• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 06:35 Uhr Morgenandacht
StartseiteEssay und DiskursSterben auf Augenhöhe 10.09.2017

Tiere und Menschen im KriegSterben auf Augenhöhe

Das Lamm symbolisiert Christus, der Fuchs die Schlauheit, der aristotelische Elefant die Keuschheit. In der Bildsprache des Glaubens, der Philosophie und der Kunst stoßen wir auf eine ganze Menagerie.

Von Jean-Pierre Wils

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Berittene Artillerie der russischen Armee im Ersten Weltkrieg (AFP)
Berittene Artillerie der russischen Armee im Ersten Weltkrieg (AFP)
Mehr zum Thema

Wölfe und Religionen Der beste Feind des Menschen

Claude Simon: "Das Pferd" Von der Agonie der Soldaten

Malin Gewinner: "Anthropomorpha" Wenn Tiere in den Krieg ziehen

Das Tier ist Träger von Bedeutungen und Charaktereigenschaften, aber als Tier ist es dem Menschen bloß zu- und untergeordnet. In den Kriegen des letzten Jahrhunderts ändert sich das - im Sterben der Tiere spiegelt sich das der Menschen. Nicht zuletzt im Angesicht ihres Todes wird die Bestialität des Krieges erfahren. Der Tod der Bienen widerspiegelt die Auslöschung ganzer Gemeinschaften. Das Verenden der Pferde findet statt in einer Gewalttragödie, die Beteiligte ebenso wie Unbeteiligte trifft. Im Auge der dahinsiechenden Kreatur enträtselt der Soldat sein bevorstehendes Schicksal. Nun wird gestorben auf Augenhöhe.


Wir Menschen leben und sterben inmitten eines Ozeans sterbender Tiere, sensibler Lebewesen, deren brutales und meist zu frühes Ableben von uns vielfach verursacht und oftmals mit Gleichgültigkeit quittiert wird. Der Kahn, der mit der toten Kreatur über den Styx fährt, ist übervoll und wird stets voller. Elisabeth Kolbert hat in ihrem Buch "Das sechste Sterben" die Massenexstinktion beschrieben, die in unseren Tagen unzählige Tierarten in beschleunigtem Tempo heimsucht, Tierarten, die zu unseren vermeintlichen Gunsten endgültig ihren Platz im Dasein räumen müssen.

Kolbert spricht von der "unkrautartig wuchernden Spezies" Mensch, die die Gangart der Artenvernichtung mittlerweile ins Diabolische gesteigert habe. Unsere Welt fällt dadurch einer Verarmung anheim, die mittlerweile nahezu ontologische Ausmaße angenommen hat: Sie wird trotz des umfassenden Lärmens, zu dem wir uns entschlossen haben, immer eintöniger und stiller. In diesem wachsenden Schweigen kommen uns die Gefährten abhanden, die uns die Schönheit der Welt zu zeigen vermochten und mit ihr die Tröstung durch animalisches Leben.

Es gebietet die historische Gerechtigkeit, das Bild unseres Zeitalters nicht zu überblenden mittels Mutmaßungen über eine Vergangenheit, die oftmals das Produkt unserer Wünsche ist und der durch diese beflügelten Projektionen. Das Tier war unvordenkliche Zeiten lang hauptsächlich Material für den Menschen, sobald die tierische Gefahr, die uns umlauerte, einigermaßen gebannt und die Bestien von einst erfolgreich domestiziert, also kleingezüchtet waren. Tiere galten fortan als Nahrungsmittel, als Arbeits- und Kriegsmaterial. Als Nahrungsquelle werden sie inzwischen wieder hochgezüchtet und teilweise bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Als Arbeitsmaterial, vor allem als Kriegsmaterial, haben sie in etlichen Teilen der Welt ausgedient.

Tiere erfahren geringe Wertschätzung

Neben der Herabstufung zum Materialbestand menschlicher Zivilisationsprozesse und zur lebendigen Waffe in den ungezählten Schlachten seit Menschengedenken hat es immer auch eine Hinaufstufung gegeben. Tiere wurden zu Trägern von Bedeutungen religiösen oder philosophischen Zuschnitts, besonders jedoch zu Bildern lasterhafter oder tugendhafter Charaktereigenschaften.

