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Tödliche Therapie

Marc Minkowski und Dmitry Tcherniakov deuten "Il Trovatore" von Giuseppe Verdi an der Monnaie in Brüssel

Von Christoph Schmitz

Szenenfoto "Il Trovatore" (Bernd Uhlig)
Szenenfoto "Il Trovatore" (Bernd Uhlig)

Der zentrale Ort der Inszenierung von Minkowski und Tcherniakvo ist eine Villa. Holzgetäfelt, stuckverziert, dunkelrot gestrichene Wände. Fünf Menschen von heute finden in dem großbürgerlichen Ambiente zusammen, zu einer privaten Liebhaberaufführung von Verdis "Troubadour". Auch das Opernende mit Mord und Todschlag hat es in sich - in der Villa.

Ferrando
"Eine Zigeunerin, furchtbar zu schauen,
Aus ihrem Angesicht blitzt heimlich Grauen.
Über das Kind schlug sie Zauberzeichen,
Schleuderte Blitze aus ihren Augen."


Ein Soldat erinnert sich. Wie sich in Verdis "Troubadour" überhaupt viel erinnert wird. Düstre Geschichten werden ans Tageslicht befördert. Schauerromantik pur. Eine Zigeunerin soll eines der beiden Kinder des Grafen verhext haben. Zur Strafe wird sie auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die Tochter, Azucena, muss den qualvollen Tod der Mutter mit ansehen. Sie rächt sich, entführt den vermeintlich verhexten Grafensohn Manrico, will ihn verbrennen, aber übergibt den Flammen im Wahn ihr eigenes Kind. Manrico zieht sie an seiner statt groß. Zur Schauerromantik kommt die Schicksalstragödie. Der erwachsene Manrico kämpft an der Seite der Rebellen gegen den neuen und jungen Grafen von Luna, seinen eigenen Bruder. Und noch eins drauf: Die beiden Brüder, die nicht wissen, dass sie Brüder sind, lieben dieselbe Frau: Leonora! Wie soll man eine derart krude Ballade heute noch inszenieren? Wie soll man so etwas in Tuchfühlung mit der Gegenwart bringen? Verdi hatte die Geschichte in farbenreiche Klanggemälde aufgehen lassen, in Gesangsnummern, die sich gegenseitig an Eingängigkeit übertrumpften. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die Kavatinen, Kanzonen, Arien, Ensembles und Chöre die Schlager der Epoche. Unter der Leitung von Marc Minkowski kosten Orchester und Sänger in Brüssel die rhythmische Wucht und den dunklen Glanz der immer wieder komplexen, ja vertrackten Partitur weidlich aus. Mit technischer Brillanz und musikalischer Transparenz. Auch wenn es bei der Premiere zu Beginn noch etwas wackelte. Und auch wenn Misha Didyk mit etwas zu viel Schlurzen und Tremolo den Manrico lieben, leiden und kämpfen lässt, so sind die Solistenrollen doch glänzend besetzt, wie die Leonora mit Marina Poplavskaya.

Leonora:
"Es glänzte schon das Sternenheer,
Der Zephir säuselt' leise,
Der Mond strahlte ein Silbermeer
In sanfter Elfenweise."


So stark wie das, was man in Brüssel hört, ist das, was man sieht, wie der russische Regisseur Dmitry Tcherniakov mit den Herausforderungen der vorneuzeitlichen Story umgeht. Wir sehen die edlen Innenräume einer Villa, holzgetäfelt, stuckverziert, dunkelrot gestrichene Wände. Fünf Menschen von heute finden in dem großbürgerlichen Ambiente zusammen, zu einer privaten Liebhaberaufführung von Verdis "Troubadour". Sie singen ihn in verteilten Rollen mit Textblättern in der Hand. Die Fünf kennen sich, wie Mitglieder einer Familie. Nähe und Ablehnung sprechen aus ihren Gesten. Die Hausherrin zieht die Fäden, sie wird später die Zigeunerin Azucena verkörpern. So greift also Regisseur Tcherniakov eine charakteristische Eigenschaft dieser Oper heraus, jene des sich Erinnerns und des Reflektierens, und macht sie zum Kern seiner Deutung. Denn je länger und je tiefer die private Runde in Verdis Oper einsteigt, umso mehr entwickelt sich ihr Spiel zu einer Art Familienaufstellung, einer psychoanalytischen und therapeutischen Sitzung. Die Konflikte der alten "Troubadour"-Geschichte - Mutterliebe, familiärer Konkurrenzkampf, Geschwisterhass - erweisen sich als die Konflikte dieser Menschen von heute. Auf erstaunlich raffinierte Weise lässt Tscherniakov nach und nach Kunst und Wirklichkeit miteinander verschmelzen. Das Opernende mit Mord und Todschlag ereignet sich tatsächlich in der Villa. Aus der schicksalsschweren Schauerromantik hat sich ein handfester Familienkrach entwickelt, mit schrecklichem Ausgang. Eine intelligente und fesselnde Produktion aus Konzept und Klang. Sie lehrt uns mit Sylvie Brunet-Grupposo als Azucena das Fürchten.

Azucena:
"Hell lodern Flammen,
Schon naht das Opfer
Im schwarzen Gewande,
Fliegend die Haare!"

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