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StartseiteForschung aktuellLangsam nach vorn26.11.2014

TschernobylLangsam nach vorn

Der Einsturz einer Maschinenhalle im vergangenen Jahr war ein deutlicher Warnschuss: 28 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl sind die Gebäude marode, auch der sogenannte Sarkophag ist einsturzgefährdet. Die Arbeiten an einer neuen Schutzhülle sind im Gang.

Von Dagmar Röhrlich

Construction of the "Shelter" - a new, environmentally-friendly sarcophagus (picture-alliance / dpa / Alexei Furman)
Die Fertigstellung der neuen Schutzhülle der Atomruine in Tschernobyl geht langsam voran (picture-alliance / dpa / Alexei Furman)
Weiterführende Information

Tschernobyl - Sarkophag droht Baustopp
(Deutschlandfunk, Aktuell, 16.09.2014)

Maroder Tschernobyl-Sarkophag - "Wettlauf mit der Zeit"
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 16.09.2014)

Tschernobyl - Wanderung durch eine Geisterwelt
(Deutschlandfunk, Andruck - Das Magazin für Politische Literatur, 14.07.2014)

Im nächsten Jahr soll in Tschernobyl eine selbsttragende Bogenkonstruktion über den maroden Sarkophag geschoben werden. Deren Ausmaße sind so gigantisch, dass unter ihr die Pariser Kathedrale Notre Dame Platz fände: Rund 110 Meter ist die auf Betonträgern ruhende Konstruktion hoch. Ihre Spannweite liegt bei etwa 260 Metern, ihre Länge - wenn sie fertig montiert ist - bei 165 Meter.

"Der Bau der Bogenkonstruktion hat 2012 begonnen, und wir haben jetzt einen wichtigen Meilenstein erreicht. Der Bogen ist in zwei Hälften errichtet worden, und nun ist auch der zweite Teil fertig und auf die endgültige Höhe angehoben worden."

Balthasar Lindauer ist stellvertretender Direktor der europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung EBRD. Die neue Hülle für Block 4 besteht aus einer zweiteiligen Stahlkonstruktion, die mit Doppelverkleidungen aus Kunststoffmembranen, Isolierschichten und Edelstahlblechen überzogen ist. Derzeit werden die beiden Bögen zusammengefügt: "Wir hoffen, dass das in den kommenden Tagen passiert, noch vor der Winterpause. Wir liegen vor dem Zeitplan."

Alle Arbeiten an diesem sogenannten New Safe Confinement, wie die neue Hülle offiziell heißt, finden zum Schutz vor der Strahlung ein Stück vom Reaktor entfernt statt, erklärt Lindauer:

"Dort wird das New Safe Confinement auch mit allen benötigten Systemen ausgerüstet werden: mit ferngesteuerten Schwerlastkränen zur Demontage des Sarkophags und des Reaktors, mit Stationen für das Behandeln und Verpacken des Atommülls, mit Feuerschutzanlagen und auch einem ausgefeilten Lüftungssystem."

Das soll die Korrosion so weit wie möglich mindern: Schließlich soll dieser zweite Shelter 100 Jahre lang halten.

"Wenn die Ausrüstung fertig montiert ist, wird alles getestet und abgenommen. Danach wird das Ganze in seine endgültige Position geschoben."

Auf Schienen über den baufälligen Sarkophag

Anfang 2017 soll die 30.000 Tonnen schwere Struktur auf Schienen über den noch während der Katastrophe in aller Eile errichteten und inzwischen trotz allen Flickwerks baufälligen Sarkophag geschoben werden. Ist sie an Ort und Stelle, wird sie an ihren Stirnseiten mit luftdichten Wänden verschlossen.

"Nach derzeitigem Zeitplan soll die Inbetriebnahme bis Ende 2017 abgeschlossen sein. Damit endet der Bau des New Safe Confinements und auch unsere Zuständigkeit als EBRD. Mit dem Rückbau von Block 4 haben wir nichts zu tun. Es ist jedoch vorgesehen, dass als erstes die instabilen Teile entfernt werden sollen", erklärt Balthasar Lindauer.

Die EBRD verwaltet die Gelder der 43 Geberstaaten, die der Ukraine helfen Tschernobyl zu stabilisieren. Neben dem New Safe Confinement finanziert die Bank noch zwei weitere Projekte. Da ist einmal die Behandlungsanlage für die radioaktiven, flüssigen Abfälle. Die stammen aus der Betriebszeit der Reaktoren, dazu kommen die aus der Rückbauphase. Alle Abfälle werden mit Spezialbeton vermischt und in Fässer verpackt. Lindauer:

"Diese Behandlungsanlage für flüssige Abfälle ist fertig. Wir erwarten, dass sie nach Durchlaufen der Tests Ende diesen, Anfang nächsten Jahres in Betrieb gehen wird. Außerdem geht es bei unserem dritten Projekt, dem Langzeitzwischenlager für die Brennelemente aus den Blöcken 1 bis 3, wieder vorwärts und auch hier haben wir einen wichtigen Zwischenschritt erreicht."

Umbauarbeiten am Langzeitzwischenlager

Derzeit stehen die mehr 21.000 Brennelemente in einem Nasslagerbecken, dessen Betriebserlaubnis ausläuft. Eigentlich sollte sie in ein Langzeitzwischenlager gebracht werden. Aber das Konzept versagte, das die Firma Framatome - heute Areva - entwickelt hatte. Die Ingenieure waren bei der Planung von intakten Brennelementen ausgegangen, die sie in enge Lagerröhren packen wollten. In die real existierenden Elemente war jedoch Wasser eingedrungen: Damit kann sich Wasserstoff bilden, der enge Röhren aufreißen kann.

Die Lösung kommt von der US-Firma Holtec International. Sie entwickelte doppelwandige Behälter, die größer sind als die ursprünglich vorgesehenen. Deshalb muss Holtec nun die von Framatome errichteten Gebäude anpassen.

"Nachdem nun die Design- und Genehmigungsphase für das neue Konzept abgeschlossen ist, hat der neue Vertragspartner die Anlage übernommen. Jetzt wird das Langzeitzwischenlager umgebaut und fertiggestellt."

Ende 2017 soll die Anlage ihren Betrieb aufnehmen: Über zehn Jahre hinweg werden alle Brennelemente der Blöcke 1 bis 3 in Stücke geschnitten, verpackt und eingeschlossen. Auch diese Arbeiten sind Angelegenheit der Ukraine und nicht der Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. Trotzdem klafft in der Tschernobyl-Bilanz der EBRD derzeit eine Lücke von mehr als 600 Millionen Euro. Und so wird im kommenden Jahr eine neue Geberrunde einberufen werden. Schon jetzt steht fest, dass sich EBRD selbst beteiligen und Gelder aus früheren Gewinnen zuschießen wird.

Läuft später dann unter Federführung der Ukraine alles nach dem Plan, werden die Aufräumarbeiten im ehemaligen "Tschernobyler Kernkraftwerk namens Wladimir Illjitsch Lenin" 2065 abgeschlossen sein: fast 200 Jahre nach Lenins Geburt und fast 80 Jahre nach der Katastrophe. Zu diesen Zeitpunkt wird wohl keiner der Menschen mehr leben, die an dem Unfall und den ersten Aufräumarbeiten beteiligt waren.

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