Aber sowohl in ihrer Materialfunktion als auch in ihrer Zeichenhaftigkeit war der Raum für eine Wertschätzung der Tiere als Lebewesen eigener Dignität eher gering. Hing das eigene Schicksal von einem individuellen Tier ab, entstand manchmal eine Anhänglichkeit seitens des Menschen. Aber zarte, emotional gefärbte Beziehungen hatten doch eher Seltenheitswert. Bis vor wenigen Jahrzehnten war sogar die Fähigkeit der Tiere, Schmerzen zu empfinden, höchst strittig geblieben. Erst in Zeiten der Sattheit, die ihrerseits auf einem gewaltigen Tierkonsum aufbauten, entstanden kleine Zonen schonenden oder gar kommunikativen Umgangs. Zum Freizeitgenossen eignet sich das Tier inzwischen allemal.

Von alldem unterscheiden sich das Leben und das Sterben der Tiere in Zeiten des modernen Krieges. Tiere, vor allem die Pferde, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihre letzten Kriegsdienste erfüllten, wurden zu Schicksalsgenossen, zu Brüdern und Schwestern im Verderben. Es scheint so, als seien die Gattungsgrenzen angesichts der extremen Situation für eine Weile durchlässig geworden, als suchten Menschen die Nähe zu der sterbenden und massakrierten animalischen Welt, um das Ausmaß der Gewalt zu verstehen und das eigene, bevorstehende Los zu entziffern. Die Berichte über das Erlöschen tierischen Lebens kommen weitgehend ohne einen Anthropomorphismus aus, der Tiere als Projektionsfläche für das Geschick des Menschen benutzt.

Das Mitleiden mit ihnen ist vielmehr spontan und legt Zeugnis von einer geteilten Katastrophe ab, in der die Trennung der Gattungen einem Bündnis im Untergang weichen muss. Vielleicht bewahrheitet sich hier, was Max Weber in seiner berühmten religionssoziologischen "Zwischenbetrachtung" über den Krieg notierte, nämlich, dass es dort gelegentlich zu einer "Arbeit des Erbarmens", zu einer "alle Schranken der naturgegebenen Verbände sprengenden Liebe zum Bedürftigen" käme. In den literarisch‑rapportierenden Stimmen von Isaak Babel, Curzio Malaparte und Claude Simon werden wir zu Zeugen dieses Geschehens, diesmal über die Speziesgrenze hinaus.

Brieftauben starten am Weltfriedenstag am 1.9.2013 (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)Der qualvolle Tod seiner Tauben offenbart Schriftsteller Isaak Babel spiegelbildlich die Demütigung des Menschen (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Der im Jahre 1894 in Odessa geborene und unter Stalin hingerichtete Isaak Babel nahm als Berichterstatter teil am heute weitgehend vergessenen Polnisch-Sowjetischen Krieg der Jahre 1919 bis 1921. Den Tieren galt sein besonderes Augenmerk. Bereits als Schüler, der größte Anstrengungen unternehmen musste, um die geringe, den Juden vorbehaltene Quote zur Aufnahme in die Vorbereitungsklasse des Gymnasiums zu erfüllen, hatte Babel am eigenen Leib den Tod der Tiere erfahren. Ihm waren damals als Belohnung für die Aufnahme ein Taubenschlag in Aussicht gestellt worden und nun, nachdem er zum Stolz der ganzen jüdischen Verwandtschaft geworden war und sein Onkel Schojl jenen Taubenverbleib aus einer Kiste gezimmert hatte, machte der kleine Babel sich auf den Weg, die Tauben zu kaufen.

Mit den sorgfältig unter seinem Hemd verborgenen Tauben begab sich der stolze Besitzer auf den Heimweg, stieß dabei allerdings auf den beinlosen Krüppel Makarenko und seine Frau Katjuša. In "Geschichte meines Taubenschlags" hat Babel erzählt, wie er von den beiden Gestalten eingeklemmt wurde und Makarenko die Täubchen, auf die er aufmerksam geworden war, aus ihrem Versteck zerrte und sie dem Jungen ins Gesicht schlug.

