. Doch da wollte keiner etwas von seinen Helium-Experimenten hören.

"Helium entsteht durch radioaktiven Alpha-Zerfall im Erdinneren. Meine konventionellen Kollegen behaupten, dass das Element so selten ist, weil es ständig ins Weltall entweicht. Das stimmt. Aber wenn die Erde wirklich 4,5 Milliarden Jahre alt ist, müsste bereits alles Helium aus den Gesteinsformationen herausgesickert sein. Das ist nicht der Fall. Die Entweichungsrate ist immer noch so hoch, dass die Erde meinen Berechnungen nach höchstens 6.000 Jahre alt ist. Sprich: Genau so alt, wie die Genesis besagt!"

Alle Forscher des ICR haben auch einen Lehrauftrag. An die 25 Nachwuchskräfte in den Naturwissenschaften erhalten hier jedes Jahr den Masterstitel. Die Abschlüsse sind anerkannt, auch wenn die kalifornische Schulbehörde seit Jahren Zweifel an ihrer Wissenschaftlichkeit äußert. In der US-Universitätslandschaft genießt das Diplom allerdings einen schlechten Ruf. Tom Sharkee hat während seines Studiums am ICR DNA-Strukturen analysiert, um zu widerlegen, dass der Mensch vom Affen abstammt. Doch jetzt macht er seinen Doktor an der University of Washington.

"Wenn du dich als Forscher hier gegen die Evolutionstheorie äußerst, bekommst du keine Stipendien und wirst auch nie in der Lage sein, deine Arbeiten zu veröffentlichen! Ich halte mich bedeckt, was meinen Glauben angeht, der Karriere wegen."

Der Vereinbarkeit von Religion und Wissen avanciert in den USA immer mehr zum akademischen Dauerstreit. Schuld daran ist nicht zuletzt US-Präsident Bush, der will, dass die Schöpfungsgeschichte in den Lehrplänen gleichberechtigt mit der Evolutionstheorie behandelt wird. Eugenie Scott vom National Center for Science Education spricht von politischer Schützenhilfe für pseudo-wissenschaftliche Bibellobbyisten.

"Die Wissenschaft definiert sich dadurch, dass sie nach Antworten sucht und diese gegebenenfalls auch revidiert. Ob Schwerkraft oder Atomforschung: Es gibt immer noch viel, was wir nicht begreifen! Die biblische Naturgeschichte ist insofern problematisch, weil sie sagt: Ihr braucht gar nicht mehr neugierig zu sein, gar nicht selber zu denken, es ist so und nicht anders."

Gegen die Wissenschaftler des ICR spricht zudem, dass sie die Erkenntnisse der Ungläubigen zum Teufelswerk degradieren. Nirgends wird man sich dessen so sehr bewusst wie in dem Museum des Institutes, das nur einen Steinwurf entfernt in einem schmucklosen Betonbau residiert.
Gleich am Eingang gibt es einen interaktiven Stammbaum, der Sigmund Freud, Karl Marx und Jean-Jacques Rousseau als die verdorbene Nachkommen von Charles Darwin präsentiert.

Darwins Abstammungslehre ist für die Gotteskrieger des ICR der Ursprung alles Bösen: Ob Kriminalität, Kriege, Homosexualität oder Scheidungsraten. Den Besuchern scheint das zu gefallen: Zehntausende US-Christen pilgern jedes Jahr hierher. Und sorgen dafür, dass das Institut ausschließlich von privaten Spenden leben kann.

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