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StartseiteMarkt und MedienTotal be-ballackt22.05.2010

Total be-ballackt

Das Medienspektakel um den Fußballstar

Auf den Finanzmärkten geht es zu wie in Sodom und Gomorrha - aber die Medien haben inzwischen ein neues Thema gefunden: den eingegipsten Fuß des Michael Ballack, der dieses Jahr nicht an der Fußballweltmeisterschaft teilnehmen kann.

Von Klaus Deuse

Michael Ballack musste nach einer Verletzung die WM-Teilnahme absagen. (AP)
Michael Ballack musste nach einer Verletzung die WM-Teilnahme absagen. (AP)

Was ist bloß los auf dieser Welt. Bei allem, was man hört, liest oder sieht, kann einem bloß noch Angst und Bange werden. Insbesondere in dieser Woche schwappte geradezu ein Tsunami von Schreckensmeldungen durch die Medien. Auf den internationalen Finanzmärkten geht es zu wie in Sodom und Gomorrha, Regierungen schaufeln verzweifelt nicht mehr zu zählende Milliarden Euro in immer größere Löcher und: Verona Poth, geborene Feldbusch, kehrt auf den Bildschirm zurück.

Doch die absolute Horrornachricht kam von einem englischen Fußballplatz, auf dem sich der Teil-Anriss eines Syndesmosebandes zugetragen hat. Eine Blessur im Knöchelbereich, die ausgerechnet die einzig prädestinierte Persönlichkeit zur Untätigkeit verdammt, die Deutschland vorprogrammiert zurück an die Weltspitze hätte führen können. Entsprechend tief enttäuscht äußerten sich Fachleute in - aufgrund des ungeheuerlichen Vorgangs - spontan ins Programm gehievten Fernsehsondersendungen.

""So 'nen Typ haben wir ansonsten nicht … den hätten wir jetzt dringend gebraucht."

Auch ein gewisser Joachim Löw, der breiten Bevölkerung eher bekannt als Yogi gleichen Nachnamens, machte aus seiner Enttäuschung keinen Hehl:

"Daher sind wir natürlich alle sehr, sehr traurig."

Ja, in der ARD gab es tatsächlich eine Extra-Ausgabe der Sportschau, in der sich alles nur um die Fuß-Verletzung des Capitano, alias Michael Ballack, begangen von Kevin Prince Boateng, drehte. Danach drehten die deutschen Print und elektronischen Medien quasi allesamt komplett am Rad. Zeitungen lieferten sogar großformatige Abbildungen eines menschlichen Fußes, nur um zu zeigen, wo sich das malträtierte Syndesmosebein von Michael Ballack befindet.

Bei dem Anblick empfindet scheinbar jeder Fußballfan nicht nur einen urpersönlichen Spontanschmerz, nein, er schreit förmlich nach Rache an Kevin Boateng, der den deutschen Capitano zum Gipsfuß gemacht hat. Schließlich spielt Boateng bei dem globalen Medienereignis Fußball-WM mit Ghana in der Vorrunde gegen Deutschland. Kann das Syndesmosebandfoul somit überhaupt ein Zufall sein? Nur Einfaltspinsel mögen noch glauben, dass Fußball die schönste Nebensache der Welt sei. Und weil Medien der Einschaltquote wegen gern den Ball hochhalten, preschte Sportschau-Extra-Moderator Antwerpes verbal tollkühn steil nach vorn:

"Da wird eine Verschwörungstheorie in das Foul hinein interpretiert, weil es ein Ghanaer war."

Nun mal langsam. Scheitert die Globalisierung etwa an einem wirklich dämlichen Fußball-Foul? Na dann, gute Nacht Johanna. Andererseits erwecken vor die Kamera gezerrten Kicker-Experten wie Mehmed Scholl den Eindruck, als habe Deutschland mit dem eingegipsten Fuß von Michael Ballack im Konzert der führenden Wirtschaftsnationen schon ausgespielt:

"Vor allen Dingen ist er ein Spieler, vor dem ganz Europa, wenn nicht sogar die ganze Welt sehr viel Respekt hat."

Du lieber Himmel! Sind im Medienzirkus denn jetzt plötzlich alle be-ballackt? Da taumelt die Welt in eine ungeheure Finanzkrise und in Deutschland dreht sich alles um einen eingegipsten Fuß, zu dem sich als nationale Katastrophe übrigens nicht mal Angela Merkel äußert. Die wartet wie gewohnt erst mal ab und drängt sich garantiert nur dann wieder ins Fernsehbild, wenn die Jungs von dem Yogi bei der WM ins Endspiel kommen.

So – und damit liegt der Zusammenhang von Fußball, Medien und Politik glasklar auf der Hand. Während einer WM interessieren sich Hinz und Kunz eher für Kniekorpel-Reizungen von Kickern als für eine neue Frisur von Außenminister Westerwelle oder Steuererhöhungen. Die mediale Offensive über Ballacks Verletzung war insofern nur ein Vorgeplänkel für alle möglichen Schrecknisse, die den Deutschen noch drohen. Nach der WM. Mit Ausnahme von Michael Ballack, der hat sein Schäfchen trotz Gipsfuß schon längst im Trockenen.

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