"Ich lag auf der Erde, und die Innereien des zerquetschten Vogels liefen mir die Schläfe hinab. Sie wanden sich meine Wangen entlang, besudelten mich und machten mich blind. Zartes Taubengedärm kroch über meine Stirn, und ich schloss das letzte unverklebte Auge, um die Welt nicht zu sehen, die sich vor mir ausbreitete. Eng und schrecklich war diese Welt. Vor meinen Augen lag ein Kieselstein, ein Kiesel schartig wie das Gesicht einer Alten mit großem Kiefer, nicht weit davon lagen ein Stück Bindfaden und ein Büschel Federn, das noch atmete.

Ich schloss die Augen, um sie nicht zu sehen, und presste mich an die Erde, die beruhigend stumm vor mir lag. Die Erde roch nach feuchten Tiefen, nach Grab, nach Blumen. Ich spürte ihren Geruch und begann zu weinen, ohne jede Angst. Ich ging auf einer fremden, mit weißen Schachteln übersäten Straße, ich ging in meinem blutigen Federschmuck, allein mitten auf dem Trottoir, dem sonntäglich blankgefegten Trottoir und ich weinte so bitterlich."

Hier zeichnet sich bereits ab, was Babel später zutiefst bedrängen wird - der Tod der Tiere, der spiegelbildlich zu einer Demütigung des Menschen geworden ist, in einer Welt, die man am liebsten nicht mehr sehen möchte, weil sie sich uns als entsetzliche Fratze offenbart. Verdunkelt muss einem die Welt erscheinen, sobald eine Willkür des Tötens geboten scheint, der die Täter sich gerne unterordnen und schrankenlos, unterschiedslos und beliebig Opfer hervorbringen. Es sind die kleinen Notizen Babels, die so beklemmend wirken, weil sie wie ein plötzliches, erschrockenes Innehalten daherkommen. In seinem Kriegstagebuch hält er folgende Szene fest:

"Neben einer der Hütten - eine abgestochene Kuh, die zum ersten Mal gekalbt hatte. Das bläuliche Euter auf der Erde die pure Haut. Unbeschreiblicher Jammer! Eine junge Mutter hat man getötet!"

Die Würde der Bienen

In seinem Hauptwerk - "Die Reiterarmee" - finden sich ergreifende Szenen tierischen Leidens, wie beispielsweise die mit "Weg nach Brody" übertitelte Erzählung über das Verschwinden der Bienen. Babel ist fassungslos ob der kaltblütigen Vernichtung der Bienenstöcke. Deren Zerschlagung widerspiegelt die der Dörfer, in denen sie stehen. Die Ausrottung der Bienenvölker ist ein Bestandteil der Heimsuchung allen Lebens im Krieg und nicht bloß Symbol der Menschenabschlachtung.    

"Ich trage Trauer um die Bienen. Verheert sind sie von feindlichen Armeen. In Wolhynien gibt es keine Bienen mehr. Wir haben die unbeschreiblichen Bienenstöcke geschändet. Wir haben sie ausgeräuchert mit Schwefel und gesprengt mit Pulver. Rußgeschwärzte Lappen verbreiteten Gestank in den geheiligten Republiken der Bienen. Sterbend, flogen sie langsam und summten kaum hörbar. Da wir kein Brot mehr hatten, holten wir uns mit den Säbeln Honig. In Wolhynien gibt es keine Bienen mehr."

Nun ist es der Tod der kleinen Honigbeflissenen, der einen Jammer auslöst, in dem sich zeigt, was der Krieg zu bewerkstelligen vermag. Unüberhörbar ist das Erschrecken darüber, dass das Leid sich ausbreitet bis in die kleinsten Behausungen nichtmenschlicher Lebewesen. Nirgendwo kann man sich noch in Sicherheit wähnen, wenn alles - zur Beute geworden - niedergemetzelt werden kann. Und ausgerechnet in einer solchen Situation wird die Würde des Tieres, die Würde der Bienen, verteidigt, indem auf eine religiöse Erzählung zurückgegriffen wird, in der sie zu anrührenden Helden werden.

Biene im Anflug (picture alliance/dpa/Foto: Patrick Pleul)Für Schriftsteller Isaak Babel ist die Ausrottung der Bienenvölker Bestandteil der Heimsuchung allen Lebens im Krieg (picture alliance/dpa/Foto: Patrick Pleul)

"Von der Biene und ihrer schönen Seele schwatzen die Weiber bei uns in der Staniza, - antwortete der Zugführer, mein Freund, - was sie nicht alles schwatzen. Ob die Menschen Christus ein Leid angetan haben oder ob es dieses Leid nie gegeben hat, das erfahren alle andern erst im Lauf der Zeit. Aber nun ja - so schwatzen die Weiber in der Staniza - Christus leidet also am Kreuz. Da schwirren zu Christus alle möglichen Mücken, um ihn zu schikanieren. Er schaut sie an mit seinen Augen und er verliert allen Mut. Aber die unzähligen Mücken können seine Augen nicht sehen. Und zur selben Zeit fliegt um Christus herum eine Biene. 'Stich ihn', - rufen ihr die Mücken zu, 'stich ihn, auf unsere Verantwortung!' … 'Das kann ich nicht,' sagt die Biene und hält ihre Flügel über Christus, 'das kann ich nicht, er stammt aus der Klasse der Zimmerleute' …" 

Zusammen mit dem Untergang der Bienen wird der Untergang einer Imagination besiegelt, die sich ihrer bediente, um Frömmigkeit und Haltung zum Ausdruck zu bringen. Im Dahinsiechen der Tierchen versiegt gleichzeitig die Quelle, aus der sich schöpfen lässt, um uns selbst zu deuten. Ohne sie würden wir womöglich nicht wissen, wer wir sind, zu was wir in der Lage sind, aber auch nicht, was wir sein könnten. Auf Augenhöhe mit den sterbenden Bienen sterben wir einen dem ihrigen gleichenden Tod als Opfer einer kalten Massakrierung.

Nackte, unbedingte Treue der Pferde - bis in den Tod

Es gibt allerdings ein Tier, das in diesem Kosmos des Sterbens über ein fragwürdiges Privileg verfügt - das Pferd. Zivilisationsgeschichtlich ist vermutlich kein Tier dem Menschen so nahe gekommen wie dieses. Ulrich Rauff hat in seinem grandiosen Werk "Das letzte Jahrhundert der Pferde" diesen ein wahres Denkmal gesetzt. Vermutlich ist der Mensch keinem Tier körperlich so nahegekommen wie dem Pferd, sodass man fast von einer symbiotischen Beziehung im Wortsinn sprechen kann. Das Sterben eines Pferdes erinnert den Menschen an seinen Leib, seine Angst und Zittern, an die eigene Todesfurcht.          

"Der Chef der Kavalleriereserve" lautet die Überschrift einer Eintragung in Babels "Reiterarmee". Sie erzählt von einem Wechsel der Pferde, wobei die Kavalleristen ihre zerschundenen und verrittenen, dem Tode nahen Gäule gegen frische Pferde, die sie den Bauern stehlen, eintauschen. Einer der Bauern protestiert gegen diese Ungerechtigkeit, hinweisend auf das völlig entkräftete Tier zu seinen Füßen. Da erscheint der Chef der Reitereinheit Djakov.

"In den schönen Beinen federnd, die um die Knie mit Riemchen geschnürt waren, hoch aufgeschossen und gewandt, wie auf der Bühne, bewegte er sich langsam auf das verendende Tier zu. Dieses richtete kläglich sein strenges tiefes Auge auf Djakov, leckte von dessen himbeerroter Handfläche etwas wie einen unsichtbaren Befehl und sofort verspürte das entkräftete Pferd die kundige Kraft, die von diesem ergrauten blühenden und strotzenden Romeo ausging.

Schnuppernd und mit den Beinen, die immer wieder einknicken, ausgleitend, das Kitzeln der ungeduldigen und gebieterischen Peitsche unter dem Bauch, hob sich die Mähre langsam‑aufmerksam auf die Beine. Und so sahen wir alle, wie das schmale Handgelenk im wehenden Ärmel durch die schmutzige Mähne fuhr und die Peitsche sich mit einem Stöhnen an die bluttriefenden Flanken schmiegte. Am ganzen Körper zitternd, stand die Mähre auf allen Vieren und ließ Djakov keinen Blick ihrer ängstlichen, verliebten Hundeaugen. – 'Na bitte, es ist ein Pferd', - sagte Djakov."

Hier stoßen zwei Welten aufeinander. Da ist der kleine Bauer, soeben seines eigenen Pferdes beraubt, das ihm durch unermüdliche Arbeit den bescheidenen Überlebensunterhalt sichert, in eine bittere Zukunft schauend, deren Vorabbild ihm im blutenden Tier vor Augen steht. Und da ist eben diese erschreckende Unterwerfung des Gauls unter die Gewalt Djakovs, der das Tier darin hindert, liegen zu bleiben und nie wieder aufzustehen.

Erschütternd ist Babels Beschreibung der "ängstlichen, verliebten Hundeaugen" des Pferdes, die von einer blinden Anhänglichkeit bis zum Tode zeugen, von einer Treue, die in ihrer nackten Unbedingtheit durch Mark und Bein geht. Die Luft scheint geschwängert zu sein von einer erstickenden Atmosphäre todbringender Botschaften und Winke, von der Pestilenz einer allgegenwärtigen Brutalisierung des Sterbens.

Im Schicksal der Pferde ist das unsere vorgezeichnet

Curzio Malaparte, das Pseudonym von Kurt Erich Suckert, Sohn eines sächsischen Vaters und einer Mailander Mutter, war im Zweiten Weltkrieg, wie Babel gut zwei Jahrzehnte vor ihm, Kriegsberichterstatter. Für den Corriere della Sera war Malaparte auch im sowjetisch-finnischen Krieg, dem sogenannten "Winterkrieg" zwischen November 1939 und März 1940 tätig. In seinem Roman "Kaputt" werden die Kapitel nach Tieren eingeteilt.

Das erste Kapitel lautet "Die Pferde". Mit dem Prinzen Eugen von Schweden unterhält sich der Ich-Erzähler in Stockholm über seine Kriegserlebnisse, in deren Fokus das Geschick der Pferde steht. In dem Abschnitt "Das Pferd - die Heimat" wird von einer Übernachtung in einem ukrainischen Dorf erzählt, wo der Berichterstatter abends mit seinem Wagen ankommt und nach einer Übernachtungsmöglichkeit sucht.

In einem verlassenen Haus, vor dessen Zaun ein totes Pferd liegt, findet dieser einen Unterschlupf für die Nacht. Es wird die Vermutung angestellt, dass das Haus einem Juden gehört, der es schlagartig verlassen musste. Die Matratze ist aufgeschlitzt. Der Geruch des verwesenden Pferdes hängt bereits in den Räumlichkeiten und begleitet den Schlafenden während der ganzen Nacht. 

"Und abermals kam der Aasgeruch heran, blieb unter der Türe stehen. Ich war nicht ganz erwacht, ich hatte die Augen noch geschlossen und spürte, wie der Geruch mich ansah. Es war ein süßlicher, fetter Gestank, ein dichter, klebriger, tiefer Geruch, ein gelber, ganz grün gefleckter Geruch. Ich öffnete die Augen, es war Morgengrauen."

Der Verwesungsgeruch ist zu einem Ding, zu einem Wesen geworden: Es sieht den Erwachenden an. Er, der Gestank, ist zu einem "es" geronnen, das alles durchdringt und an allem hängt. "Es war Morgengrauen", schreibt Malaparte, wobei - angesichts der Situation - dieses Grauen sowohl die frühmorgendliche Dämmerung bezeichnet als auch den Ekel und das Erschrecken, ausgelöst durch die Todesgegenwart des Pferdes. Das Morgengrauen ist der Verwesungsgestank des Tieres, der das Aufwachen in Zeiten des Krieges kennzeichnet. Im verwesenden Tier begegnet dem Erzähler die Aussicht auf das Ende ungezählter Kriegsteilnehmer und Opfer. Im Verlauf des Gesprächs zwischen dem Prinzen und dem Erzähler stoßen wir auf die Geschichte von den Eispferde(n).

Wir befinden uns nun am russischen Ladogasee, an dessen Ufer die finnischen Truppen, die sogenannten Sissit-Einheiten, die russische Artillerie während des anbrechenden Winters zurückgedrängt hatten. In dieser Lage werden die russischen Soldaten von einer Feuersbrunst in den angrenzenden Urwäldern umlagert, wobei der Druck der finnischen Truppen die Pferde in die nicht sehr tiefen Ufergewässer des Sees zwingt. Während der Nacht schlägt das Wetter plötzlich um und eine fürchterliche Kälte, ausgelöst durch einen jähen Nordwind, lässt das Wasser im Eiltempo gefrieren. Und mit ihm erfrieren auch die panischen Pferde.   

"Er blickte auf die Pferdeköpfe, wie sie aus der Eisfläche herausragten, diese toten Köpfe mit der harten, eisstarren Mähne, wie aus Holz geschnitzt, diese weit aufgerissenen, glänzenden Augen, in denen noch die Angst flackerte. Er streichelte mit leichter Hand die emporgestreckten Schnauzen, die blutleeren Nüstern, die zu einem Wiehern der Verzweiflung zusammengezogenen Lippen, einem Wiehern, das in dem von eisgeronnenem Schaum gefüllten Maul erstorben war. Dann gingen wir schweigend und streichelten im Vorbeigehen die durch ihre dünne Schneeschicht hellweißen Mähnen. Der Wind seufzte leise über der riesigen Marmorplatte."

Wie Embleme eines umfassenden Todes, der, sich der Natur bemächtigend, keinerlei Unterschiede mehr zwischen Menschen und Tieren zulässt, starren die erfrorenen Kadaver die Besucher an. Aber sie sind mehr als Sinnbilder. Im Frühling, sobald die Schmelze angefangen hat, werden die Soldaten die Pferde ihrer Feinde aus dem Eis lösen und im Wald begraben. Ähnlich wie bei Babel gemahnt das Schicksal der Pferde an das der Menschen, so als sei in deren Sterben das unsere bereits vorgezeichnet. Und wie in Babels Bienengeschichte taucht auch im Gespräch mit dem Prinzen Eugen ein Christusmotiv auf. 

"Unser Vaterland ist das Pferd"

"Erlauben Sie, sagte ich, dass ich Ihnen einen seltsamen Traum erzähle. Es ist ein Traum, der häufig durch meine Nächte geistert. Auf einem Platz, dicht gedrängt voll Menschen, schaut alles nach oben, auch ich blicke hinauf und sehe, hoch mitten über dem Platz einen steil abschüssigen Berg. Auf dem Gipfel des Berges ragt ein großes Kreuz. An dessen Armen hängt ein gekreuzigtes Pferd. Die Henkersknechte stehen auf den Leitern und vollführen die letzten Hammerschläge. Man hört das dumpfe Schlagen der Hämmer gegen die Nägel.

Das gekreuzigte Pferd bewegt langsam den Kopf, bald nach der einen und bald nach der anderen Seite, und wiehert leise. Die Menschenmenge weint in die Stille. Der Opfertod des Christus-Pferdes, die Tragödie dieses tierischen Golgatha - ich möchte, dass Sie mir helfen, den Sinn dieses Traumes zu erklären. Könnte nicht der Tod des Christus-Pferdes den Tod all dessen bedeuten, was es an Reinem und Edlem im Menschen gibt? Glauben Sie nicht, dass dieser Traum sich auf den Krieg bezieht?‘"

Es sieht so aus, als würde das Sterben Christi auch hier den Beistand der Bilder verendender Tiere benötigen, damit wir ihn - den Tod des Erlösers - aber auch den eigenen Tod verstehen lernen. Das Sterben des Gottessohns, das der Menschen und das der Tiere geraten in die Horizontale einer Leidensgemeinschaft, die sich um Gattungsunterschiede ebenso wenig kümmert wie um Hoheitstitel. Wir befinden uns auf Augenhöhe des Sterbens, eines umfassenden Sterbens, das alles in seinen Abgrund zu ziehen droht. Die Antwort des Prinzen Eugen auf die Frage nach der Bedeutung des Traums entbehrt jeglichen psychoanalytischen Tiefsinns, so als würde jene Antwort auf der Hand liegen.

"Es stirbt alles, was es in Europa Edles, Liebenswertes, Reines gibt. Unser Vaterland ist das Pferd. Sie verstehen, was ich damit sagen will. Unser Vaterland stirbt, unser altes Vaterland. Und all diese bedrückenden Bilder, dieses dauernde, hartnäckige Wiederauftauchen des Pferdewieherns, des grässlichen, traurigen Geruchs toter Pferde längs der Straßenränder des Krieges, glauben Sie nicht, dass sie den Bildern des Krieges entsprechen, unserer Stimme, unserem Geruch, dem Geruch des toten Europa? Meinen Sie nicht, dass auch dieser Traum etwas Ähnliches bedeutet? Doch vielleicht ist es besser, Träume nicht auszulegen."

Das Auge eines Pferdes in Nahaufnahme (dpa / Friso Gentsch)Im Auge eines sterbendes Pferdes sehen die Soldaten in "Das Pferd" von Claude Simon sich selbst, aber so, als nähme dieses auch Anteil an ihrem Geschick (dpa / Friso Gentsch)

Weit weg von jeglichem Traum befinden wir uns in der kurzen Erzählung "Das Pferd" von Claude Simon. Dieser hatte in Flandern in den Reihen seines 31. Dragonerregiments die traumatische Auslöschung nahezu der gesamten Kameradenschar erlebt. Die Protagonisten seiner Erzählung sind umherirrende Kavalleristen auf den Straßen Flanderns, die übersät sind mit Leichen von Menschen und Tieren. In einer Scheune übernachten sie neben einem Pferd, das im Sterben liegt, wobei das Auge dieses Tieres im Mittelpunkt des Geschehens steht. In seiner Agonie spiegelt sich die Agonie der Männer, die Totenwache beim Pferd mutet an wie die Vorabschattung des eigenen Sterbens, wie die Totenwache bei sich selbst.

"Wir betrachteten das immer noch hinten im Stall auf der Seite liegende Pferd. Man hatte ihm eine Decke übergeworfen, und es ragten nur seine Insektenbeine heraus, sein schrecklich langer Hals, an dessen Ende der Kopf hing, den auch nur zu heben es keine Kraft mehr hatte, knochig, zu groß mit seinen eingefallenen Backen, seinem nassen Fell, seinen langen gelben von den aufgeworfenen Lippen entblößten Zähnen.

Nur das Auge schien noch zu leben, riesig, schmerzerfüllt, schrecklich, und von der glänzenden gewölbten Oberfläche widergespiegelt konnte ich uns sehen, unsere drei im Halbkreis verzerrten Silhouetten, die sich vom hellen Hintergrund der Scheunentür in einer Art leicht bläulichem Nebel abhoben, wie ein Schleier, ein Hornhautfleck, der sich bereits zu bilden, den schrecklichen, unerträglichen, entsetzlich sanften, entsetzlich anklagenden feuchten Blick eines kurzsichtigen Zyklopen zu trüben schien."

Im Auge des Tieres sehen die Soldaten sich selbst, aber so, als nähme dieses auch Anteil an ihrem Geschick und nicht nur sie am langsamen Tod des Pferdes. Im Blick des Pferdeauges erkennen die Männer eine seltsame Leidensgemeinschaft, wobei das Starren des Tieres auf sie auch "entsetzlich anklagend" ist, wie Simon schreibt. Zwischen Tätern, die bereits selber zu Opfern geworden sind, und der schuldlos leidenden Kreatur kann der Abstand, trotz aller Kommunität angesichts des Todes, nicht einfach aufgehoben werden. Aber auch hier wird auf Augenhöhe gestorben. Das Tier geht den Menschen bloß voran und diese ahnen das. Die Soldaten können deshalb nicht lassen vom Auge des Tieres und halten eine Totenwache, die ins Abseits der Welt führt.

Das Pferd wird zum Genossen

"Im Streiflicht der Laterne schien sich der Kopf des Pferdes in die Länge zu ziehen, nahm ein apokalyptisches, erschreckendes Aussehen an, und man konnte seinen keuchenden Atem hören. Doch das offene Auge schien jetzt weder Vorwurf noch Anklage mehr zu enthalten. Nicht, dass es dem Anschein nach aufhörte, uns anzustarren, aber es war, als sähe es jetzt durch uns hindurch etwas, was wir nicht sehen konnten, wir, deren verkleinerte Bilder sich noch immer als Schattenspiele auf dem feuchten Augapfel widerspiegelten wie in einer jener goldbraunen Kugeln, die in einer verzerrenden, schwindelerregenden Perspektive die Gesamtheit der sichtbaren Welt zusammenzufassen, aufzusaugen, zu verschlingen scheinen, als hätte es bereits auf das Schauspiel dieses Universums verzichtet, um seinen Blick umzukehren, sich auf eine innere Sicht zu konzentrieren, auf eine Realität, die realer wäre als die Realität, friedlicher als die aufreibende Unruhe der Menschen, beständiger als …"

In diesen so schönen und andächtigen Zeilen werden wir zu Schiffsinsassen einer Fähre ins Ungewisse, wo die Trennung zwischen uns und ihnen, zwischen dem Humanen und dem Animalischen, aufgehoben zu sein scheint. Für einen Moment haben wir den Eindruck, als beruhte jene Unterscheidung auf einem folgenreichen Missverständnis, das erst im Ultimativen, angesichts des Todes, widerrufen wird. Das Pferd wird nicht bloß verscharrt, sondern hat das Recht auf ein Begräbnis erworben. Man wirft den Genossen nicht bloß weg und lässt ihn dann in obszöner, ostentativer Nacktheit zerfallen. So wie das Pferd im Sterben eine Decke erhielt, wird es auch jetzt zugedeckt.

"Das Pferd verendete in der Nacht, und wir beerdigten es frühmorgens in einem Winkel des Obstgartens, dessen Bäume mit den schwarzen, fast völlig entblätterten Zweigen in der feuchten Luft tropften. Wir hievten den Kadaver auf einen Karren und kippten ihn in die Grube, und während wir die Schaufeln nach und nach mit Erde bedeckten, betrachtete ich ihn, knochig, schaurig, mehr Insekt, mehr Gottesanbeterin denn je mit seinen angewinkelten Vorderbeinen, seinem riesigen, schmerzerfüllten, resignierten Kopf, der allmählich verschwand und unter dem langsamen dunklen Aufsteigen der Erde, die unsere Schaufeln darauf warfen, das bittere, kassandrahafte Grinsen seiner langen entblößten Zähne mitnahm, als verhöhnte er uns von jenseits des Todes, prophetisch, kraft einer Erkenntnis, die wir nicht besaßen, eines enttäuschten, burlesken Geheimnisses, das die Gewissheit des Fehlens jeden Geheimnisses und jeden Mysteriums ist."

Ohne die Zeugnisse tierischen Sterbens wären wir in jedem Fall viel ärmer, ärmer an Einsicht, ärmer an Mitleid, ärmer an Erbarmen, aber auch ungeschulter in der tiefen Skepsis gegenüber uns selbst, die uns befallen muss, wenn wir auf die Stimmen jener Sprache hören, die keine Menschensprache ist.     

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk